Die von US-Präsident Donald Trump diffamierten NFL-Footballer zeigten mit ihrer breiten Gegenreaktion, welch Symbolik Sportstars in den USA vermitteln können. Auch im Basket- und Baseball wächst der Unmut über Trumps Auftritte.
Washington. Krise im Atomkonflikt mit Nordkorea, Irans Raketenprogramm, Probleme bei der Abschaffung von Obama-Care, Arbeitslosigkeit, flüchtende Mitarbeiter – und jetzt auch noch Footballer, die bei „The Star-Spangled Banner“ im Protest knien, anstatt sich die rechte Hand aufs Herz zu pressen: Nach diesem Wochenende fragen sich viele Amerikaner, ob Präsident Donald Trump denn nicht Wichtigeres zu tun hätte, anstatt es sich auch noch mit den populärsten Sportlern zu verscherzen. Profis zu attackieren, weil sie von ihrem Recht der freien Meinungsäußerung Gebrauch machen? Ihren Boykott fordern, sie beschimpfen?
Wogegen über 150 Footballer protestiert oder die Pittsburg Steelers insofern rebelliert haben, als sie bis auf einen Spieler geschlossen der Hymne ferngeblieben sind, ist von Belang. Es ist der geschlossene Auftritt, der Gewicht hat. Jetzt geht es nur noch gegen Donald Trump, aus Prinzip, aus Protest – und jetzt hat diese Aktion globale Tragweite.
Knien, eine Demutsgeste
Colin Kaepernick hatte 2016 den Anfang gemacht, der Quarterback der San Francisco 49ers wollte ein simples Zeichen gegen Polizeigewalt und Rassismus setzen. Sein Tun wurde noch kritisch beäugt, die Aktion misslang. Der Spieler ist vereinslos, dass er jemals wieder einen Klub in den USA finden wird, scheint ausgeschlossen.
Wer sich hinkniet, erweist jemandem Respekt. Es ist eigentlich eine Demutsgeste, der Ausdruck gelebter Verehrung. Oder man denkt nach, betet, genießt Augenblicke der Einhalt. Dass Trump den Footballern dafür den nötigen Respekt abgesprochen hat, irritiert zwar Außenstehende, aber im puristischen Amerika gilt es doch als Affront. Denn die Hymne wird – ausnahmslos – vor jedem Sportereignis geschlossen intoniert. Und dazu stehen Spieler wie Fans, drücken die Hand aufs Herz – und singen tunlichst laut mit.
Für Trump war es offenbar unerträglich, dass afroamerikanische Footballer mit dieser Tradition brachen. „Würdet ihr es nicht lieben, wenn jemand unsere Flagge verachtet und der Eigentümer darauf sagt: ,Nehmt den Hurensohn vom Feld. Er ist gefeuert‘“, polterte er vor Anhängern in seiner gewohnt rüden Rhetorik in Alabama. Er rief Fans dazu auf, NFL-Spiele so lang zu boykottieren, bis die Proteste vorbei wären – das war jedoch ein klassisches Eigentor.
Amerika liebt Football über alles, Spieler werden verehrt. Sportstars sind Helden – sich gegen sie zu stellen ist ein heikler Akt.
Einer der größten Proteste fand am Wochenende in Washington statt. Die gesamte Mannschaft der Oakland Raiders kniete, bei fast allen NFL-Klubs wurde diese Aktion umgesetzt. Auch Klubbesitzer wie Robert Kraft, Chef der New England Patriots, waren empört. „Ich bin enttäuscht vom Ton der Aussagen. Es gibt nichts, was die USA so sehr verbindet wie der Sport.“ Der Milliardär ist ein enger Freund Trumps, und das zeigt, wie bedeutend diese Angelegenheit in den USA nun geworden ist.
Bei den Jacksonville Jaguars reihte sich Eigentümer Shad Khan sogar in die Kette derer, die eingehakt nebeneinanderstanden. Es ist eine breite Front – gegen Trump.
Es sind aber längst nicht mehr nur Footballer, die gegen Trump revoltieren. Die Basketballer der Golden State Warriors schlugen den obligaten Besuch als Champions im Weißen Haus dankend aus. NBA-Superstar LeBron James (Cleveland) lässt seit Tagen kein Interview mehr ungenützt, um Trump zu kritisieren. Auch der erste Baseballer reagierte: Catcher Bruce Maxwell von den Oakland Athletics kniete vor dem Spiel gegen die Texas Rangers, den Exklub von George W. Bush. „Mein Knien bedeutet nicht, dass ich Militär, Verfassung oder unser Land nicht respektiere. Ich mache das für die Menschen, die hier und jetzt keine Stimme haben.“
Im NHL-Eishockey bleibt hingegen derzeit alles vor dem Saisonstart am 4. Oktober ruhig. Stanley-Cup-Champion Pittsburgh Penguins wird auch die Einladung ins Weiße Haus annehmen.
Eine Vorbildrolle?
Trump weckte damit nicht nur Prostete, sondern traf auch bei vielen auf Verständnis. „Wer in der NFL spielt und Millionen verdient, muss Vorbild sein.“ Das legt ein großes Problem Amerikas offen: 70 Prozent aller NFL-Athleten sind Afroamerikaner, die meisten Knienden sind es auch. „Machen wir uns nichts vor“, schrieb der „New Yorker“, „natürlich sind Trumps Ausfälle rassistisch. Warum die Überraschung?“ (fin)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2017)