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14-Jährige in Wien getötet: Gewaltausbruch in "befleckten" Familien

Die Leiche der 14-Jährigen wird nach der Bluttat am Montag abtransportiert
Die Leiche der 14-Jährigen wird nach der Bluttat am Montag abtransportiertAPA/HERBERT NEUBAUER
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Nach der Bluttat an einer 14-Jährigen durch ihren Bruder steht der Verdacht auf einen sogenannten Ehrenmord im Raum. Soziologe Güngör über Ehrbegriffe und wie sie sich verändert haben.

"Der Wert der Familie misst sich an der Sittsamkeit der Frauen und an der Wehrfähigkeit der Männer." Das sagte der Soziologe Kenan Güngör nach der Tötung einer 14-Jährigen, die ihr 18-jähriger Bruder begangen haben soll. Aufgabe der Männer sei es, die schwächeren Familienmitglieder zu beschützen, betonte der Experte.

Traditionell wird dem Soziologen zufolge Ehre sehr stark über die Sexualität und Keuschheit von weiblichen Familienmitglieder definiert. In Zusammenhang mit der Bluttat von Montag steht ein sogenannter Ehrenmord im Raum.

Gruppendruck groß

Güngör erklärte, es gebe zwei Stufen von Schande. Auf der ersten Stufe wird die Familie "befleckt". Das passiert zum Beispiel, wenn die "Frau aus der Wohnung ausbricht, sich nicht sittsam verhält oder angesprochen wird". Eine Stufe schlimmer sei, wenn die Schande nicht gerächt wird. "Die kollektive Schmach wird verdoppelt, wenn ich das nicht vergelte", erklärte er. Der Gruppendruck sei sehr groß.

Wichtig sei ihm zu betonen, dass es auch genug andere Mordfälle gebe, ohne dass Ehre im Spiel sei. Der Unterschied ist laut dem Soziologen: "Während es zum Beispiel bei Eifersuchtsfällen gesellschaftlich geächtet wird, wird ein Ehrenmord kollektiv (innerhalb der Familie, Anm.) gelobt." In einer strengen Kultur werde der Mann sogar dazu genötigt zurückzuschlagen. "Der kollektive Druck macht die Menschen konservativer, als sie eigentlich sind."

Ehrenmorde nur Spitze des Eisberges

Ehrenmorde seien außerdem nur die Spitze des Eisberges. Ein strenger Ehrbegriff bringe auch psychische und physische Gewalt in der Familie hervor. Gegenwärtig sieht Güngör ein "Revival" des traditionellen Ehrbegriffs. Konservative Lebensentwürfe nehmen wieder zu. Dann steige der soziale und kollektive Druck und die darauf folgende Gewalt. Er sagte: "Wir dürfen erwarten, dass erwachsene Menschen in Österreich einen Lernprozess durchmachen. Wir müssen das in der Gesellschaft bewusster und empathischer vermitteln."

Der Ehrbegriff und dieses Grundprinzip sei weltweit der gleiche und unabhängig von Religion und Herkunft. Unterschiede sieht der Experte darin, wie dominant und wichtig der Ehrbegriff ist. "Für einige spielt das überhaupt keine Rolle. Einige gehen flexibel damit um. Dann gibt es noch sehr traditionelle Familien, die konservativ handeln", sagte er.

Im letzten Jahrhundert habe sich der Ehrbegriff in Mitteleuropa sehr verändert. "Das ist alles nicht lange her und es war ein mühsamer Kampf."

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(APA)