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Studenten, gefangen im Netz?

Wie digitales Leben und Lernen funktioniert - von der Liebe bis zur Videovorlesung. Was man für den Job braucht. Und warum das digitale Leben nicht so schlimm ist, wie manche finden. Ein Dossier zum Semesterstart.
Von Bernadette Bayrhammer, Julia Neuhauser, Michael Köttritsch, Andrea Lehky, Andreas Tanzer, Cornelia Holzbauer und Philipp Aichinger

Digitales Leben und Lernen ist inzwischen selbstverständlich. Und praktisch. Manchmal allerdings auch wieder nicht ganz so. Nicht nur, weil man dafür Strom braucht oder zwischendurch der Akku immer wieder ausgeht. Zum Semesterbeginn haben wir uns angesehen, wie Studierende damit umgehen.

Warum das digitale Leben nicht ganz so schlimm ist, wie viele ältere Menschen finden – obwohl inzwischen auch die Liebe schon oft virtuell stattfindet. Wie digital die Hochschulen eigentlich schon sind – und was es bringt, zu Hause brav Video zu schauen. Was es an digitalen Kompetenzen für den Job braucht. Welche Gratisprogramme es gibt, um das Referat an der Uni etwas aufzufetten. Und wie es gelingt, ab und zu einmal eine kleine digitale Pause einzulegen.

 

Alles digital, vom Verlieben bis zum Entlieben

Vom Verlieben bis zum Schlussmachen ist fast jeder Lebensbereich digitalisiert. Das ist verdammt praktisch. Aber manchmal verpasst man etwas. So schlimm, wie es die Eltern oder andere ältere Semester finden, ist es jedoch auch wieder nicht.

Auch die Liebe ist inzwischen ziemlich digital. Und zwar nicht nur das Verlieben, sondern auch das Entlieben. Oder jedenfalls der Moment, in dem einem zu verstehen gegeben wird, dass sich jemand entliebt hat. Man muss seine neue Liebschaft gar nicht auf Tinder kennenlernen, damit einem in den ersten Tagen und Wochen bei jedem Pling das Herz hüpft: Es könnte ja die ersehnte WhatsApp-Nachricht sein. Mit einem Selfie vom Aufwachen, einem schellen Foto vom vormittäglichen Kaffee oder vor jener Bar, vor der man sich dieses eine Mal geküsst hat. Wenn der Zauber bei einem der beiden vorbei ist, kommt vielleicht irgendwann kein Selfie mehr zurück, niemand denkt bei der Kaffeepause sehnsuchtsvoll an einen, auch wenn man das selbst noch tut. Die Liebschaft wird zum Geist. Selten kommt das angeblich nicht vor. Jeder zweite junge US-Amerikaner soll schon jemanden geghostet haben. Also wortlos sitzengelassen.

Einerseits mag das gewisse Schlüsse über den Charakter des kurzzeitigen Herzensmenschen zulassen. Es wirft auch gewisse grundsätzliche Fragen auf: Ist das so, weil die Liebe in Zeiten der Digitalisierung unverbindlicher ist? Weil jemand, den man per Tinder getroffen oder per WhatsApp näher kennengelernt hat, abstrakter scheint als in Zeiten, als man Freunde von Freunden kennenlernte und sie einem im eigenen oder in fremden Wohnzimmern über den Weg liefen, man einander traf, sah und spürte, statt ein Selfie zu schicken?

Es würde die These mancher bestätigen, dass die Digitalisierung die angeblich echten sozialen Beziehungen auflöst, gemeint sind die analogen, die wie früher. Eine Vorstellung, die vor allem die älteren Semester, von Mama und Papa abwärts, ganz gerne formulieren. Und die ihnen bestätigt zu werden scheint, wenn man zu Hause auf der Couch bei jedem Pling das Telefon zur Hand nimmt. Was war das nochmal, Mama? Tschuldigung, gerade nicht aufgepasst. Vielleicht ist es aber auch gar nicht so.

