Das Theaterpublikum von morgen ist ihr Publikum von heute: Österreichische Kindertheatermacher im Porträt.
Das „Publikum von morgen“, das kann Holger Schober gar nicht hören: „Das ist das Publikum von heute!“, sagt er. Ein Klischee natürlich. Aber mit Klischees kennen sie sich aus, die Kindertheatermacher. Denn ihre „erwachsenen“ Kollegen nehmen sie und ihre Arbeit nur zu gern nicht ganz für voll. „Meine schönste Anekdote zu dem Thema“, erzählt Schober, „handelt von einer Begegnung mit einem ehemaligen Professor vom Reinhardtseminar. Als ich dem erzählt hab, dass ich künstlerischer Leiter im uhof in Linz bin, hat er zu mir gesagt: ,Oh, das tut mir leid für dich‘“. Auch dass es beim Theaterpreis Nestroy keine Sparte für Jugendproduktionen gebe, sei ein Zeichen der mangelnden Anerkennung.
Auch Henry Mason vom Theater der Jugend und Marianne Artmann vom Dschungel Wien sind es gewöhnt, dass ihre Arbeit nicht als gleichwertig angesehen wird: „Es ist schwierig ernst genommen zu werden, schwierig, dass auch mal Kritiken über Stücke in der Zeitung erscheinen.“ Außerdem würde sich Artmann wünschen, dass man im Bereich Kindertheater differenziert: „Man wirft ja auch nicht den Musikantenstadl, ein Jazzkonzert und das Burgtheater mitsamt all ihren unterschiedlichen Zielgruppen in einen Topf.“ Apropos Burgtheater: Auch dort kümmert man sich seit heuer um die heranwachsenden Bühneninteressierten. Annette und Peter Raffalt setzen auf den Mitmachfaktor mit Praktika und Jugendklubs, und waren damit schon in Zürich und Bochum erfolgreich.
Egal, wie sehr sie sich damit herumschlagen, selbst zu wenig ernst genommen zu werden – am wichtigsten ist allen Kindertheatermachern, ihr Publikum ernst zu nehmen. Billige Didaktik kommt ihnen nicht auf die Bühne, billige Schmähs aber auch nicht: „Ach, Kinder, die lachen doch eh über alles – nein, so ist es nicht“, sagt Annette Raffalt. Aber kaum jemand nimmt seine Protagonisten auf der Bühne so ernst wie Traude Kossatz vom Figurentheater Lilarum: Sie sieht es nicht einmal gern, wenn eine Puppe die andere anrempelt . . .
Lilarum - Traude Kossatz
Im kleinen Theater in Wien Landstraße freut man sich zugegebenermaßen auch ein wenig, wenn Weihnachten vorbei ist. „Da sind die Mitarbeiter schon ziemlich geschlaucht“, sagt Traude Kossatz. Kein Wunder, wird doch im Lilarum noch am 24. 12. dreimal „Weihnachten im Winterwald“ gegeben. „Da sind wir immer voll. Da kommen die Großeltern und die Väter, während die Mütter daheim den Baum aufputzen.“
Traude Kossatz hat das Lilarum-Theater 1980 gegründet, mittlerweile kommen schon frühere Besucher mit ihren Kindern. Oder sogar mit Enkelkindern. Jede einzelne der Puppen hat Kossatz selbst hergestellt. Wie viele es mittlerweile sind, kann sie nicht sagen, „aber sicher über 500“. Und ja, es gibt besonders beliebte Tiere beim drei- bis achtjährigen Publikum, zum Beispiel die Schildkröte. Oder den Hasen. Oder das Eichhörnchen.
