Filipescu: "Es gibt Dinge, die muss man einfach tun"

Filipescu
(c) Sommerbauer

Der frühere Dissident, Intellektuelle und Erfinder Radu Filipescu erklärt, warum er in den 1980er-Jahren gegen das Regime Ceausescus protestierte.

Bukarest.Es ist der 22. Dezember 1989, die beiden Ceau?escus sind eben mit dem Hubschrauber vom Dach des Zentralkomitees geflohen. „Ich glaube das nicht, ich kann das nicht glauben“, ruft Radu Filipescu, als ihm ein Mann die Neuigkeit erzählt. Endlich ist das passiert, was er sich so lange gewünscht hat! Er eilt ins Zentrum auf die Piazza Unirii, die rumänische Tricolore weht ohne sozialistisches Emblem im Wind, Filipescu sieht Demonstranten, die die Bilder des Diktators verbrennen, umarmt wildfremde Menschen.

Sechs Jahre zuvor war Filipescu allein auf den Straßen: Nächtens schob er in die Briefschlitze der Bukarester Blocks Flugzettel, die zu Demonstrationen gegen Ceau?escu aufriefen. Niemand folgte dem Appell, zu groß war die Angst. Radu Filipescu wurde vom Geheimdienst Securitate erwischt und 27-jährig zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Schließlich entließ man ihn nach drei Jahren: Menschenrechtler hatten seinen Fall international bekannt gemacht. „Ich war ein Beweis für die Diktatur Rumäniens“, sagt Filipescu über den Erfolg seiner Aktion. Die ganzen 1980er-Jahre hindurch folgten ihm Securitate-Beamte auf Schritt und Tritt.

Heute sitzt Radu Filipescu in einem Lehnstuhl in einem Altbau auf der Bukarester Prachtstraße Calea Victoriei. Er ist Präsident des Intellektuellenzirkels „Gruppe für den sozialen Dialog“, der dort regelmäßig zu Debatten und Vorträgen lädt. Nein, politikmüde und verbittert ist der Mann mit der lebhaften Stimme, die oft ein meckernder Lacher unterbricht, nicht geworden. Der 52-Jährige, dessen Augen heute noch immer so aufgeweckt in die Welt schauen wie auf den Fotos als Jugendlicher, hat seinen Widerstand gegen das totalitäre System nie bereut. „Es gibt Dinge, die muss man einfach tun“ – Filipescus Wahlspruch hat die deutsche Autorin Herma Kennel als Titel seiner Biografie gewählt.

Warum im Dezember 1989 plötzlich Hunderttausende auf den Straße waren, erklärt sich der Elektroingenieur ganz rational mit der Wahrscheinlichkeit: „Die Leute begriffen, dass sie Chancen auf Erfolg hatten“ – ungeachtet der Horrormeldungen aus dem Radio, die von angeblich Tausenden Toten in Timi?oara sprachen.

Dass Leute wie Iliescu schließlich die Macht an sich rissen, findet Filipescu wenig verwunderlich: „Sie hatten einen guten Plan mit guten Akteuren in guten Positionen.“ Betrogen fühlt er sich nicht: „Ich war auf der Straße und überzeugt, dass es eine Revolution ist.“

Dass man unter Ceau?escu in einer Welt leben musste, die sich jemand anderer für einen ausgedacht hat – das ging ihm damals am meisten gegen den Strich. Denn der Elektroingenieur Filipescu bastelt lieber selbst an den Visionen – nicht nur, was die Demokratie betrifft, sondern auch in seinem Fachgebiet, den Stromkreisläufen: Seine patentierten Abgreifklemmen in der originellen Papageienkopfform verkauft er mit seiner Firma „Parrot Invent“ mittlerweile bis nach Australien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2009)