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Philippe Jordan: "Große Oper für das Publikum"

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Philippe Jordan, eben zu Gast im Wiener Musikverein, bereitet sich auf sein neues Amt als Chefdirigent der Pariser Oper vor – will aber Wien nicht ganz aus den Augen verlieren.

Philippe Jordans Karriere verfolgen österreichische Musikfreunde mit besonderer Spannung. Unvergessen ist die Zeit des Dirigenten an der Grazer Oper, an der er als blutjunger Mann begann und sogleich die Herzen von Orchester und Publikum erobern konnte. Seit seinem Weggang hat Jordan sein Repertoire in Berlin und Zürich erweitert – unter anderem mit der Wiederaufnahme des ursprünglich von Welser-Möst einstudierten „Rings des Nibelungen“ an der Zürcher Oper.

Der „Ring“ steht nun auch am Beginn der Tätigkeit Jordans als Chefdirigent in Paris. Im Verein mit dem neuen Intendanten Nicolas Joel will der Maestro die Pariser Opernlandschaft ein wenig verändern. Im Gespräch mit der „Presse“ erklärt er, wie. Dass seine Wahl auf Paris gefallen ist, hat, wie er sagt, mit einer Art Dreifragenprobe zu tun: „Einmal muss das Verhältnis mit dem Orchester passen. Dann muss man sich mit dem Intendanten gut verstehen. Und schließlich muss man an einem Ort arbeiten, an dem man gern leben möchte. Diese drei Parameter müssen stimmen. Und sie stimmen in diesem Fall, denn auch das Verhältnis mit Nicolas Joel ist prächtig.“

 

Paradigmenwechsel an der Seine

Die musikalischen Herausforderungen sind gewaltig: „Das Haus hatte lange Zeit keinen Musikdirektor mehr“, sagt Jordan und erinnert an Versprechungen von einst, die nie eingelöst wurden: „Bei Gerard Mortier gab es die Fama von den sieben großen Dirigenten, die konsequent mit dem Orchester arbeiten würden. Davon ist in Wahrheit dann nur einer übrig geblieben. Was uns wichtig ist: die Herstellung eines musikalischen Fundaments. Zumal in den letzten Jahren die Pariser Oper sehr aufs Szenische fokussiert war.“

Die Ausgangsbedingungen sind dennoch nicht übel: „Man darf sagen“, kommentiert Jordan, „dass das Opernorchester das beste Orchester Frankreichs ist. Und es ist ein sehr flexibles Orchester. Denn es waren Künstler wie Seiji Ozawa, Christoph von Dohnányi oder Waleri Gergijew da, die die Musiker auf jeweils sehr unterschiedliche Weise gefordert haben. An Flexibilität mangelt es also bestimmt nicht. Was aber gewiss fehlt, ist die Antwort auf die Fragen: Wer sind wir? Wo stehen wir? Wie definieren wir uns? Fragen, die man nur in klanglicher Hinsicht beantworten kann. Wir verbinden mit dem typisch französischen Klang eine spezifische Leichtigkeit, Durchsichtigkeit. Das Orchester verfügt tatsächlich über sehr gute Bläser, die sehr sauber, sehr akkurat spielen. Jetzt ist aber wichtig: Was drücken wir aus?“

Dass Wagners „Ring“ am Anfang dieser Definitionsphase steht, ist von Jordan beabsichtigt. Auf „Rheingold“ und „Walküre“ folgen nächste Saison „Siegfried“ und „Götterdämmerung: „Das war mir wichtig. Ich habe da jede Spielzeit zwei große Stücke, bei denen ich mich mit dem Orchester in einer ganz bestimmten stilistischen Richtung auseinandersetzen kann. Überdies ist es natürlich spannend, mit einem französischen Orchester den ,Ring‘ zu machen. Wir müssen da ein spezifisches Sostenuto-Spiel entwickeln, der Klang muss Fleisch haben, doch andererseits wollen wir natürlich die geschilderten französischen Vorzüge nützen – so wollen wir zusammenwachsen.“ Im ersten Jahr wird Jordan nur die beiden Wagner-Premieren leiten. Ab der zweiten Spielzeit kommen Opern von Mozart, Richard Strauss und italienisches Repertoire dazu.

Bereits heuer fällt auf, dass Joel und Jordan bei ihrer Spielplangestaltung auf große Repertoirebrocken setzen: „Große Oper für das Publikum, so lautet das Motto“, sagt Jordan, „neben Wagner haben wir heuer auch ,Wozzeck‘, ,Tote Stadt‘ oder ,Salome‘ – das ist auch für das Orchester wichtig, denn das Repertoire in den vergangenen Jahren war doch, sagen wir, etwas spielerischer. Da gab es vielleicht zwischendurch einmal einen ,Tristan‘, aber im Übrigen war es viel leichtgewichtiger.“

 

Orchestermusiker müssen auf die Bühne

Bereits in der laufenden Spielzeit absolviert der neue Chefdirigent mit seinem Orchester auch etliche Konzerte. „Das ist“, sagt er, „besonders wichtig. Ein solches Orchester muss auch zwischendurch des Öfteren auf der Bühne sitzen! Die Musiker sind es nicht gewohnt, sich darzustellen.“

Sechs Jahre – mit Option auf Verlängerung auf neun Spielzeiten – läuft Jordans Pariser Vertrag. Viel Zeit für andere Häuser wird da nicht bleiben: „Aber ich bin mit Dominique Meyer in guten Gesprächen und hoffe sehr, dass sich in den kommenden Jahren auch einmal Oper in Wien ausgehen wird.“ Sicher wird die Partnerschaft mit den Wiener Symphonikern weitergeführt. Ein bis zwei Programme will Jordan zumindest in den kommenden drei Jahren realisieren.

Philippe Jordan dirigiert die Wiener Symphoniker im Musikverein, 19. und 20.12., Brahms und Strawinsky.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2009)