Heidegger: „Schwätzer aus dem Schwarzwald“

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Die „New York Times“ stellt die „ethische Frage“: „Verdient ein Nazi einen Platz unter den Philosophen?“

Die Sprachenvielfalt bringt nicht nur Vielfalt, sondern auch Wiederholungen: So sorgt die Übersetzung eines französischen Buchs derzeit in den USA für die Neuauflage einer Diskussion, die in Europa vor vier Jahren geführt wurde. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger habe möglicherweise als Ghostwriter für Hitler Reden geschrieben, behauptete damals der französische Philosoph Emmanuel Faye im Buch „Heidegger, l'introduction du nazisme dans la philosophie“. Und rief dazu auf, Heideggers Schriften auf den philosophischen Index zu setzen. Denn: Heidegger sei möglicherweise so gefährlich für das moderne Denken wie der Nationalsozialismus für das Leben der unter ihm Ermordeten. Faschistische und rassistische Ideen seien so eng mit seinen Theorien verwoben, dass diese nicht mehr den Namen Philosophie verdienten. Stattdessen sollten sie auf den Universitäten in die Geschichte des Nationalsozialismus eingereiht werden, Heideggers Schriften als Hassreden behandelt werden.

Ähnlich schrill ist die Debatte, die die englischsprachige Ausgabe nun in den USA ausgelöst hat. Heidegger sei ein „prätentiöser alter Schwätzer aus dem Schwarzwald“, ein Scharlatan, über den man lachen, nicht Dissertationen schreiben sollte, ätzte Carlin Romano, Kritiker des „Chronicle of Higher Education“, im Essay „Heil Heidegger“. „Eine Schande“ sei der Abdruck dieser Polemik, empörte sich daraufhin in „The New Republic“ Damon Linker. „Moralische Abscheu enthebt den Leser – geschweige denn den Kritiker – nicht von der Last, sich intellektuell mit seinem Gegenstand zu befassen.“ Heideggers Ontologie zeige zwar verstörende Übereinstimmungen mit dem Gedankengut des Nationalsozialismus, sei aber lang vor Hitlers Aufstieg entstanden. Auch die „New York Times“ denkt über die „ethische Frage“ nach: „Verdient ein Nazi einen Platz unter den Philosophen?“

Was ist neu daran? Dass Heidegger 1933/34 eine Art Edelnationalsozialismus unter dem Motto „den Führer führen“ propagiert habe, sei ja bekannt, sagte 2005 der deutsche Philosoph und Heidegger-Biograf Rüdiger Safranski der „Presse“. „Bis auf die Sache mit dem Redenschreiben ist das alles längst publiziert“, urteilte auch Peter Kampits, Philosoph der Uni Wien: „Und das mit dem Redenschreiben ist eine unausgewiesene Behauptung.“


Die stützt Faye auch auf studentische Protokolle von Seminaren, die Heidegger in den Wintersemestern 1933/34 und 1934/35 hielt. Darin rühmt der Philosoph Hitlers Rhetorik, vergleicht sie gar mit dem griechischen Redner Thukydides. „Diese und weitere Indizien“, schrieb Faye 2005 in der „Presse“, „haben mich dazu gebracht, eine Hypothese zu formulieren: Heidegger, der nachgewiesenermaßen mit hochrangigen NSDAP-Mitgliedern aus Berlin und München in Verbindung stand, hätte Ende 1932 an der Verfassung von Memoranden für den Führer beteiligt gewesen sein können. Sinn und Zweck dieser Hypothese ist allein, die Historiker zu Nachforschungen anzuregen.“ Vier Jahre ist das Buch nun alt, von derlei Nachforschungen ist aber nichts bekannt. Vielleicht waren es den Historikern doch zu viele Vielleichts auf einmal.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2009)

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