Keine der Figuren kommt übrigens ein zweites Mal in einem Stück vor. Und das liegt nicht daran, dass die Besucher die Puppen nach jeder Vorstellung streicheln dürfen. Gut, ein paar Abnützungserscheinungen gibt es dadurch schon. Aber eines gibt es nicht: zerstörte Illusionen. „Die Kinder sehen die Stangen, auf denen die Figuren montiert sind, nicht. Für sie ist das die Figur und die ist lebendig.“
In ihrer eigenen Kindheit war Traude Kossatz vor allem in Ottakringer Kasperltheatern: „Damals gab es ja noch unglaublich viele.“ Von Pädagogik im Theater hält Kossatz nicht viel. Gewisse Grundregeln gibt es aber. So sollen etwa Figuren keine Späße auf Kosten anderer Figuren machen. Außerdem will
Kossatz vermitteln, dass „die Welt eigentlich gut ist“. Gags für Eltern sind übrigens rar, denn: „Diese Stunde gehört den Kindern. Die haben ein Recht drauf.“
www.lilarum.at
Junge Burg - Annette und Peter Raffalt
Annette Raffalt hat’s zumindest in einer Hinsicht leicht: Wenn sie sich Aufmerksamkeit verschaffen will, weil wieder alles andere wichtiger ist als „ihre“ Kinder und Jugendlichen, dann sagt sie in der Theaterdirektion schon mal: „Ja, und gestern haben wir die Kleinen nackt tanzen lassen . . .“ Da hören ihr dann alle ganz schnell zu. Es hilft aber auch, dass der Burgtheaterdirektor ihr Bruder ist.
Schon in Zürich hat sie mit ihrem Mann Peter die Jugendschiene geleitet. In Wien ist es ein bisschen anders: „In Wien ist Theater gelebte Kultur, das merkt man.“ Und: „Die Wiener sind frischer und offener als die Schweizer.“ Das zeigt sich vor allem bei der „Schauspielbar“, die monatlich stattfindet (nächstes Mal: 19. 12., Vestibül) und bei der Jugendliche ihren persönlichen Auftritt haben. Das „persönlich“ nehmen die meisten auch ernst, viele lesen Gedichte und erzählen aus ihrem Leben. „Das würden die Schweizer nie machen“, sagt Peter Raffalt. Er betreut 18- bis 25-Jährige beim „Theaterjahr“, Praktikanten sind über die ganze Burg verstreut.
Annette Raffalt findet, dass das Theater von den jungen Besuchern profitiert: „Die bringen frischen Wind. Bei den Proben für ,Zauberer von Oz‘ waren die Schauspieler immer schon total aufgeregt, wenn die Kleinen, die die Mäuse gespielt haben, gekommen sind.“ Aber natürlich funk-tioniert das auch in die andere Richtung: „Das ist schon grandios für die Kinder, etwa mit Udo Samel auf der Bühne zu stehen.“ Im Sommer veranstaltet die „Junge Burg“ auch ein „Schülertheatertreffen“, für das sich interessierte Lehrer (und Klassen) schon anmelden können. Peter Raffalt: „Viele junge Leute sagen, ich geh doch nicht in die Burg, da brauch ich Anzug und Krawatte und muss mir Goethe anschauen. Wir zeigen ihnen, dass es da auch anderes gibt.“ Er selbst hat in seiner Kindheit übrigens gern Theater im TV gesehen. Seine Frau wiederum zog es schon in der Jugend auf die Bühne.
Theater der Jugend - Henry Mason
„Kinder spüren schnell, wenn man ihnen Moral und Werte andrehen will. Und dann reagieren sie mit Unwillen. Wie es so schön heißt: Man spürt die Absicht und ist verstimmt“, sagt Henry Mason, der es als Oberspielleiter des „Theaters der Jugend“ ja wissen muss. Davor war er schließlich auch für die Kinder am Linzer Landestheater zuständig.
Deshalb geht es in den Produktionen des TdJs in erster Linie nicht um Pädagogik, sondern um „Erleben und Erfahren“. Und das am liebsten in Kinderklassikern wie aktuell „Das doppelte Lottchen“ oder „Pinocchio“. „So einen Klassiker macht aus, dass es um urmenschliche Situationen geht. Pinocchio etwa sucht die Balance zwischen Freisein und Sichanpassen, zwischen ,Ich will‘ und der Verantwortung für andere.“ Zeitgeistigere Themen greift das Theater der Jugend aber auch auf, etwa die Ausländerproblematik oder die Folgen von Scheidungen. Inspirieren lässt sich der Sohn eines Opernsängerehepaares, der schon selbst als Kind auf der Bühne stand, in England. „Dort gibt es weniger Produktionen, weil es weniger Subventionen gibt. Aber das, was es gibt, ist mutiger.