Eine neue Nähe. Forscher sprechen im Zusammenhang mit der Digitalisierung oft von der Entkoppelung von Raum und Zeit. Vor der elektronischen Kommunikation war Gleichzeitiges nahe und Fernes war auch zeitlich entfernt. Im übertragenen Sinn gilt das auch: Nähe muss nicht unbedingt mit physischer Nähe einhergehen. Manche sehen das pessimistisch: Die Technologie bringe uns die Menschen näher, die weit weg sind. Und entferne uns von jenen, die uns eigentlich räumlich nahe sind. Wenn man sich an die Momente erinnert, an denen man zwischen zwei Vorlesungen mit Kollegen auf der Wiese sitzt, und jeder gerade mit jemand anderem whatsappt, scheint das manchmal zuzutreffen.

Sicher wahr ist jedenfalls, dass uns die jetzt näher sein können, die weit weg sind. Nachdem unser aller Leben immer internationaler wird, mit Reisen, mit Auslandssemestern, mit Praktika in der ganzen Welt, kommt es auch vor, dass man sich mit Elsa aus Paris, mit Anna aus Finnland oder Emiliano aus Buenos Aires stärker verbunden fühlt als mit dem WG-Kollegen oder mit den Kolleginnen in der Uni-Lerngruppe. Dann sind da natürlich auch die Freunde zu Hause in Salzburg oder Steyr, in Brixen oder Bamberg, von wo man fürs Studium weggezogen ist. Die beste Freundin, die gerade in Barcelona oder Berlin oder Bari ihr Erasmus-Semester macht und der Freund, der zur Aufnahmeprüfung für eine englische Elite-Uni geflogen ist und trotz Entfernung Beistand braucht. Oder der Ex-WG-Kollege, der gerade in einem Gummiboot auf der Donau bis zum Schwarzen Meer fährt.

Mehr Zeit mit Freunden. Aber was bedeutet das für die Freundschaften vor Ort? Wird das eine durch das andere ersetzt? Ist es so, dass man mit diesen Freunden eher whatsappt, sich Voicenachrichten schickt und gegenseitig Facebookpostings liked, statt etwas zusammen zu unternehmen? Der Jugendforscher Philipp Ikrath sieht das nicht so dramatisch. "Der Face-to-Face-Anteil ist nach wie vor viel höher, als man annehmen könnte", sagt er. Wenn man frage, was junge Menschen am liebsten in der Freizeit tun, sei die Antwort immer noch: Sich mit Freunden treffen. "Das ist kein Entweder-Oder", sagt Ikrath. Es ist nicht so, dass das Virtuelle das Nicht-Virtuelle aussticht, sondern eine Kombination. "Die Leute verbringen heute viel mehr Zeit mit Freunden, weil zu den materiellen Kontakten auch noch die virtuellen dazukommen", sagt er. "Und virtuell ist genauso Real Life." Digital ist genauso real wie analog: So kann man es wohl auch sehen. Ist das normal? "Normal ist das, was Faktisch ist. Und faktisch bewegen sich die Leute eben im Netz."

Für jemanden, der ganz anders aufgewachsen ist, mag das seltsam erscheinen, vielleicht sogar falsch. Jedenfalls ist das ein Bereich, in dem die Brüche so gewaltig sind wie sonst fast nie. Kaum eine Veränderung ist so rasant vor sich gegangen wie die Digitalisierung. "Viele andere Neuerungen sind viel langsamer gekommen", sagt Ikrath. "Dass zum Beispiel das klassische Kernfamilienmodell nicht mehr die einzige lebbare Lebensform ist, das hat sich seit den 1960ern über Jahrzehnte entwickelt." Die Digitalisierung dagegen hat innerhalb von wenigen Jahren vieles völlig auf den Kopf gestellt. Wohl auch deshalb sind die Irritationen zwischen den Generationen groß.

