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Mit Federn, Haut und Haar

Verantwortung für Mensch und Tier: Der blinde Fleck der Politik

Ein nachhaltiges Leben wird es auch in Österreich nur in Partnerschaft mit der Natur, nicht aber gegen sie geben.

Die bedrohlich fortschreitende Zerstörung der heimischen Natur steht in seltsamem Kontrast zur weitgehenden diesbezüglichen Ignoranz vonseiten der Politik und den Medien. Das wird einem gerade in Vorwahlzeiten schmerzlich bewusst. In den vergangenen 50 Jahren verloren wir einen Gutteil der Wiesenvögel, der Schmetterlinge und anderer Insekten, wir machten den Bienen das Leben schwer, verbauten wertvolle Lebensräume, so etwa 30 Prozent des Grünlands entlang der Flüsse, bis heute täglich 20 Hektar! Kaum kommen Ökomanager wie Biber, Fischotter oder Wölfe zurück, ertönt Alarmgeschrei, wird illegal getötet, wie gerade wieder ein Luchs im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet.

Selbst Günther Czerkus vom Deutschen Berufsschäferverband (BVBS) meinte dazu: „Natürlich sind Beutegreifer eine ernste Bedrohung. Das gibt uns aber nicht das Recht, Arten auszurotten. Die Zukunft der Schäfereien und der Erhalt der Artenvielfalt sind untrennbar miteinander verbunden. Wir arbeiten gemeinsam daran, dafür Lösungen zu finden.“ Und Schweizer Forstleute stellen neuerdings die positive Wirkung der Anwesenheit von Wölfen auf die Verjüngung des Schutzwaldes fest.

Tatsächlich bedroht der konstruierte Gegensatz zwischen Wirtschaftsinteressen und Naturschutz zunehmend die Menschen selbst. So etwa sind die verschwundenen Grünflächen im Nahbereich der Flüsse wichtige Pufferzonen gegen die immer häufigeren und stärkeren Hochwässer, zudem wichtiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Diese Flächen im Zuge eines naturnahen passiven Hochwasserschutzes den Flüssen zurückzugeben ist daher in vielerlei Hinsicht alternativlos. Österreich ist ohnehin beim Ausweisen von Feuchtgebieten im europäischen Verbund („Ramsar“) säumig, und der ständige Verlust an landwirtschaftlichen Flächen bedroht die Selbstversorgung. Diese Flächen für die Natur und eine extensive Nutzung zurückzugewinnen würde also allen etwas bringen, so man dort nicht noch mehr Mais für Billigschweine anbaut.

Ein nachhaltiges Leben wird es auch in Österreich nur in Partnerschaft mit der Natur, nicht aber gegen sie geben. Was es für eine lebenswerte Zukunft dringend braucht, ist eine Renaturalisierung der Landwirtschaft und der Flüsse sowie eine Respektoffensive für die uns tragende Natur. Denken wir doch an unsere Kinder und Enkel! Was wir ihnen mit heutigem Stand an Natur und Lebensraum noch hinterlassen können, ist ohnehin nur mehr ein müder Abklatsch dessen, was ich als Knabe um 1960 noch erleben durfte, etwa am Neusiedler See.

Einer großen Mehrheit der Österreicher ist Natur- und Artenschutz ein großes Anliegen, wie ihre Spendenbereitschaft zeigt – ebenso wie neueste Umfragen, wonach eine große Mehrheit pro Wolf eingestellt ist, übrigens auch der Jäger! Daher sollte man meinen, Natur- und Artenschutz wären in den Programmen der Parteien, im Wahlkampf und in den Medien ein wichtiges Thema. Fehlanzeige! Die Natur kam nicht nur in den „Sommergesprächen“ nicht vor, sie wird paradoxerweise von Medien und Politik generell ignoriert: Ein wahrlich zynisches Ausblenden eines wichtigen Anliegens der Mehrheit der Bevölkerung durch unsere „Fassadendemokratie“ (im Sinne von Bernhard Hamm).

So ist für mich der stille Skandal in diesem Wahlkampf das völlige Fehlen des brennenden Themas Natur- und Artenschutz. Das lässt für die Zukunft nichts Gutes erahnen.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2017)