Hans Sünkel will mehr Studenten Naturwissenschaft und Technik schmackhaft machen. Nach sechs Semestern seien Absolventen solcher Fächer aber nicht unbedingt berufsfähig.
Für eine "sanfte" Regelung des Universitätszugangs plädiert der neue Rektorenchef Hans Sünkel. So will er auch nicht von "Beschränkungen" reden, sondern von "Zugangsregelungen". Es müsse darüber nachgedacht werden, "wie man Studentenströme sanft durch Anreizsysteme in die richtige Richtung lenkt", wie der neue Präsident der Universitäten-Konferenz (uniko) sagt.
Um Studienanfänger für die "richtigen" Fächer zu begeistern, empfiehlt Sünkel eine bessere Information über Studien und Berufschancen. Der "entschiedene Befürworter moderater Studienbeiträge bei gleichzeitigem Ausbau der Stipendien" kann sich aber durchaus auch "finanzielle Anreize" über Kredit- oder Stipendienmodelle vorstellen.
Unis sind ein "Auffangbecken"
Das derzeitige Uni-System ist für den Rektorenchef nur ein "vermeintliches Paradies". Sobald man die offenen Türen durchschritten habe, befinde man sich in einer "Landschaft mit Kapazitätsengpässen". Den Grundsatz "Money follows Student" spiele es bei beschränkten Geldmitteln nicht.
Die Unis seien außerdem ein Auffangbecken für Studenten, die an Fachhochschulen oder Pädagogischen Hochschulen nicht angenommen worden seien, was die Planbarkeit "verdammt schwer" mache: "Eine beliebige Anzahl von Autos auf einer Bundesstraße führt zu Staueffekten", so Sünkel. Gleichzeitig gebe es in zahlreichen Studienzweigen aber noch einen Bedarf an Absolventen - etwa in den "MINT"-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik).
Berufsfähig nach sechs Semestern?
Reformbedarf sieht Sünkel auch bei der Bologna-Architektur: Die Vorgabe, dass mit dem Bachelor innerhalb von sechs Semestern berufsfähige Absolventen die Uni verlassen sollten, "spielt's in manchen Fächern nicht" - als Beispiele nannte er erneut die MINT-Fächer. Nötig sei daher die Erweiterung der Studiendauer auf eine Bandbreite von sechs bis acht Semestern.
An die protestierenden Studenten appellierte Sünkel, "darüber nachzudenken, ob sie ihre Aktivitäten in dieser Form aufrechterhalten". Gleichzeitig erwarte sich die uniko, dass sich die Hochschülerschaft (ÖH) "mehr als bisher einbringt und in einen konstruktiven Dialog eintritt". Einen solchen wollen die Rektoren fördern, indem sie unmittelbar nach Amtsantritt des neuen Wissenschaftsministers diesen sowie die ÖH und die Nationalratspräsidentin zu einem "Gipfelgespräch" einladen, bei dem "wirklich Nägel mit Köpfen" gemacht werden und ein konkreter Fahrplan für Maßnahmen bis zum Sommer 2010 erarbeitet werden soll. Mit den Hörsaal-Besetzern würde Sünkel auch sprechen, um nicht ein eindimensionales Bild vermittelt zu bekommen - dies habe er in Graz schon getan.
"Gründlich bereinigt" werden muss für Sünkel das tertiäre Bildungssystem mit seinen Parallelangeboten. Die Leute auf der Straße würden sich bei den diversen Bachelor- und Mastertiteln der unterschiedlichen Einrichtungen von Unis über FH, PH und Privatunis nicht mehr auskennen: "Ich weiß nicht, ob sich ein so kleines Land solche Parallelstrukturen leisten kann - zum Teil sogar in der gleichen Stadt".
150 bis 200 Mio. Euro mehr gefordert
Bei der Uni-Finanzierung sieht Sünkel mittlerweile den Zeitpunkt gekommen, "die Gelbe Karte zu zücken". Die Unis würden etwa auf einem nur zum Teil ausfinanzierten Kollektivvertrag sitzen, die Overheadkosten für FWF-Projekte nicht mehr bezahlt bekommen und mit wachsenden Studentenzahlen zurechtkommen müssen. Das bisher nur unverbindlich definierte Ziel einer Quote von zwei Prozent des BIP für den Hochschulbereich müsse in Form einer "gesetzlich verpflichtenden Roadmap" in möglichst kurzer Zeit realisiert werden.
Als Zeithorizont schweben Sünkel fünf bis zehn Jahre vor - nötig sei dafür ein jährlicher Zuwachs des Budgets um 150 bis 200 Mio. Euro bereits ab 2010. Die Politik müsse "endlich ein einklagbares Commitment abgeben".
(APA/Red.)