Die ständige Erreichbarkeit. Darüber, wie viele Stunden junge Menschen täglich online sind, gibt es unterschiedliche Zahlen. Wie viel Zeit auch immer es ist: Das Gefühl, immer und überall erreichbar zu sein, oder sein zu müssen, hat fast jeder. Laut dem Marktforschungsinstitut Integral glauben über 70 Prozent, dass eine schnelle Antwort auf Nachrichten vorausgesetzt wird. Die Erreichbarkeit hat ihr Gutes. Weil man die beste Freundin anrufen kann, wenn das Date nicht gut gelaufen ist. Weil man dem Studienkollegen aushelfen kann, der in der Nacht vor der wichtigen Prüfung Hilfe braucht. Weil man den Bruder anrufen kann, wenn man seinen Schlüssel beim Müllraustragen in der Wohnung eingesperrt hat, das Handy aber - wie immer - in der Tasche ist.

Es kann aber auch belastend sein. Sogar dann, wenn es noch nicht darum geht, 24 Stunden am Tag die E-Mails fürs Büro zu lesen. Weil die neue Liebschaft auf ihr Handy schaut statt in die Augen. Weil man aus dem Gespräch mit dem Mitbewohner gerissen wird, wenn jemand anderer seinen Schlüssel eingesperrt hat. Oder es dauernd Pling macht, wenn man sich auf die Seminararbeit konzentrieren sollte. Manchmal ist es auch einfach schade, dass man in jeder Sekunde, die nicht verbucht ist, das Handy herausnimmt und Likes verteilt oder sich einen geistreichen Tweet überlegt. Es gibt kaum mehr Momente, in denen man durchs Straßenbahnfenster die Stadt an sich vorbeiziehen lässt. Oder seinen Gedanken nachhängt, wenn die Freundin zu spät zum Treffen kommt.

Apropos: Wann war das letzte Treffen, zu dem keiner zu spät kam, kurz vorher den Ort änderte oder noch mal nachfragte, welches Lokal ausgemacht war? Das zeigt auch, dass man trotz aller vermeintlicher Freiwilligkeit bisweilen auch wirklich abhängig ist von den technologischen Mitteln und der Möglichkeit der ständigen Kommunikation. Weil man eben nicht mehr ausmacht, an welcher Ecke man sich genau trifft. Das Gefühl dafür verloren hat, wie lange es von A nach B dauert, geschweige denn, wie man dort hinkommt. Jeder vierte Unter-30-Jährige wird nervös, wenn er länger keinen Zugang zu Whatsapp oder Facebook hat. Kein Wunder, dass manche schon schlechte Laune bekommen, sobald der Akku weniger als 20 Prozent hat.

Jüngere Menschen kritischer. Während es kaum möglich ist, sich wirklich auszuklinken, sind bewusste Pausen durchaus möglich. "Ich sehe, dass temporäre Auszeiten für junge Menschen irrsinnig interessant sind", sagt Ikrath. Generell sieht er, dass gerade die Jüngeren wachsam sind, was die Technologie angeht. "Es gibt Untersuchungen aus den USA, laut denen Kinder viel kritischer sind, weil sie erleben, dass ihre Eltern beim Frühstück nicht mehr aufmerksam sind", sagt er. "Vielleicht kann man davon ausgehen, dass die nachfolgenden Generationen, die schon in der digitalen Welt aufwachsen, kritischer sind als die älteren, die mit einer Art Heilsversprechen in diese neue Welt hineingezogen wurden."

("UniLive"-Ausgabe, 27.09.2017)

Digital Detox liegt im Trend. Das digitale Fasten fällt vielen jungen Menschen schwer.
Digital Detox

Von der Schwierigkeit, digital zu fasten

Digital Detox nennt sich ein neuer Trend: Dabei wird das Smartphone ausgeschaltet und das Internet gemieden. Das funktioniert nicht immer. Man kann sich allerdings selbst austricksen.

Die Hände zittern, die Haut juckt und nervös rutscht man auf dem Sessel hin und her: Klassische Entzugserscheinungen wie diese treten nicht nur bei der Entwöhnung von Alkohol oder Tabak auf. Auch Internet- oder Handysüchtige können auf Entzug so reagieren.

Das ist freilich ein Extremfall. Das digitale Fasten fällt allerdings vielen jungen Menschen schwer. Dennoch liegt Digital Detox im Trend. Das hat sich von der Technologiehochburg Sillicon Valley, also von dort, wo digitale Medien schon früh omnipräsent waren, ausgebreitet. Seither wollen immer mehr Menschen im wahrsten Sinne des Wortes einfach einmal abschalten. Doch wie stellt man das am besten an?

