Lieber dumm als fett

Die deutsche Schriftstellerin Juli Zeh geißelt die freiwillige „intellektuelle Legasthenie“.

Zwar streiten die Studenten in Österreich und Deutschland jetzt gegen die Verwandlung von Universitäten in Ausbildungscamps, aber was helfen richtige Unis, wenn die Studenten nicht die richtigen sind? Glaubt man deutschen Universitätsprofessoren, kommt eine Bildungsreform für diese Generation längst zu spät. Die wenigsten sind demnach noch in der Lage, komplexe und abstrakte Texte zu durchdringen. Sie leiden, wie man in einer Studie der Universität Dortmund liest, an „intellektueller Legasthenie“.

Und das sei kein Wunder, meint die deutsche Schriftstellerin Juli Zeh. „Wenn für Bildung auf politischer Ebene notorisch das Geld und auf privater Ebene notorisch die Zeit fehlt, dann stellt dieser Zusammenhang keinen Zufall dar“, schrieb sie Samstag in der „Welt“. „Wer keine Zeit hat, ein Buch zu lesen, während es für die tägliche Stunde Fitnesscenter oder Yoga durchaus reicht, wem ein Theaterbesuch zu teuer ist, die neue Antifaltencreme mit dreifachem Wirkstoffkomplex aber nicht, wer politische Demonstrationen sinnlos findet und am Wochenende mit Tausenden von Gleichgesinnten in bunten Wurstpellen durch die Innenstadt joggt – der muss sich nicht wundern, wenn sein Kind in der Schule Lindgren light zu lesen bekommt.“

Juli Zeh, mit 35 Jahren gar nicht so viel älter als die Studenten, ist auch in ihrer Generation eine Ausnahmeerscheinung. Ohne sie müsste man sich fragen, ob die Gattung „engagierte Autoren“ nicht ganz ausgestorben ist. Die blendende Juristin (ihr Studium schloss sie 1998 mit dem besten Staatsexamen in Sachsen ab) setzt ihre beruflichen Kenntnisse wie ihr literarisches Renommee immer öfter gesellschaftspolitisch ein. Etwa, als sie im Vorjahr beim deutschen Bundesverfassungsgericht eine Beschwerde gegen den biometrischen Reisepass einlegte.


Gleich zwei heuer von Zeh veröffentlichte Bücher kritisieren die Erosion der liberalen Gesellschaft: In „Angriff auf die Freiheit“ beschreibt sie gemeinsam mit dem Autor Ilja Trojanow, wie der Sicherheitswahn immer stärker Privatsphäre und bürgerliche Rechte aushöhlt. Der Roman „Corpus delicti“, aus einem Theaterstück mit dem Titel „2057“ entstanden, spielt in einer Gesundheitsdiktatur: Gesundheitsvorsorge, Fitness und innere Wellness sind staatlich verordnet, und man kann wegen „zu viel“ Liebe oder geistiger Unabhängigkeit vor Gericht landen.

Bildungsnotstand und Fitnesswahn hängen direkt zusammen, behauptet Juli Zeh nun in der „Welt“. „Die Umstellung von Köpfchen auf Kröpfchen ist ausnahmsweise nicht den allgegenwärtigen Sachzwängen geschuldet. Sie geschieht freiwillig. Dahinter steht ein Paradigmenwechsel, der die geistigen Qualitäten des Menschen von Platz eins der Werteskala verdrängt.“ Wohltuend ist Juli Zehs Ausritt in Sachen Bildungsmisere auch deswegen, weil er sich nicht damit begnügt, die Politik zum bequemen Sündenbock zu machen. „Würde man heute jungen Eltern die Frage stellen: ,Was hättet ihr lieber, ein schlankes Kind oder ein fettes, das den Dreisatz kann?‘ – ich würde für die Antwort keine Hand ins Feuer legen.“ Und wohl auch sonst niemand.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2009)

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