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Zeitreise

Heute vor... im September: Wie wertvoll ist der Iffland-Ring?

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Der Fingerring steht dem „besten deutschen Schauspieler“ zu.

Neue Freie Presse am 30. September 1927

Die Echtheit des Iffland-Ringes wird angezweifelt. Das Kleinod, das widmungsgemäß den Ringfinger des jeweils bedeutendsten deutschen Schauspielers zieren soll, enthält angeblich einen falschen Stein. Wem diese Enthüllung wohl zu verdanken ist? Ob es am Ende ein enttäuschter Kandidat gewesen ist, der sich für seinen Mißerfolg nachträglich zu rächen bestrebt war? Allerdings hat die Konstatierung, daß Juweliere den Iffland-Ring weit niedriger einschätzen würden als darstellende Künstler, blutwenig zu besagen. Der Ring macht seinen Besitzer nicht reicher. Das wußte man ja ohnehin. Im Augenblick, da er ihm zugesprochen wird, muß sich der Erfolgreiche dessen bereits bewußt sein, daß er ihn wieder abzugeben haben wird. Genau genommen, ist in der Stiftung des Iffland-Ringes ein Stückchen nachdenklicher Philosophie gelegen. So etwas wie ein Memento an die Vergänglichkeit schauspielerischen Ruhmes, und der Hinweis auf die Kronprinzen, die begierigen Thronanwärter der Herrschaft über das Publikum, die darauf warten, bis auch ihre Zeit gekommen sei.
 
Anmerkung: Der Iffland-Ring geht auf den Schauspieler August Wilhelm Iffland zurück. Er wird von seinem Träger testamentarisch an den seiner Meinung nach „jeweils bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters auf Lebenszeit verliehen“. Seit 1945 ist der Ring zweckgebundenes Eigentum der Republik Österreich.
 

Für den 9-Uhr-Schulbeginn

 
Die Leser des “Beschwerdebuchs” der Zeitung fordern die Einführung des 9-Uhr-Schulbeginns in der Volksschule.
 
Neue Freie Presse am 29. September 1927

Das “Beschwerdebuch” ist die Plattform der Publikumskritik und der Publikumswünsche. An dieser Stelle wurde von den Lesern selbst manche lebhafte Debatte geführt mit der stärksten Resonanz und mit der sichtbarsten Wirkung. Viele Uebelstände wurden beseitigt und viele hier zuerst gegebene Anregungen verwirklicht. Aber noch keine Frage hat ein so weitreichendes und tiefgehendes Interesse gefunden wie die Debatte über den Schulbeginn. Schon vor einem Jahre wurde hier zuerst die Forderung gestellt: 9-Uhr-Schulbeginn für die erste und zweite Volksschulklasse. Wie sehr sie dem Publikumsempfinden entspricht, geht schon daraus hervor, daß sich auch der Wiener Stadtschulrat ihr nicht länger verschließen kann, der jetzt die teilweise Einführung des 9-Uhr-Schulbeginnes in der ersten Volksschulklasse plant und durch Erhebungen feststellen will, wie viele Eltern dafür sind.

Da man erfahrungsgemäß zum Tempo solcher amtlicher Erhebungen kein übermäßiges Vertrauen haben kann und da es die Rücksicht auf die Gesundheit kleiner Kinder unbedingt verlangen, daß der 9-Uhr-Schulbeginn in der ersten und zweiten Klasse aller Wiener Volksschulen eingeführt werde, hat sich das “Beschwerdebuch” veranlaßt gesehen, die Eltern zu einer Abstimmung aufzufordern. Das war vor acht Tagen, aber schon in dieser einen Woche ist uns eine enorme Fülle von Zustimmungen zugekommen. Alle Eltern begrüßen die Anregung des “Beschwerdebuch” dankbar und sprechen den Wunsch aus, der 9-Uhr-Schulbeginn möge noch vor Eintritt der rauhen Jahreszeit eingeführt werden.
 
 

Zulassung der Frauen zum Universitätsstudium

Ordentliche Hörerinnen haben sich bis nun in Wien nicht gemeldet.
 