Will man auf das Smartphone, den Computer und das Internet (vorübergehend) völlig verzichten, ist dafür der Urlaub am besten geeignet, sagt Barbara Buchegger von Saferinternet. Im Alltag könnten nämlich nicht nur Geschäftsfrauen und -männer schwer auf digitale Medien verzichten, sondern auch Studenten. Auch ihr Alltag sei inzwischen digital. "Heutzutage zwei Tage nicht ins Internet oder aufs Handy zu schauen, ist so, wie wenn man sich früher für zwei Tage in der Studenten-WG eingesperrt hätte und nicht auf die Uni gegangen wäre", sagt Buchegger. Man kriege dadurch vieles, darunter auch Wichtiges für die Uni, nicht mit.

"Kauf einen Wecker." Digital Detox hält die Expertin im Studentenleben deshalb eben vor allem im Urlaub oder am Wochenende für sinnvoll. Schon einzelne Fasttage würden helfen. Das Telefon wegzusperren ist für viele keine Option. Hier gibt es einen Trick. Man kann das Handy via App sperren oder sich spielerisch für das Nichtbetätigen des Smartphones belohnen. Das hilft.

Im Studienalltag wird man nicht völlig auf digitale Medien und elektronische Hilfsmittel verzichten können. Man kann das eigene Nutzungsverhalten aber beobachten und verändern. "Schau, wann, wie und wofür du dein Handy benützt und wo dir die Nutzung entgleitet", rät Buchegger. Dann könne man handyfreie Zeiten festlegen. Auch handyfreie Zonen. Man kann etwa das Schlafzimmer zu einer solchen erklären. "Kauf dir doch einfach einen ordentlichen Wecker", rät die Expertin.

Ähnlich wie im Urlaub könne man das Mobiltelefon beim Lernen zumindest vorübergehend wegsperren oder ausschalten. Das ist die radikale Variante. Es helfe allerdings schon, das Smartphone lautlos zu stellen, Pushmitteilungen auszuschalten und die WLAN-Funktion zu deaktivieren. So werde man zumindest nicht ständig aus dem Lernen herausgerissen. Für die Arbeit am Laptop hat Buchegger auch einen Tipp. "Nutze zwei unterschiedliche Browser einen für das Studium, einen für die Freizeit." Das fördert die Disziplin.

("UniLive"-Ausgabe, 27.09.2017)

Digitale Lehre

Video schauen statt Vorlesung hören

Es gibt keine Hochschule, die sich überhaupt nicht mit digitaler Lehre beschäftigt. Einzelne Professoren sind Vorreiter und schaufeln mit neuen Medien etwa Zeit für Debatten frei. Dafür müssen die Studenten zu Hause brav Video schauen.

Sich in der Vorlesung berieseln zu lassen, geht bei Sigrid Stagl nicht mehr ganz so gut: Wer sich für eine ihrer Vorlesungen an der Wirtschaftsuni eingeschrieben hat, muss sich den Frontalvortrag statt im Hörsaal nämlich zu Hause anschauen. In 29 Minuten erklärt Stagl in einem sogenannten Lecturecast durchlaufende Folien, die sie aus dem Off erklärt welche Rolle die Wahrheit bei globalen politischen Herausforderungen spielt. Thomas Pikettys Gedanken zum Kapital im 21. Jahrhundert erklärt wiederum der französische Wirtschaftswissenschaftler selbst in einem 21-minütigen Video, das auf einer TED-Konferenz aufgenommen wurde. "Es ist natürlich fein, wenn derjenige das vorträgt, der die Ideen hatte", sagt Stagl. "Und zwar, ohne ihn einfliegen zu lassen."

