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Gratwanderer zwischen Fakt und Fake

Simon Hadler will mit seinem Buch die Welt zwischen Fakten und Fake einordnen.
Simon Hadler will mit seinem Buch die Welt zwischen Fakten und Fake einordnen.(c) ORF.at/Christian Öser
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ORF-Journalist Simon Hadler erklärt in einem reich illustrierten Buch, wieso uns Fakten zeigen können, dass unsere Welt nicht ständig schlechter wird. Der ORF will mit faktoderfake.at Falschnachrichten entlarven.

Er sieht sich gewissermaßen als Vermittler zwischen zwei Welten, jener der Fakten und jener der Stimmungen. Deshalb hat Simon Hadler beschlossen, so etwas wie eine Anleitung für das korrekte Lesen von Daten, Grafiken und Fakten zu erstellen. Als leitender Kulturredakteur von ORF Online, der sich vor allem mit Migrationsthemen (sein erstes Buch erschien 2005: „Faktencheck Asyl“) auseinandersetzt, kennt er sich auch mit den digitalen Mechanismen der Gegenwart aus.

Hadlers These ist: Nicht die zuletzt so oft erwähnten Fake News, also die wirklich falschen oder erfunden Nachrichten, sind das Problem, sondern vorhandene Fakten, „die aus den verschiedensten Interessenslagen in ein seltsames Licht gerückt werden, von Politikern aller Seiten, von Boulevard- und Qualitätsmedien“. Sie lassen sich also situationselastisch interpretieren. Obwohl uns das Internet den Zugriff auf Daten und Fakten oder Aussagen von Politikern erleichtert, wird es für Medien und mündige Bürger immer schwerer, sie korrekt zu lesen.


Amputierte Balken. In seinem Buch „Wirklich wahr!“ gibt er also Antworten auf folgende Fragen: Woher bekomme ich Fakten? Wie sind sie zu lesen? Worauf muss ich achten? Er nähert sich dem Thema von zwei Seiten, von jener der Medienmacher und jener der Medienkonsumenten. Er schreibt von amputierten Balken in Infografiken, Facebook-Empfehlungen und polierten Grafiken. Ergänzt wird das durch Illustrationen des Grafikers Stefan Rauter.

Generell rät Hadler in seinem Buch zu mehr Gelassenheit mit dem Thema: „All die Hasspostings, das Schattenfechten im virtuellen Krieg, die Halbwahrheiten, die zweifelhaft kontextualisierten Fakten, die unkommentiert transportierten Lügen von Politikern, die Fake News“ hätten nur so viel Macht, wie wir selbst ihnen einräumen.


Faktenchecker als Feuerwehrleute. Apropos Fake News: Braucht es eigene Plattformen, die Fakten checken und Lügen aufzeigen? Auf dem Internetportal „Übermedien“ des deutschen Medienjournalisten Stefan Niggemeier wurden die Faktenchecker unlängst als „Feuerwehrleute, die auf Brandstifter warten“, bezeichnet: Die befürchtete „Riesenwelle von bewussten Falschmeldungen“, mit denen die deutsche Bundestagswahl am heutigen Sonntag beeinflusst werden sollte, sei ausgeblieben, schreibt Autor Yannik von Eisenhart Rothe über „Faktenfinder“, „Faktenfuchs“, „Echtjetzt“ und „BR Verifikation“. Aber vielleicht ist es ja besser, einen Löschtrupp zu haben, bevor ein Brand ausbricht? Das hat man sich offenbar beim ORF gedacht – und gemeinsam mit der Fachhochschule Hagenberg und der Technischen Universität Wien ein Computerprogramm entwickelt, das Fake News automatisch erkennen soll.


Polit-Fakes entlarven. Die Website http://faktoderfake.at beschlagwortet täglich 80.000 Facebook-Postings, sie werden semantisch analysiert, mit den Datenbanken verglichen und so auf Plausibilität überprüft. Ist ein Beitrag grün hinterlegt, ist er plausibel. Erscheint er in Rot, ist er es nicht. Es gehe vor allem darum, Fake News zu entlarven, die von politischen Parteien verbreitet werden, sagte ORF-eins-Info-Chefin Lisa Totzauer bei der Präsentation des Programms auf den Medientagen. Als Beispiel wird auf der Website jenes Facebook-Posting genannt, das FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache vor zwei Jahren teilte. Darin wurde die falsche Behauptung aufgestellt, dass Flüchtlinge Supermärkte plündern würden. Da Strache viele Facebook-Freunde hat, wurde das Posting binnen Stunden 5000 Mal geteilt, 7000 Mal „geliked“. Das Tool befindet sich „derzeit noch im Betastadium und in konstanter Weiterentwicklung“, heißt es auf faktoderfake.at. Inhaltlich soll es noch um Twitter und andere soziale Netzwerke erweitert werden. Man wolle „eine Orientierung in der oft unübersichtlichen Welt der Online-Medien bieten“.

Simon Hadler: „Wirklich wahr! Die Welt zwischen Fakt und Fake“, Illustrationen von Stefan Rauter, Deuticke.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2017)