Was passiert mit einer demokratischen Republik ohne Anhänger in Gesellschaft und Kultur? Wie Österreichs Erste Republik dem Untergang entgegentaumelte.
Die Zeiten, in denen Wahlkämpfe mit parteipolitischen Polemiken über 1934 geführt wurden – in der Zweiten Republik gar nicht so selten –, sind 2017 vorbei. Die traumatischen historischen Ereignisse, der blutig ausgetragene bewaffneten Konflikt im Februar 1934, die Ausschaltung der Sozialdemokraten und die Errichtung eines autoritären ständestaatlichen Systems werden differenzierter analysiert. Der Generationenwandel nimmt den erbitterten Grundton aus den Auseinandersetzungen. Fragen persönlicher Betroffenheit oder Schuld werden irrelevant, da Täter und Opfer nicht mehr unter den Lebenden sind. Das berühmte Dollfuß-Porträt aus dem Parlamentsklub der ÖVP wanderte dorthin, wo es eigentlich schon länger seinen Platz hätte finden sollen: ins Museum. Man kann daher das Feld denen überlassen, die sich von ihrer Profession her mit den Schlüsseljahren der gescheiterten Ersten Republik befassen: den Historikern und Politologen.
Doch auch das kann, wie die Vergangenheit zeigt, die Lager spalten. Die Sozialdemokraten beriefen sich in der Zweiten Republik auf Historiker, die argumentierten, die Arbeiterbewegung, unter einer schlechten Führung, habe alles getan, um den ihr aufgezwungenen Bürgerkrieg zu vermeiden. Das bürgerlich-konservative Lager hingegen stützte sich auf Historiker, die die österreichische Diktatur von 1934 bis 1938 als historische Notwendigkeit sahen, um die viel gewaltigere Katastrophe der nationalsozialistischen Aggression zu bekämpfen.