Stagl ist eine jener Professorinnen, die angefangen haben, die digitalen Möglichkeiten wirklich zu nutzen: Von den eigentlich vorgesehenen zwei Vorlesungsstunden, in denen Masterstudenten über Akteure, Verhalten und Entscheidungsprozesse lernen, gibt es bei ihr inzwischen meist nur noch eine halbe, vielleicht manchmal eine dreiviertel Stunde frontalen Input. Stattdessen wird mehr über die Inhalte diskutiert, die sie eine Woche vorher auf die Onlineplattform hochgeladen hat.

Der Anstoß dafür kam in London, wo Stagl einen Vortrag von Salman Khan hörte, einem Pionier des Onlinelernens, der den Begriff des "inverted classroom" prägte: des umgedrehten Klassenzimmers. Die Idee, die bei Stagl einen Nerv traf: Dass in der Schule oder im Hörsaal der Stoff vorgetragen wird und die Schüler bzw. Studenten diesen dann zu Hause anwenden, hinterfragen und kritisieren müssen, sei eigentlich widersinnig. "Ich habe mir dann gedacht: Wir verbringen eigentlich viel zu viel Zeit mit Vorlesungen und den schwierigeren Teil müssen die Studierenden alleine leisten", sagt die Professorin. Zurück in Wien bat sie die WU um Unterstützung und macht es für ihre Masterstudenten seither anders.

Manche hinken hinterher. Flächendeckend durchgesetzt hat sich so etwas an den heimischen Hochschulen noch nicht. "Grundsätzlich muss man aber sagen: Alle tun was", sagt Martin Ebner von der TU Graz, der auch Präsident des Forums neue Medien in der Lehre Austria (FNM) ist. Es gibt keine Uni, Fachhochschule oder Pädagogische Hochschule, die sich mit digitaler Lehre überhaupt nicht befasst, zeigt eine Studie, die das FNM vergangenes Jahr herausgegeben hat, wobei besonders manche Pädagogischen Hochschulen nach wie vor noch etwas hinterherhinken. Oft geht die Initiative für Onlinelehre aber von einzelnen Lehrenden aus.

Neben dem verkehrten Klassenzimmer, das immer mehr Professoren einsetzen, wofür manche ihre Vorträge auf Video aufnehmen, gibt es etwa in Salzburg den Informatikprofessor Wolfgang Pree, dessen Studierende wählen können, ob sie bestimmte Lehrveranstaltungen regulär absolvieren wollen, oder sich den Stoff in einem Onlinekurs auf Coursera, edX oder Udacity aneignen wollen sogenanngen MOOCs, die von Eliteuniversitäten wie Stanford oder Harvard gespeist werden. In Graz hat Martin Ebner selbst einen offenen Onlinekurs gestaltet: Auf imoocs.at lädt er wöchentlich drei 15-minütige Videos über die gesellschaftlichen Aspekte der Informationsgesellschaft hoch. Neben 600 Studenten melden sich dafür auch 200 bis 300 Nicht-Studenten an.

An der Uni Klagenfurt verändern sich auch die Prüfungen: Statt mit Stift und Zettel am Montag um acht Uhr anzutreten, können Studenten in einigen Fächern zu einem beliebigen Zeitpunkt innerhalb einer bestimmten Woche mit ihrem eigenen Laptop an die Uni kommen. Auf diesem wird grundsätzlich alles gesperrt je nach Prüfung können etwa Online-Gesetze, Excel oder der Zugang zur Lernplattform freigeschaltet sein. Und aus einem großen Fragenpool, den die Lehrenden sich zuvor ausgedacht haben, stellt der Computer für jeden Studenten eine individuelle aber gleich schwere Klausur zusammen.

Dass diese Initiativen so herausstechen, ist aber auch ein Indiz dafür, dass Onlinelehre nicht wirklich strategisch verankert ist. Auch wenn sich Lernplattformen verbessert haben, sagt Ebner: "Es braucht dringend eine echte Strategie." Da geht es etwa um die Infrastruktur aber auch um die Schulung der Lehrenden. "Es ist ja nicht so, dass eine Digitalisierung der Hochschullehre automatisch stattfindet, wenn alle Studierenden ein Tablet haben." Und man komme auch nicht daran vorbei. "Wenn der Arbeitsmarkt verlangt, dass Menschen digital über Ländergrenzen hinweg zusammenarbeiten, muss ich sie an den Hochschulen darauf vorbereiten."

