Gewaltexzesse rund um Scheidungen

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Blutige Bilanz: Eine tote Rechtspflegerin im Bezirksgericht Hollabrunn, Familiendrama in Salzburg: Spezialisten warnen vor der steigenden Gefahr, dass Gerichtsprozesse wegen Scheidungen eskalieren.

Wien. Es war eine Woche mit blutiger Bilanz: In der Nacht auf Freitag versuchte in Salzburg ein Familienvater sich selbst und seine vier Kinder zu töten, weil ihn seine Frau verlassen wollte, und verletzte dabei seine Tochter schwer (siehe unten). Am Mittwoch erschoss ein Mann im Bezirksgericht Hollabrunn eine Rechtspflegerin. Ebenfalls wegen einer Scheidung.

Nun wird – abgesehen von den leicht steigenden Wegweisungszahlen (siehe Grafik)– statistisch nicht erhoben, ob die Gewalt bei Trennungen und Obsorgestreitereien zunimmt, trotzdem warnen Experten. Vor allem gerichtsanhängige familiäre Konflikte würden immer öfter eskalieren. Die Gründe:

1Personalnot der Richter macht Scheidungsverfahren unpersönlich

Im Scheidungsverfahren, sagt Familienrichterin Ursula Kovar vom Bezirksgericht Hietzing (sie ist Chefin der Sektion Wien der Richtervereinigung), bekommen die Parteien die Personalnot bei den Gerichten voll zu spüren. Unter Termindruck stehende Richter könnten sich nämlich nicht die nötige Zeit nehmen, könnten nicht – etwa durch ein längeres Gespräch – Missverständnisse ausräumen.Kovar: „Jedes Gericht kennt mindestens eine Partei, die auffällig ist.“

Wie sich die Personalnot an den Gerichten – sie wird sich noch verschärfen, wenn die Justizverwaltung nächstes Jahr mit dem an sich schon beschlossenen Stellenabbau beginnt – auch auswirken kann, beleuchtet die Juristin anhand eines Beispiels: Wenn etwa eine Richterin in Mutterschutz geht, übernimmt eine Kollegin die Vertretung – bis die „Feuerwehr“ in Form eines Sprengelrichters (Richter, der flexibel zugeteilt werden kann) kommt. Dieser werde aber möglicherweise nach einem halben Jahr oder einem Jahr wieder abgezogen. In dieser Zeit können einige Fälle nur „anverhandelt“, also nicht erledigt werden. Ein weiterer Richter müsse daher übernehmen. Kovar: „Die Leute erleben mitunter drei oder vier Richter und sind zermürbt. Jedes Mal müssen sie ihre Geschichte neu erzählen.“ Dass dies Aggressionen wecken kann, ist unbestritten.

2Frustrierte Väter als Risikofaktor

Ziemlich schnell nach dem Drama von Hollabrunn meldete sich das Forum Kinderbeistand unter dem Titel „Systematisches Unrecht führt zu Gewalt“ zu Wort: „Der Zorn der Männer, insbesondere der Väter, auf die Gerichtsbarkeit ist berechtigt“, hieß es in einer Aussendung. Und: „Das rechtsstaatliche Selbsthilfeverbot endet dort, wo Familiengerichte weder willens noch fähig sind, dem Rechtsgewährungsanspruch der Bürgerinnen und Bürger nachzukommen.“ Drastische Aussagen, die zu dem passen, was Gottfried Kühbauer, Männerberater und Leiter des Österreichischen Instituts für Trennungs- und Scheidungsbegleitung, beobachtet. Nämlich: viel Wut bei Obsorgestreitereien aufseiten der Väter. Deren Frust, meint Kühbauer, entstehe teilweise, weil die „gesetzliche Regelung der Obsorge bei Trennungen dem neuen, engagierten, eigentlich positiven Vaterbewusstsein hinterherhinkt“.

Dieser Frust sei ein Nährboden für Gewalt: „Männer können mit Ohnmacht nicht gut umgehen und neigen schnell zu überzogenen Mitteln, eine Minderheit wird wirklich gewalttätig.“ Natürlich, sagt Kühbauer, sei Ungerechtigkeit keine Rechtfertigung für Gewalt, aber eben eine Erklärung. Eine, die Rosa Logar, Leiterin der Wiener Inventionsstelle gegen Gewalt in der Familie, nicht gelten lässt: „Das Aggressionspotenzial ist immer vorher da. Andere Menschen werden auch frustriert und greifen nicht zur Waffe.“ Wo Kühbauer und Logar aber übereinstimmen: Das Risiko, dass Sorgerechtsstreitereien eskalieren, nehme zu.

3Krise + Kampfeslust = Konflikte

Trennungen bedeuten immer finanzielle Verluste, schüren Existenzängste. Die Wirtschaftskrise, merkt Richterin Kovar, wirkt als Katalysator: Die Unsicherheit am Arbeitsplatz setze manche enorm unter Druck. Komme nun noch eine Scheidung dazu, könne das Fass überlaufen. Ein weiterer Grund für mehr Konflikt: Streitparteien – und zwar nicht nur die Väter – haben mehr Kampfbewusstsein als früher.

Zwar gibt es immer mehr Paare, die sich durchaus auch mit Profihilfe friedlich trennen und wegen der hohen Zahl der Scheidungen die eigene nicht mehr als „persönliches Versagen“ erleben, wie Therapeutin Claudia Wille sagt. Aber: Geht es zu Gericht, sind die Fronten oft hart. „Auch Frauen trauen sich mehr, ihre Recht durchzusetzen, früher wurde vor Gericht mehr verzichtet“, sagt Logar.

(c) Die Presse / HR

Die Interventionsstelle, die Opfer von familiärer Gewalt betreut, fordert für Verhandlungen bisweilen Polizeischutz an. Für ihre Klienten – und für sich: „Nicht nur Richter, auch meine Mitarbeiterinnen werden bedroht“, sagt Logar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2009)

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