Was wusste Pius XII. wirklich?

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Benedikt XVI. ist kein Diplomat – anders als Pius XII., der stets äußerst vorsichtig handelte.

Der Papst, der zum Holocaust schwieg: Seit Jahrzehnten ist das Bild Eugenio Pacellis von diesem Vorwurf beherrscht. Da und dort lesen noch Schüler das Stück „Der Stellvertreter“, in dem Rolf Hochhuth diesen Papst fünf Jahre nach dessen Tod als Verbrecher, ja Mörder anklagte. Und in der größten Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem steht unterm Bild von Pius XII.: „Selbst als Berichte über den Mord an Juden den Vatikan erreichten, hat der Papst weder mündlich noch schriftlich dagegen protestiert (...). Selbst als Juden aus Rom nach Auschwitz deportiert wurden, hat er nicht eingegriffen.“

Anders als vor seiner Regensburger Rede hat Papst Benedikt XVI. den jetzigen „Skandal“ also sicher vorhergesehen, als er am Samstag Pius XII. den „heroischen Tugendgrad“ zuerkannte, ihn damit ein großes Stück in Richtung Seligsprechung weiterbeförderte – und Vertreter jüdischer Gemeinden in Deutschland, Frankreich und Italien empörte. 43 Jahre dauert das Verfahren um die Seligsprechung von Pius XII. nun schon, Benedikt XVI. hat es weiter verzögert. Zu wenig, sagen die Pius-Kritiker. Sie hatten gefordert, den Prozess auszusetzen, bis die Vatikanarchive aus der Hitlerzeit zur Gänze geöffnet seien – das hätte, dem Vatikan zufolge, noch fünf bis sechs Jahre gebraucht, zumal es dort Usus ist, Archive jeweils für ein gesamtes Pontifikat zu öffnen.

Doch Papst Benedikt XVI. ist kein Diplomat – anders als Pius XII., der stets äußerst vorsichtig handelte. Die einen geißeln ihn, die anderen loben ihn sogar dafür. Pius XII. wusste genau, argumentieren seine Verteidiger, dass er mit jeder öffentlichen Geste das Leben unzähliger Katholiken in Deutschland aufs Spiel setzte – und seine Chancen, heimlich Juden das Leben zu retten. Dass er das tat – mindestens 700.000 seien es gewesen, sagte nach dem Krieg der jüdische Gelehrte Pinchas Lapide –, steht heute außer Streit. Der Leiter der Holocaust-Gedenkstätte, Avner Shalev, sagte im Mai 2009, Yad Vashem habe neue Dokumente aus den vatikanischen Archiven erhalten, die das öffentliche Bild von Pius XII. „zutiefst verändern“ könnten. Demnach gab der Papst während des Zweiten Weltkrieges persönlich die Anweisung, in einem Kloster bei Rom verfolgte Juden zu verstecken. Aus Dankbarkeit dafür ließ sich übrigens der nach dem Krieg konvertierte römische Großrabbiner Israel Zolli auf den Vornamen Eugenio taufen.

Das Beispiel der Heiligen zeige die Würde des Menschen, die sich „in den historischen Umständen, in den persönlichen Charakteren, den freien und verantwortungsbewussten Entscheidungen und den übernatürlichen Charismen zeigen kann“, sagte der Papst, als er den „heroischen Tugendgrad“ von Pius XII. (und weiteren 20 Personen, darunter Johannes Paul II.) anerkannte. Für alle, die das „Schweigen“ von Pius XII. unverständlich und schrecklich finden, können diese Worte nur ein Affront sein. Pius XII., der Diplomat, hätte vielleicht anders gehandelt und die vollständige Öffnung der Archive abgewartet. Erst dann werden, wenn überhaupt jemals, endgültige Antworten auf die alten Fragen möglich sein: Wie viel wusste Pius XII. über den Holocaust? Was hat er getan, was hätte er tun können, und was hat er verabsäumt?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2009)

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