Dass die Hochschulen irgendwann nur noch verwaiste Gebäude mit ein paar Professoren und ein paar unbelehrbaren Seniorstudenten sind, glaubt keiner. "Ich habe die Angst nicht", sagt Ebner. Manches könne man auslagern, anderes eher nicht. "Eine Vorlesung kann man vielleicht online gestalten. Ein Chemielabor zu virtualisieren, bringt es aber nicht wirklich", sagt er. "Und wir treffen uns, um Sachen miteinander auszudiskutieren." WU-Professorin Stagl sieht das ähnlich. "Unser Ziel ist nicht, alles umzustellen. Vielfältige Lehrmethoden motivieren die Studierenden besser zum Lernen." Und fast paradoxerweise erlaubt die Digitalisierung ja eben, mehr Zeit für Interaktion freizuschaufeln.

Gefühlt mehr Aufwand. Das klappt aber natürlich nur, wenn sich auch jeder das Video vor der Lehrveranstaltung ansieht. Was nicht nur für die Lehrenden, sondern auch für die Studierenden mehr Aufwand ist für Letztere zumindest gefühlt. "Die Studierenden haben den Eindruck, dass sie mehr Zeit hineinstecken müssen, obwohl wir natürlich die Leseliste etwas gekürzt haben", sagt Stagl. Nachdem sie die Studenten notieren ließ, wie viel Zeit sie aufwenden müssen, dürfte der Aufwand aber in ihrer Lehrveranstaltung ziemlich genau dem entsprechen, was an ECTS verlangt ist. Gerade in besonders intensiven Zeiten merkt sie aber, dass nicht so viel diskutiert wird wie sonst.

("UniLive"-Ausgabe, 27.09.2017)

Konkurrenz für Lehrende

Das digitale Paralleluniversum

Laptops, Tablets und Co. sind Arbeitsgeräte, die ablenken können. Für Lehrveranstaltungsleiter sind sie auch Konkurrenten im Hörsaal. Vom Kampf um die Aufmerksamkeit.

Notiz an den Lehrveranstaltungsleiter: Während die Studierenden im Hörsaal eine Übung erledigen, nicht am eigenen Rechner auf Facebook schauen. Und wenn schon, dann sollte man zumindest den Beamer abschalten. Gut, immerhin wissen jetzt alle, dass Elvira heute Geburtstag hat und zu diesem Anlass ein "Happy Birthday" mit drei Rufzeichen und einem Smiley bekommt. Aber wer ohne virtuelle Sünde ist, der werfe das erste Handy. Könnte man das, was die Studierenden während der Lehrveranstaltung auf ihren Smartphones, Tablets oder Laptops gerade tun, auf eine Videowall projizieren, wäre das wohl auch selten auf akademischem Niveau.

Die Handys deshalb vor der Lehrveranstaltung absammeln? Oder wie im Kino vorher eine Durchsage machen, dass die Smartphones abgedreht werden sollen? Wir sind ja nicht im Kindergarten. Außerdem muss es eine Lehrveranstaltung aushalten, wenn der Seminarraum auch eine Tür zur virtuellen Welt offen hat. Aber natürlich ist es bitter, wenn man weiß, dass die Aufmerksamkeit des Kollegen gerade auf einen Fußballspielbericht aus der ersten Liga gerichtet ist. Und das Lächeln der Kollegin nicht von einer geschliffenen Pointe des eigenen Vortrags hervorgerufen wurde, sondern von einem Instagram-Account.

Laptops verbieten, um die volle Aufmerksamkeit im Plenum zu haben? Auch schwierig, schließlich sind das Arbeitsgeräte. Auf ihnen wird mitgeschrieben. Mit ihnen kann recherchiert werden. Manche praktische Übung ist ohne sie gar nicht mehr möglich ("Fügen Sie im InDesign ein Bild in den Artikel ein aber verwenden Sie dabei nicht Ihren Computer!"). Und dass im Hintergrund auch getwittert wird und gelegentlich eine WhatsApp-Nachricht aufpoppt? Nun, manchmal schafft man es eben nicht, die kurzen Momente der Konzentration zwischen zwei Facebook-Postings auf sich zu ziehen.

