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Burgtheater: Das Spielzeug der Sexgöttin

(c) Reuters (Herwig Prammer)
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Stefan Pucher macht aus Shakespeares „Antonius und Cleopatra“ eine billige Revue, die schließlich vor allem langweilt. Einziger Trost: das Ensemble.

Manche Sitten der Römer und Ägypter sind unergründlich, sie verschwinden im Nebel der Geschichte: Marcus Antonius (Wolfram Koch) und Cleopatra (Catrin Striebeck) lieben sich in einer transparenten großen Wanne voller Badeschaum, die auf einem Wägelchen auf die Bühne rollt. Der Triumvir, Herrscher über den römischen Orient, nach eigener Aussage der Champion unter den Besteigern von Sexgöttinnen, der bei William Shakespeare tragischerweise aus zu viel orientalischer Liebe seine imperialen Pflichten vergisst, hat dabei eine goldene Badehose an.

Warum? Das bleibt eine ungelöste Frage, denn schon rollt das nächste Geheimnis heran. Cleopatras Gespielinnen Charmian (Alexandra Henkel) und Iras (Mareike Sedl) gleiten, von zwei Toyboys begleitet, in einer mit großen Seepferdchen geschmückten Barke an die Rampe. Sie wollen von einem Wahrsager (Charakterkopf Hermann Scheidleder) die Zukunft wissen. Der spricht sehr verschlüsselt, einleuchtend ist hingegen, warum sich Iras dabei von ihrem Begleiter cunnilinguistisch verwöhnen lässt; so sind sie eben, die lasziven Ptolemäer.

 

Ein skurriles Gefährt jagt das andere

Jetzt aber kommt es! Nach diesen kurzen ersten Szenen in Shakespeares spätem Drama „Antonius und Cleopatra“ geht der Titelheld nackt an die Rampe, lässt sich von einem Boten aus Rom ein Handtuch reichen und beginnt sich abzutrocknen. Was will uns Regisseur Stefan Pucher, dessen Inszenierung am Sonntag im Wiener Burgtheater Premiere hatte, mit diesem kleinen Strip sagen? Dass wilde Eroberer ihren Geliebten gegenüber mehr Verklemmung haben als Schamgefühl vor dem Publikum? Oder dass Antonius vor Octavius Caesar (Alexander Scheer), der ihm eine mahnende Nachricht schickt, die Hosen wird runterlassen müssen?

Lange kann man nicht darüber nachdenken. Schon nähert sich das nächste skurrile Gefährt, auf dem Cleopatra zwischen zwei ansehnlichen Elefanten steht. Unter ihr sitzen züchtig die zwei Gespielinnen, Antonius stößt dazu, er hat nun einen goldenen Boxermantel an. Elefanten – das bedeutet wohl machtvolle Exotik, auch wenn sie nicht einmal zwei Meter Schulterhöhe haben, aber was ist das schon gegen den nächsten Wagen, der an die Rampe drängt: Octavius und Lepidus (Markus Kiepe) stehen im Kopf eines riesigen Gorillas und zerreißen sich das Maul über den geilen Antonius. Wir befinden uns in Rom. Rom, das ist Kingkong, und der Oberaffe, das ist der neue Caesar, ein unausgeglichenes Bürscherl mit goldenem Lorbeerkranz, das gerne mal zur Gitarre greift, einer schmucken Gretsch „White Falcon“ vielleicht, um sich den jungen Römern als Vorstufe zum singenden Nero zu präsentieren. Die Riffs sind nicht schlecht (Musik: Marcel Blatti).

 

Caesar als Pausenclown

Gerade erst die Hälfte der Karnevalsgefährte ist zum Einsatz gekommen, im Lauf des Abends folgen noch ein Kobra-Cabrio, eine Galeere (könnte aus einem Asterix-Film stammen), ein leuchtender Caesarenkopf, ein Leiterwagen, ein Tretboot für den Boten und eine Plattform aus Stahl für die Strategen, aber spätestens jetzt, mit Octavius Caesar auf einer Bühne für Rocker, sieht man die Schwächen dieser Inszenierung, nicht nur, weil Scheer beachtliche Texthänger hat, die er wegzublödeln sucht. Sein Caesar ist ein Pausenclown, im Vergleich dazu hat Antonius mit all seinen von Shakespeare intendierten Schwächen Statur. Einmal aber wird die kalte Berechnung des neuen Caesar sehr treffend dargestellt. Er gibt Antonius seine Schwester Octavia (Petra Morzé) zur Frau. Die muss sich auf allen vieren niederlassen, Octavius lüpft ihr Kleid, damit sie der wiedergewonnene Verbündete a tergo nehmen kann. Das ist eine kaum zu überbietende Demonstration von Machtmissbrauch, die sogar Antonius überfordert.

Kochs Leistung ist so wie die von Striebeck beachtlich. Sie schaffen es, das Schillernde der beiden Figuren in vielen Facetten darzustellen. Aber diese Aufführung eines ohnehin komplexen Stückes (42 rasch wechselnde kurze Szenen sind Rekord bei Shakespeare) bleibt hoffnungslos überladen mit wahllosen Symbolen (Bühne: Barbara Ehnes), die 18 Darsteller sind krampfhaft originell gekleidet, als Punker, Rocker, Römer, Businessmen, moderne Offiziere, Pferde mit Gasmasken, Ägypter wie aus dem Bilderbuch (Kostüme: Annabelle Witt), während die Sprache und die Handlung zum reinen Zierrat werden. Die flapsige Übersetzung von Jens Roselt ist im Vergleich zu der makellosen Schönheit und Vielschichtigkeit des Originals schmerzhaft zeitgeistig und platt, auch das unaufhörliche Drängeln an die Rampe ermüdet.

Geboten wird ein Catwalk von drei Stunden und fünfzehn Minuten, der sich am Ende in eine Orgie an Unübersichtlichkeit ergießt, mit seltsamen, überdimensionalen Videos, in denen Eros und Thanatos zum Slapstick werden. Der Narrenzug schließt sich in der finalen Schlacht zur Wagenburg, es wird eng wie im Depot eines Filmstudios. Dann leert sich die Bühne für pathetische Reden. Jetzt, wenn gestorben wird, sind wir in der Urzeit des Kinos. Wie die glitzernde Diva eines Stummfilms leidet Kleopatra im Hintergrund, während vorn der neue Caesar sein zynisches Machtspiel betreibt.

 

Rettung: Perta Morzé, Henkel und Sedl

Pucher hat viel Aufwand getrieben in dieser monumentalen Römershow, und darüber die Tragödie vergessen. Vor dem Fiasko wurde diese Rampensaurevue dadurch gerettet, dass dem Burgtheater grandiose Schauspieler zur Verfügung stehen, die nicht nur in der Übertreibung, sondern auch in der Zurückhaltung blühen; die grandiose Morzé (die Kollegen über Unsicherheiten hinweghilft) und das laszive Duo Henkel und Sedl gehören dazu, aber auch Oliver Masucci in einer wohldosierten Darbietung von Marcus Antonius klügstem Gefolgsmann Enobarbus. Sehenswerte Typen spielen auch Peter Knaack (Pompeius), Michael Masula (Maecenas) und Johannes Krisch (Agrippa). Die Gesamtleistung des Ensembles hat also diese zur totalen Fadesse tendierende Aufführung vor dem Selbstmord durch Maßlosigkeit bewahrt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2009)