Vom Bürgerschreck zum Bürgerschatzi

Was prägte das Künstlerbild der Nullerjahre?

Die Beantwortung dieser Frage nahm mir bezeichnenderweise der eloquente Chefauktionator eines der erfolgreichsten internationalen Auktionshäuser ab: der deutsche, immerhin einst im Wiener Kunstbetrieb sozialisierte Tobias Meyer von Sotheby's. Bei einem Vortrag in der Albertina stellte er die Wandlung des revolutionären Bürgerschrecks ins kapitalistische Bürgerschatzi fest. Immerhin – das ist allemal besser als vor der Krise, als der Starkünstler so neureich sein musste wie seine Oligarchen.

Der wohl angenehmste Nebeneffekt dieser Tendenz ins Bürgerliche aber ist der Rückzug der Galerien in die Beletagen, endlich raus aus den grellweißen zugigen Gassenlokalen mit den großen Fensterfronten, die mit ihren hinter hohen Empfangspulten verbarrikadierten Galeristen die ewige Schwellenangst nur noch schürten.

In Berlin ist dieses Kunstbetriebs-Cocooning bereits allgegenwärtig. In Wien überspitzen zurzeit zwei junge Kunsthistoriker und ein Kurator diesen Trend sogar noch, indem sie in einer fürstlichen Wohnung in der Liechtensteinstraße noch bis Sonntag den „Salon Österreich“ führen: Eine grandiose Idee, eine ambitionierte (Verkaufs-)Ausstellung – 36 in Berlin wohnende Künstler haben sich tatsächlich bereit erklärt, Arbeiten zu schicken oder extra anzufertigen, die ihrer Meinung nach mit Österreich zu tun haben. Selbst Vielbeschäftigte wie Ralf Ziervogel oder Thomas Scheibitz sagten sofort zu, was selbst die Organisatoren Fritz Schulenburg, Nina Neuper und Peter Lang überraschte.

Überraschend ist auch das Ergebnis, das neben einigen Köstlichkeiten wie die Hommage an Mark Twains Österreich-Aufenthalt des Zeichners ATAK zum Teil auch heftig Ösi-Klischees strapaziert – von den Habsburgern über die Sachertorte zum Walzer. Jedenfalls Grund genug, um zurückzuschlagen – hiermit sei der von österreichischen Künstlern bespielte „Salon Deutschland“ in Berlin gefordert, ganz ohne Schmäh.

Liechtensteinstraße 8, II. Stock, Wien 9, bis 20.12., 12–18h.


almuth.spiegler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2009)

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