Chat per Notizblock. Man ist als Lehrveranstaltungsleiter im dauernden Kampf um die Aufmerksamkeit der Studierenden. Aber das war doch auch schon so, als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg noch in der Sandkiste spielte. Und sogar noch früher, als Instagram-Fotos mit analogen Kameras geschossen wurden. Auf wie vielen papierenen Mitschriften wurde schon "Tic-Tac-Toe" gespielt? Wie viele Verabredungen wurden auf Kopien von Walter Benjamins "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" vereinbart? Und wie viele Chats wurden auf Notizblöcken unter dem Tisch geführt?

Am Ende zählt die Kompetenz, die Fähigkeit, die Studierenden mit dem Stoff zu begeistern. Dann bekommt man sie auch, die interessierten Blicke, die kritischen Fragen und die Lacher nach der gut gesetzten Pointe. Und wenn zwischendurch jemand einmal etwas auf Facebook postet, geht die Welt auch nicht unter. Vielleicht musste ja auch noch jemand anderer Elvira einen Happy Birthday wünschen.

Zum Autor

Erich Kocina ist stellvertretender Chronik-Chef in der "Presse" und leitet seit 2010 im Sommersemester eine Übung zu Printjournalismus am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Uni Wien.

("UniLive"-Ausgabe, 27.09.2017)

Skills für den Job

Wie hoch ist dein DQ?

Die Frage nach der Digitalen Intelligenz stellt niemand ausdrücklich. Implizit will jeder Recruiter wissen, wie digitalaffin Bewerber sind. Was sollte man draufhaben?

Obwohl alle jungen Menschen "digital natives" sind und in so gut wie allen Jobs digitale Skills nötig sind, erlangen Studierende in ihrer Ausbildung noch immer zu wenig Kenntnisse, sagt Michaela Schwarzinger, HR-Leiterin von KPMG. Auch Themen wie IT-Security, IT-Architekturen und Business Intelligence würden vor dem Hintergrund der digitalen Transformation wichtiger und sollten in der Lehre einen größeren Anteil ausmachen.

Gut für alle, die davon etwas verstehen. Die Anforderungen liegen in den meisten Branchen weit darunter. "Kenntnisse der gängigsten IT-Programme sind ein Muss", sagt Mark Frost, Geschäftsführer des Personaldienstleisters Hays. "Sich in der Windows- bzw. Apple-Welt zu bewegen und Office-Anwendungen zu nutzen, sollte ,normal sein", sagt Sabine Binder-Kriegl stein, HR-Chefin der Kanzlei Binder Grösswang. Ebenso, sich digital zu organisieren. Das sei, ergänzt Friedrich Stanzel, Personalentwicklungsleiter im Finanzministerium, State of the Art.

Beim Antriebsentwickler AVL List erwartet man sich darüber hinaus SAP-Kenntnisse bzw. den Umgang mit einem anderen Enterprise Resource Planning-Programm, sagt Markus Tomaschitz, Vice President Corporate Human Resources. Anders als Tomaschitz sagt Christian Göttinger, für Learning & Talent Acquisition bei der Telekom Austria zuständig: "Nicht jeder muss programmieren können. Aber es schadet nicht, einmal einen Coding-Workshop besucht zu haben." Algorithmen analysieren und Änderungen vornehmen zu können, bleibt vorerst eher Teil des Techniker-Anforderungsprofils.

Worauf sich Studierende aber einstellen müssen, ist: Die Digitalisierung macht vor keinem Bereich halt. Auch nicht vor dem Sozialbereich, sagt Sandra Micko, HR-Leiterin der Caritas der Erzdiözese Wien. Dokumentationen in der Arbeit mit Klienten erfolgen zunehmend elektronisch, die Vernetzung via Social-Media-Plattform im Intranet gehöre zum Alltag. "Von Absolventen erwarten wir, dass sie sich nach ihrem Studium möglichst rasch hier einfinden." Wichtigste Voraussetzung für das tägliche Tun bleibe aber auch in der digitalisierten Welt die Empathie. Was Personalexperten betonen: Es sei wichtig zu verstehen, was Digitalisierung bedeute aus Kunden- wie aus Unternehmenssicht. Mit anderen Worten: "Unabhängig von der Studienrichtung ist ständiges Lernen für das persönliche Vorankommen unerlässlich", sagt Frost.

