Landesmuseum NÖ: Sanfte Augengymnastik

(c) Helmut Lackinger
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Erste Retrospektive des unterschätzten Werks von Helga Philipp.

Es braucht ein halbes Lebenswerk, bis erstmals jene Person auftaucht, die all diese grauen, schwarzen und weißen Kreise und Rechtecke so ausgeklügelt miteinander komponiert hat, dass sie sich im NÖ Landesmuseum zum eleganten Parcours für sanfte Augengymnastik reihen. Und dann taucht Helga Philipps lachendes Gesicht auch nur auf, um wieder zu verschwinden – auf einer Fotomontage von 1976 wird es mehr und mehr von weißen Streifen verdeckt.

Die 2002 verstorbene Wienerin war keine Künstlerin im Vordergrund, ganz konzentriert arbeitete sie im Stillen mit damals unerhört modernen Materialien wie Plexiglas, Aluminiumstaub oder Autoreifen an einer klaren, geometrischen Formensprache, die Kunst „objektiv“ machen sollte. Eine Utopie – und Credo der „konkreten“ Kunst, deren Hauptvertreterin Philipp neben Richard Kriesche und Marc Adrian in Österreich war. Wie auch deren Botschafterin an die nächsten Generationen – 37 Jahre lang unterrichtete Philipp als Assistentin der Klasse Herbert Tasquils an der Wiener Angewandten. Ihr bislang zu wenig gewürdigter Einfluss auf Schüler wie Gerwald Rockenschaub, Brigitte Kowanz oder Heimo Zobernig wird beim Durchwandern dieser von Brigitte Borchardt-Birbaumer und Carl Aigner zusammengestellten ersten Retrospektive mehr als erahnbar: Die wunderbar feinen kinetischen Objekte etwa, die den Titel der Schau, „Poesie der Logik“, mehr als rechtfertigen. Unterschiedlich breite weiße Kreise, aufgetragen auf mehreren Plexiglasscheiben hintereinander, werden von einer Metallplatte in die Unendlichkeit gespiegelt, beginnen im Auge des passierenden Betrachters zu tanzen.

Kowanz machte den nächsten Schritt und erzielte einen ähnlichen Effekt mit leuchtenden Schlaufen und Schlingen. Rockenschaubs Liebe zu schlichten geometrischen Formen ist wohl ebenso durch diese frühe Konfrontation mit Philipp zu erklären. Nur den Erfolg ihrer Schüler – den konnte Philipp nie erreichen. Hier trifft sie sich mit Birgit Jürgensen, die ganz anders, dezidiert feministisch arbeitete – übrigens zeitweise in einem Stockwerk mit Philipp an der Angewandten. Beide waren introvertierte Arbeiterinnen, beide sind schwer unterschätzt.

Umso vorbildhafter ist diese erste Retrospektive in St. Pölten, ein Museumsprojekt, wie es im Buche steht – mit hohem wissenschaftlichen Anspruch und schwer unterdotiert. So musste etwa auf den Nachbau von Sitzmöbeln verzichtet werden, die Philipp gestaltet hatte. Dies hätte ihren Anspruch auf Demokratisierung der Kunst und ihre Wiener Verankerung (Wiener Werkstätte) verständlicher gemacht. Immerhin wurden aus dem Keller der Hansen-Villa, die Philipp erworben hatte, um großformatig arbeiten zu können, Schätze gehoben, die auch Kenner überraschen. Und zumindest der Katalog erzählt von temporären Projekten wie den weiß bemalten Autoreifen (Kreise!), die Philipp 1971 im Wienfluss (spiegelnde Fläche!) schwimmen ließ.

Philipps spröde, von Op-Art, Zwölfton-Komposition und der konkreten Poesie der Wiener Gruppe beeinflusste Sinnlichkeit macht es dem Betrachter nicht leicht, überträgt ihm eine ungewohnte Last – die der Qualität. Denn für die Bereitschaft, sich optisch irritieren zu lassen, schrieb die Künstlerin, für die „Qualität des Geschehens“ sei schließlich jeder selbst verantwortlich.

ZU PERSON, AUSSTELLUNG

Helga Philipp (1939–2002) wurde in Wien geboren, begann mit 14 ihre künstlerische Ausbildung an der Angewandten, wo sie 37 Jahre lang unterrichtete. Sie war Pionierin der konkreten Kunst und Op-Art in Österreich.

„Poesie der Logik“, NÖ Landesmuseum, bis 24.Mai, Di.–So. 9–17 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2009)

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