Mozzarella-Cover, fiktive Vorköchinnen oder Diätpropaganda: Das Buch „Feast for the Eyes. The Story of Food in Photography“ zeichnet die Entwicklung der Food-Fotografie nach.
Was heute Pfingstrosen für Törtchenfotos auf Instagram sind, waren vor einigen Jahrzehnten aufgefächerte Essiggurkerln: Ein Dekorationsobjekt, ohne das in der Essensfotografie nichts geht beziehungsweise ging. Das Buch „Feast for the Eyes. The Story of Food in Photography“, herausgegeben von der auf Fotografie spezialisierten Aperture Foundation, zeichnet diese Entwicklung nach. Und zeigt unter anderem, wie viele Kochbücher schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts von US-Lebensmittelfirmen wie Knox-Gelatine finanziert wurden und mit welchen Rassen- und Geschlechtertypen man mitunter hantierte: Bei Aunt Jemima etwa, der afroamerikanischen Titelfigur der gleichnamigen Rezeptheftserie eines Backmischungs- und Sirupherstellers. Im Lauf der Zeit wurde Aunt Jemima zwar variiert, gemein bleibt den Figuren über die Jahre aber ein gewisser Nimbus des Sklavinnenstereotyps.
„Knox On-Camera Recipes: A completely new guide to Gel-Cookery“. Ein Beispiel für Kochbücher, die von einem Lebensmittelkonzern herausgegeben werden, publiziert 1963. Knox-Gelatine war schon im Jahr 1908 der weltweit größte Gelatineproduzent. (c) (c) Fotograf unbekannt/Titelbild „Knox On-Camera Recipes“
1948 wurde dieses Buch von der Procter & Gamble Company herausgebracht. Für viele Amerikaner ist es ein Teil ihrer Kindheit, dank Rezepten wie Pecan Puffs – runde Kekse mit Pekannüssen. (c) 1963, Fotograf unbekannt/Titelbild „New Recipes for Good Eating“, 1949
Unter dem Markennamen „Aunt Jemima“ wurden seit 1889 nicht nur Rezeptsammlungen herausgebracht, sondern auch Pancake-Fertigmischungen und Sirups (auch in einer braunen Flasche in Form einer Frauenfigur). Das Logo, das sich im Laufe der Zeit immer wieder stark veränderte, zeigt das Stereotyp einer afroamerikanischen Köchin, oft mit Stirnband. (c) Fotograf unbekannt/Rückseite„Aunt Jemima’s Magical Recipes“, 1954,
Dieses bedeutendste Kochbuch der UdSSR wurde von einem Kollektiv von Ernährungswissenschaftlern verfasst. Herausgeber: das Volkskommissariat für Nahrungsmittelindustrie der UdSSR. Die erste Ausgabe erschien 1939, seit 2012 gibt es eine englische Übersetzung. (c) Fotograf unbekannt/Seiten aus „The Book of Tasty and Healthy Food“, 1955
Die Fliege in dieser Ausgabe des „Book of Cakes“ (1903) hat sich einen prächtigen Platz ausgesucht, um zu landen (und zu sterben): neben Kuchen aus Savoy-Formen. McLaren and Sons hatten die Bilder am Ende des 19. Jahrhunderts in London ursprünglich als Druckserie für Kuchenbäcker herausgegeben. (c) Fotograf unbekannt/Seiten aus „The Book of Cakes“, 1903
Betty Crocker sollte anfangs nur Mehl bewerben. Es entstanden allerdings zahlreiche Radiosendungen, Rezeptsammlungen und Fertiggerichte aus dieser 1921 von der Washburn Crosby Company geschaffenen Marke – dass Betty Crocker eine fiktive Figur ist, kam nämlich erst recht spät ans Tageslicht. (c) Fotograf unbekannt/Seiten aus „Betty Crocker’s Picture Cookbook“
1984 veröffentlicht: das Kochbuch der britischen Grande Dame der Liebesliteratur, Barbara Cartland, die insgesamt über eine Milliarde Bücher verkaufte. Die Fotos für „The Romance of Food“ wurden auf ihrem Landsitz in Hertfordshire gemacht, die Speisen (nach Rezepten ihres Privatkochs) mit dem hauseigenen Krimskrams dekoriert. (c) David Johnson, Seiten aus „The Romance of Food“, 1984
1941 bei Condé Nast gegründet, gilt das monatliche „Gourmet. The Magazine of Good Living“ als die erste Zeitschrift, die sich Wein und dem sogenannten gehobenen Genuss widmete. Cover: April 1981 (l.), November 1983 (r.). (c) 1954, „Gourmet“-Covers/Ronny Jaques, Nov. 1983/April 1981
1942 wurde von der Farm Security Administration (FSA) der Standbildfilm „Victory in an eggshell“ produziert, mit schlichten Botschaften, von denen viele heute zeitgemäß wirken: „Grow your own“, „Can your own“, „Cure your own“. Die FSA war gegründet worden, um Kleinbauern zu helfen. (c) Farm Security Administration/Fotos aus „Today’s Storage Is Tomorrows Dinner“, Buchcover: Irving Penn: „Salad Ingredients“, NY 1947
Retro-Rezepte im Bild
Inszenierung. Wer alte „Gusto“-Hefte sein Eigen nennt, ob aus den 1980er- oder 1990er-Jahren, kann zu Hause eine ähnliche Entwicklung nachvollziehen, wie sie die Autorin von „Feast for the Eyes“, Susan Bright, mit den im Buch dokumentierten „Gourmet“-Magazinen zeigt: So war im Jahr 1981 Mozzarella mit Paradeisern (und Petersilie, nicht Basilikum) noch ein Cover wert.
Essen, so Bright im Vorwort des Buchs, dessen Erlös zum Teil an die karitative Organisation Food Bank For New York City geht, kann Nationen mitformen, Stereotype verstärken oder sie untergraben. Essen – und vor allem, wie Essen inszeniert wird – war immer auch ein Spiegel einer Gesellschaft, einer Zeit. Das lässt sich entlang jener Beiträge in diesem Buch nachvollziehen, die die Food-Fotografie abseits der Kochbuchindustrie dokumentieren: Bei Fotografen wie Weegee alias Arthur Fellig, der in den 1950er-Jahren unter anderem Kindergeburtstagspartys festhielt, William Eggleston, der in den 1970ern das Innere von Kühlschränken dokumentierte, oder bei Martin Parr mit seinen radikal unmittelbaren Aufnahmen aus dem modernen Proletariat.
Tipp
Fotogeschichte. Neben den gezeigten Bildern sind in „Feast for the Eyes. The Story of Food in Photography“ (Susan Bright, Aperture) auch Fotos von Irving Penn oder Helmut Newton zu sehen. Ein Teil des Erlöses geht an die Food Bank For New York City. aperture.com
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