Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Ukrainisches Präsidenten-Duell: Viktor gegen Julia

Julia Timoschenko.
(c) AP (Virginia Mayo)
  • Drucken

Die Präsidentenwahl in der Ukraine am 17. Jänner läuft auf einen Zweikampf von Ministerpräsidentin Timoschenko gegen Oppositionschef Janukowitsch hinaus. Es wird ein Urnengang wider die Verzweiflung.

Kiew. Wer keinen Kopf hat, tut sich sogar beim Aufhängen schwer. Mit Vladimir Kazanevsky kann man sich unterhalten, ohne dass man dabei gleich trübselig wird. Zu gewinnend ist das Wesen des ukrainischen und international preisgekrönten Meisters der Karikatur. Zum Schmunzelnd ist sein tomografischer Blick in die Psyche der Kreatur. In einem Restaurant an der Kiewer Flaniermeile Chreschatik sagt Kazanevsky: „Der Unterschied zwischen Camus und Sartre ist der, dass es bei Camus noch Hoffnung gab. Wir in der Ukraine leben heutzutage nach Sartre.“

Einen Monat vor den Präsidentenwahlen kommt die Enttäuschung über die vergangenen fünf Jahre noch einmal mit voller Wucht zum Vorschein. Kaum ein Land nämlich wurde von der Wirtschaftskrise schwerer getroffen. Kaum ein Land stand näher am Bankrott. Es konnte nur durch einen Kredit vom Internationalen Währungsfonds (IWF) aufgefangen werden.

Kaum ein Land freilich ist selbst mit dem Umbau der alten Strukturen derart säumig geblieben und im Machtkampf seiner Volksvertreter erstarrt. Dies, obwohl in kaum einem anderen Schwellenland die Aufbruchsstimmung zur Befreiung vom sowjetischen Erbe größer war.

Zumindest die Hälfte des Landes hatte im Jahr 2004 die orange gefärbte rosa Brille aufgesetzt. Zu Hunderttausenden waren die Menschen auf die Straßen geströmt, hatten in ihren Zelten ausgeharrt und verlangt, dass man ihre Stimmen in der Wahlurne richtig zählt. Am Ende musste sich das halbautoritäre Regime von Leonid Kutschma und seinem aus dem russischsprachigen Osten stammenden Thronerben Viktor Janukowitsch geschlagen geben.

 

Janukowitsch Favorit

Mit Viktor Juschtschenko als Präsident und Julia Timoschenko als Premier übernahmen die westlich orientierten orangen Revolutionsführer das Ruder. Das Volk habe damals seine Unmündigkeit überwunden, sagt Kazanevsky: „Ich weiß, was Zensur bedeutet. Und ich weiß, was es heißt, sie abgeschüttelt zu haben. Manchmal gibt es Anzeichen, dass sie wieder zurückkommen könnte.“

Ungleich stärker freilich sind die Anzeichen, dass Kutschmas Expremier Janukowitsch den Sprung an die Staatsspitze schafft. Zumindest beim ersten Wahlgang am 17. Jänner scheint ihm der Sieg vor seiner größten Herausforderin Julia Timoschenko sicher. „Janukowitsch profitiert von der Krise“, sagt Wladimir Fesenko vom politischen Forschungszentrum Penta in Kiew.

Unterschiedliche Umfragen geben Janukowitsch acht bis 14 Prozent Vorsprung vor Timoschenko. Sie, die sich mit ihrem Ex-Weggefährten Juschtschenko überworfen hat, kämpft seit über einem Jahr verzweifelt gegen die widrigen Verhältnisse. Einmal legt sie sich wegen der hohen Sozialausgaben sogar mit dem IWF an, dann lässt sie sich plötzlich von Moskau umschmeicheln und sucht nach immer neuen Geldquellen. „Sie häuft Kredite an wie eine Hündin Flöhe“, ätzte Juschtschenko.

Für Juschtschenko selber ist das Rennen ohnehin gelaufen. Aufgrund seiner Führungsschwäche ist sein Rating auf ein paar wenige Prozentpunkte geschrumpft. Selbst Platz drei ist ihm nicht sicher. Um diesen Rang haben sich andere Figuren, wie Exnationalbankpräsident Sergej Tigipko oder Exparlamentssprecher Arsenij Jazenjuk, in Stellung gebracht.

 

Erstarrtes Elektorat

„Entscheidend wird sein, wer sich die Unterstützung dieser Kandidaten für die Stichwahl sichern kann“, glaubt ein Mitarbeiter Timoschenkos. Für das Land entscheidender wäre, wenn sich die Struktur des Elektorats ändern würde, sagt hingegen Fesenko: „Fünf Jahre nach der Revolution stehen immer noch die orangen Wähler im Westen den russischsprachigen Gegnern der Orangen im Osten gegenüber. In der Mitte sind die Unentschlossenen.“ Laut Fesenko bleibe diese Starre das Hauptproblem. Geändert habe sich lediglich die Stimmung.

Die ist im Keller, sagt Kazanevsky. Er erinnert an seinen ersten Roman ohne Bilder, den er 2005 publiziert hatte. Der Titel: „Homo Gibber“, zu Deutsch „Der bucklige Mensch“. Um „das Werden und den Niedergang einer wunderbaren buckligen Zivilisation“ gehe es darin, sagt Kazanevsky. Und um seinen dortigen Ratschlag: „Bucklige aller Länder: Streckt euch!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2009)