Überprüft werden die digitalen Skills im Bewerbungsverfahren meist nur implizit außer die Stelle verlangt spezielles Können. Doch schon die Art der Bewerbung verrate einiges, sagt Binder-Krieglstein: "Verweist der Bewerber auf LinkedIn- und Xing-Profile? Nutzt er Dropbox für Dokumente? Bewirbt er sich online oder gar mit einem Video?" Implizit klopft auch der öffentliche Dienst digitale Skills ab. "Jeder, der sich bewirbt, muss einen Onlinetest absolvieren", sagt Stanzel. Sein Ressort stellt auch mathematische und algorithmusbezogene Aufgaben. "Oft gibt es in Assessmentcentern kleine Arbeitsproben, bei denen auch der Umgang mit Technologien beobachtbar ist", sagt Micko.

Digital intelligent. Diese Anforderungen decken sich mit acht Punkten, die das World Economic Forum unter "Digitale Intelligenz" (DQ) zusammenfasst: Digital Identity: Den eigenen Online-Auftritt zu managen und sich bewusst zu sein, dass das Netz niemals etwas vergisst. Digital Use: Die Balance zwischen Online- und Offline-Leben finden. Digital Safety: Gefahren wie Mobbing erkennen. Digital Security: Schadsoftware mit Schutztools begegnen. Digital Emotional Intelligence: Auch online gute Beziehungen unterhalten. Digital Communication: Online kommunizieren und zusammenarbeiten. Digital Literacy: Relevante digitale Inhalte finden, nutzen und teilen. Digital Rights: Sich der rechtlichen Regeln im Netz bewusst sein.

("UniLive"-Ausgabe, 27.09.2017)

Die Uni-Glosse

Modern Times

Unsere Unis werden immer moderner. Stellt sich die Frage, wohin mit den ganzen Semesterpickerln. Die Uni-Glosse.

Unsere Unis werden immer moderner. So wurden nun die Matrikelnummern umgestellt: Ältere bekommen einen Nuller vor die Jahreszahl, Neustudenten eine andere zusätzliche Ziffer. Damit wird es bei Prüfungen endlich zu keiner Verwechslung mehr zwischen Erstsemestrigen aus 2017 und jenen Seniorenstudenten kommen, die im Jahr 1917 inskribiert haben und somit sonst auch "17" zu Beginn ihrer Matrikelnummer stehen hätten.

Außerdem wird der papierene Studentenausweis durch eine Plastikkarte ersetzt. Bleibt die Frage, wo man auf dieser schnöden Plastikkarte die 32 Semesterpickerln hinkleben soll, die manch Langzeitstudent schon stolz vorzuweisen hat. Auch mit 32 Semesterpickerln konnte man ja früher in Österreich noch etwas werden, nämlich Bundeskanzler. Hatte doch Viktor Klima diese Dauer für sein Magisterium benötigt. Inzwischen ist der Druck darauf, seine Uni-Zeit schnell zu absolvieren, natürlich viel stärker geworden. Werner Faymann etwa wurde Kanzler, ohne auch nur bei einer einzigen Uni-Prüfung durchgefallen zu sein. Auch Sebastian Kurz konnte es sich nicht leisten, viel Zeit auf der Uni zu verbringen, bevor er sich auf den Sprung ins Kanzleramt machte.

Dafür kann man mit dem in den Anfangsjahren noch belächelten Titel "Bachelor" inzwischen Karriere machen und am Arbeitsmarkt sogar Doktoren ausstechen. Nachzufragen bei Julian Schmid, B. A., der Dr. Peter Pilz um seinen Listenplatz bei den Grünen brachte.

("UniLive"-Ausgabe, 27.09.2017)