Ich habe letztens in London ein Stück über Pferde im Ersten Weltkrieg gesehen, eine furchtbare, traurige Geschichte, die schreckt vor nichts zurück. Das war ab neun Jahren. Das ginge bei uns nicht so
früh . . .“
www.tdj.at
u\hof Linz - Holger Schober
Es war eigentlich ein Zufall. Holger Schober hatte vor drei Jahren das Stück „Hikikomori“ geschrieben, über einen Burschen, der sein Zimmer seit Jahren nicht verlassen hat und mit seiner Umwelt nur mehr über Computer kommuniziert. Damit traf er unverhofft den Nerv der Zeit. Und lernte, nach vielen einschlägigen Aufträgen, das Schreiben für Jugendliche lieben und schätzen: „Weil ich ein Geschichtenerzähler bin. Mich stört beim Erwachsenentheater, dass es nur mehr um Ironie geht, darum, eine Geschichte zu brechen.
Romeo und Julia, sagen alle, kann man nicht mehr spielen und weil wir das wissen, tun wir nur so, als ob wir’s spielen. Es geht nur mehr um die Form. Mir geht es aber um den Inhalt. Ein Achtjähriger sagt nicht, ich versteh’s zwar nicht, aber es hat eine interessante ästhetische Form, dann wird’s schon Kunst sein. Der sagt nur: „Langweilig, versteh ich nicht.“ Schober ist künstlerischer Leiter des u\hof, der Jugendabteilung des Landestheaters Linz.
Außerdem ist er beteiligt beim Theater im Klassenzimmer, und das ist ganz wörtlich zu verstehen. Ein Stück etwa handelt von Alkoholismus (für die Oberstufe), ein anderes von Scheidung (Volksschule). Die Themen, die den Jugendlichen gerade unter den Nägeln brennen, will Schober angreifen. In der nächsten Spielzeit hat er deshalb „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind am Plan. „Österreich ist, was sexuelle Aufklärung betrifft, in Europa auf dem letzten Platz. Ich habe ein Interview mit einer 15-Jährigen gelesen, die hat gesagt, sie weiß, was Analsex, was Oralsex, was eine Domina ist – aber sie hat keine Ahnung, was Liebe ist. Zu Wedekinds Zeiten hat man nicht darüber gesprochen und deswegen nichts gewusst. Und heute wird zu viel drüber gesprochen und deswegen weiß man nichts.“
www.uhof.at
Dschungel Wien - Marianne Artmann
„Ab neun, zehn Jahren wird es schon schwierig, es ist unglaublich, was die Kinder da für einen Tagesplan haben. Schule, Aufgabe, Musik, Sport. Wie soll man da noch Theater unterbringen?“, sagt Marianne Artmann. Sie ist Dramaturgin und stellt gemeinsam mit Intendant Stefan Rabl den Spielplan des „Dschungel Wien“ zusammen.
Da hat sie festgestellt, dass derzeit besonders die Stücke für die ganz Kleinen boomen: „Theater für Zwei- bis Sechsjährige, da gibt es viel mehr Nachfrage bei uns als Angebot.“ Ein Trend, der aus Italien, Frankreich und Skandinavien kommt. Gerade diese Stücke sind für Artmann immer wieder besondere Erlebnisse: „Da stellt man dann ganz überrascht fest, wie sehr es um einen selbst geht, ich habe etwa bei einer Vorstellung von ,Das Kind der Seehundfrau‘ miterlebt, wie sich die Stimmung unter den Eltern plötzlich geändert hat, die waren ganz elektrisiert.“ Der Dschungel gibt nicht zuletzt auch deshalb nur Altersuntergrenzen an: „Verrückterweise funktionieren Produktionen, die von drei bis acht Jahren gehen, dann wieder
ab 16.“
Das Theater für die Kleinsten ist auch ganz anders gestrickt: „Da kann man nicht Geschichten mit Handlungsbögen erzählen, die Zweijährigen können sich nicht merken, was vor einer Viertelstunde passiert ist, da muss alles jetzt geschehen.“ In ihrer eigenen Jugend hatte Artmann, die auch schon beim Kinderfestival Szene Bunte Wähne gearbeitet hat, in Wels nicht viel Auswahl. Umso erstaunter war sie im Studium: „Ich war platt, als ich gemerkt habe, welche Qualität Kindertheater haben kann.“ Dementsprechend betont sie auch, dass der künstlerische Ansatz im Dschungel das Wichtigste bleibt: „Wir machen keine Bildungsvermittlung oder Lebenshilfe. Es geht uns nicht um Theater als Mittel zum Zweck.“
bis 29. 12.: Der lebende Adventkalender. www.dschungelwien.at