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Medien halten nichts von Eliten: Radio, Fernsehen und das Lachen

Dass wir kluge Sendungen fast immer nur spätabends genießen können, könnte ein Beweis für Dummheit sein.

Am Lachen erkennt man den Narren, heißt es. Am normalen Lachen? Allein, was heißt schon normal. Es gibt kluges und dummes Lachen. Letzteres ist die Minderzahl. Ich rede mir ein, dass die Leute einen Grund zum Lachen haben, wenn sie die entsprechenden Gesichtsmuskeln strapazieren. Dieser Grund ist verschiedenartig. Das heißt nichts anderes, als dass man unterscheiden kann zwischen Kichern und Grölen, zwischen lauthals und verhalten.

Es gibt einen Unterschied zwischen einem Lachen, das der oder die Lachende gleichsam hinter dem Taschentuch praktiziert, und dem Prusten am Stammtisch. Lachen hat viele Facetten und ebenso viele Nuancen. Man kann sie unterscheiden. Der ORF bietet einiges entsprechendes Hörmaterial, serviert es direkt in die Ohrmuscheln.

Aber man soll nicht glauben, dass nur der Österreichische Rundfunk immer wieder das – sagen wir es offen heraus: das dumme, das saudumme Gelächter sendet, um zu zeigen, wozu die Unterhaltungsabteilung in der Lage ist. Ein akustischer Clown produziert sich und das Publikum lacht. Nicht im Fernsehen, sondern im Radio ist solches mehrmals in der Woche zu hören. Es ist dies einer der wenigen Vorteile des Hörfunks vis-à-vis der Television.

Das Radio hat nämlich das enorme Plus, die Dummheit seiner Hörerinnen und Hörer – ich darf wiederholen, was ich bereits geschrieben habe: die fast schon ans Abnormale grenzende Dummheit – gnädig verhüllen zu können. Ginge es nach den Statistiken, so hielten es die Menschen mit einer von ihnen (deren Wahrheitsgehalt ich nicht bezweifeln will): Ö3 hat mit jeweils mehr als dreißig Prozent der Hörer den Löwenanteil.

Im Vergleich dazu hat Ö1 eine verschwindend geringe Hörerzahl, nämlich weniger als zehn Prozent. Ist es erlaubt, aus diesem Faktum Schlüsse auf den Bildungsgrad der österreichischen Bevölkerung zu ziehen? Dass dieser mehr als zu wünschen übrig lässt, haben zuletzt auch die im Nationalrat vertretenen politischen Parteien erkannt. In seltener Einmütigkeit haben sie das Bildungsthema als eine der vordringlichsten Aufgaben des neu zu wählenden Parlaments genannt. Geht es nach dem ORF, so ist sein Publikum generell dümmer als jenes in anderen Ländern.

Einspruch, Euer Ehren! Gerade in den USA sind die Teilnehmer der Unterhaltungsmedien keineswegs Angehörige geistiger Spitzenqualität. Ich gestatte mir, das amerikanische Fernsehen als Beispiel zu zitieren – jedenfalls Sendungen, die bei uns im Nachmittags- und Vorabendprogramm in synchronisierter Fassung ausgestrahlt werden. Bemerkungen und Dialoge, die man kaum verstehen kann, werden im „Off“ vom amerikanischen Publikum mit brüllendem Gelächter quittiert.

Da ist nichts von Elite zu merken und auch nichts von Bildung. Demgegenüber sind die abendlichen „Fernseher“ genau wie das Radiopublikum fast schon spitze, was Gescheitheit betrifft. Der ORF jedenfalls hält sich an die Lebensgewohnheiten der Österreicher – oder haben sich diese nach dem Programm der Medien gerichtet? Das, was unsereinen etwa im Fernsehen interessiert, wird zu später Stunde gesendet. Mit Absicht, ist man versucht zu sagen. Bisweilen hat man den Eindruck, als ob die ORF-Programmgestalter nichts von der Bildung der Österreicher und Österreicherinnen halten – oder halten sie nichts von ihnen, weil sie wissen, dass ein Programm für die Eliten nicht gefragt ist, weil es keine Eliten gibt?

Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.

E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2017)