Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Die Volksfront von Carinthäa

In Kärnten sind Neuwahlen eine Möglichkeit, das blau-orange Ablenkungsmanöver vom Hypo-Alpe-Adria-Skandal zu beenden. Und vielleicht etwas über die Intelligenz des Wählers herauszufinden.

Dank der segensreichen Videoplattform YouTube gibt es – auch auf diepresse.com/volksfront – ein wunderbares Stück innenpolitischer Zeitgeschichte: Ein humorvoller Bastler hat den Dialog einer Szene aus Monty Pythons „Das Leben des Brian“ den streitenden blau-orangen Politikern in der ORF-Diskussion „Zur Sache“ in den Mund gelegt. Die Herren Strache, Scheuch, Stadler und Co sprechen dort in der Synchronfassung der im Film aufeinandertreffenden altrömischen Befreiungsorganisationen „Volksfront von Judäa“ und „Judäische Volksfront“, die selbst keinen Überblick mehr über ihre Abspaltungen und Splittergruppen haben.

Wie so oft ist die Realsatire absurder als diese großartige Persiflage auf politisches Sektierertum: Heinz-Christian Straches Schulterschluss mit den Brüdern Scheuch hat dafür gesorgt, dass das dritte Lager in kleinere Zeltlager zerfällt. Da wären die Recken um Heinz-Christian Strache als größte Gruppe, die Kärntner Bier-und-Scholle-Fraktion um Uwe Scheuch und Jörg Haiders alte „Neigungsgruppe Solarium“ namens BZÖ. Aus der wollen die Nochmandatare eine rechtsliberale Partei machen und geben fast Anlass, Heide Schmidt um Verzeihung zu bitten, sie wegen ihres falschen Verständnisses von Liberalismus kritisiert zu haben. Und dann gibt es da noch die legendäre Ein-Mann-Sekte Ewald Stadler.

Allen Fraktionen sind die untrügliche Sicherheit in Mode – Kärntner Tracht mit Halstuch und/oder Disco Wear aus Udine mit braunen Stiefeletten – und die Formulierungsgabe eigen. „Sie sollen aufpassen, dass sie nicht der Blitz des Verstorbenen trifft“, meinte einer der übrig gebliebenen Orangen in Hoffnung auf Jörg Haiders Reaktion. Und ein anderer gab zum Schlechten: „Die Freiheitlichen in Kärnten sind eine politische Blindgeburt.“ Auch die Begriffsfindungen sind kreativ: So ähnelt die für die eingedeutschte Scheuch-Gruppe (vormals Teil des BZÖ) gefundene Abkürzung FPK tatsächlich ein wenig der kurdischen PKK, wie der BZÖ-Klubchef im Parlament und versierte Verschwörungstheoretiker Josef Bucher gleich anmerkte. (Die Homepage fpk.at gehört übrigens einem Wiener Fliesenleger.)

Derzeit schießen überhaupt zahlreiche krause Theorien ins blaue Kraut: Die ÖVP habe das alles inszeniert, versichert der stets glaubwürdige Peter Westenthaler, um sich nämlich die brandgefährliche Konkurrenz des BZÖ vom Hals zu schaffen. Dafür könnte etwa unter der Hand Scheuch der Waldminister, Herrn Bucher – der leitet angeblich die Rest-Orangen – der Tourismusminister und Strache der Ministerpräsident angeboten worden sein. Pröll, der wahre Schüssel der ÖVP, hat offenbar nur verschwiegen, dass es diese Ämter gar nicht gibt.

Nichtsdestotrotz könnte Pröll mit diesen dümmlichen Geschichten leicht Schluss machen: Er muss seinen Kärntner Statthaltern nur nachdrücklich empfehlen, die von der Landes-SP angestrebten Neuwahlen zu unterstützen. So könnte vor allem das vielleicht wichtigste Kalkül der neuen Blauen nicht aufgehen: von der politischen Verantwortung der Kärntner Freiheitlichen – so heißen die dort genau genommen schon die ganze Zeit – für das Hypo-Alpe-Adria-Desaster abzulenken. Wenn die absurde Finanzgebarung der Bank und die Plünderung derselben durch Landespatron Jörg Haider kein Grund für Neuwahlen in Kärnten sind, was dann? Stimmt, das Land hat kein Geld, aber bei einer 2254-Euro-pro-Kopf-Verschuldung müsste sich ein Urnengang auf Kredit auch noch irgendwie finanzieren lassen.

Interessanterweise glaubt kaum einer, dass das Schauspiel der Laienpolitiker Heinz-Christian Strache wirklich schaden könnte. Irgendwie scheint sich unter allen Parteien der Eindruck zu verfestigen, dass Strache de facto unbesiegbar sei. Das lässt nicht nur einen Rückschluss auf ein mickriges Selbstbewusstsein zu – sondern zeigt, dass der durchschnittliche österreichische Politiker den durchschnittlichen österreichischen Wähler für einen Dummkopf hält.

Wie ja umgekehrt auch.

rainer.nowak@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2009)