Neue Freie Presse am 28. September 1897

Es wurde bereits gemeldet, daß schon heute bei Beginn der Inscriptionen für das laufende Wintersemester mehreren Frauen die Inscription an der philosophischen Facultät nicht gestattet werden konnte, da sie den an ihre Zulassung geknüpften Bedingungen nicht entsprachen. Im Ganzen wurde heute, als am ersten Tage der durch vierzehn Tage währenden Inscriptionsfrist, vom Decan der philosophischen Facultät, Professor Dr. Leopold Gegenbauer, das Ansuchen von fünf Damen erledigt, die sich zur Inscription als außerordentliche Hörerinnen gemeldet hatten.

Zwei dieser Damen wurden zum Universitäts-Studium zugelassen, während die drei anderen Aufnahmswerberinnen die Entscheidung des Unterrichtsministers anzurufen haben, der sich bekanntlich vorbehalten hatte, die Gleichwerthigkeit der von den Frauen mit Erfolg absolvirten Unterrichtsanstalten mit den Gymnasien von Fall zu Fall zu bestimmen. Die Hauptschwierigkeit der Aufnahme liegt in der Bedingung der österreichischen Staatsbürgerschaft; ohne Nachweis derselben können Frauen weder als ordentliche noch als außerordentliche Hörerinnen Zutritt finden. Daher mußten auch die aus dem Auslande, besonders aus Rußland erschienenen Damen trotz des Nachweises der Reifeprüfung von der Aufnahme ausgeschlossen werden. Ordentliche Hörerinnen haben sich bis nun in Wien nicht gemeldet.
 
 

Österreich braucht in jedem Monat des Krieges eine Milliarde

Noch die Enkel werden in mühevollen Tagen und Nächten ersetzen müssen, was in der Zeit ihrer Voreltern vernichtet worden ist.
 
Neue Freie Presse am 27. September 1917
 
Zweiundzwanzig Milliarden sind beiläufig der fünfte Teil des Volksvermögens in Österreich. Wenn der Krieg noch ein Jahr dauern sollte, müßten wir sie verbrauchen und an Werten so viel hingeben oder die künftige Arbeit durch Aufnahme von Schulden so belasten, daß entweder die heute lebenden Menschen oder kommende Geschlechter diesen Betrag aus Gewinn, Lohn und Besitz, aus jeder Form des Einkommens und Vermögens zu decken hätten. Der Krieg hat bisher in Österreich rund einundvierzig Milliarden verschlungen; noch die Enkel werden Schwielen auf den Fingern haben, in mühevollen Tagen und Nächten ersetzen, was in der Zeit ihrer Voreltern vernichtet worden ist. Wir erfahren aus der Rede des Freiherrn v. Wimmer, daß der Notenumlauf sich um die Grenze von elf Milliarden bewegen dürfte und somit, verglichen mit seinen Hochpunkten in den letzten Jahres des Friedens, beiläufig um acht Milliarden sich vermehrt hat. Von dem Ernste solcher Daten möchten wir nichts wegnehmen und von dem Milliardengebirge, das sich vor uns auftürmt, nichts abtragen. Das Gefühl ist zwiespältig: Kummer über die Pflichten, die weit in die Zukunft hinaus mit diesen Ziffern verbunden sein werden, Mitleid mit einer Welt, die so viel zu dulden hat, und doch auch Staunen über die Leistungsfähigkeit einer gesellschaftlichen Ordnung, welche diesen beispiellosen Aufwand zu bestreiten vermag. (...)

Der Finanzminister braucht eine Milliarde in jedem Monate des Krieges. Wie lange der Felssturz der europäischen Politik noch dauern wird, vermag niemand zu sagen. Aber jeder Tag kostet ohne Rücksicht auf den ungarischen Beitrag mehr als dreißig Millionen. Dieser fortgesetzte Aufwand ist bisher in den regelmäßigen Einnahmen noch nicht bedeckt.

 

Der kleinste Staat der Welt

Die wahrhaft liliputanische Volksgemeinschaft hat ihren Sitz auf einem steilen Felsen der Pyrenäen.
 
Neue Freie Presse am 26. September 1917

In diesem Weltkriege ist der kleinste Staat der Welt entdeckt worden, nämlich die Republik Saint-Goust, eine wahrhaft liliputanische Volksgemeinschaft, die ihren Sitz auf einem steilen Felsen der Pyrenäen hat. Der ganze Staat hat einen Flächeninhalt von anderthalb Quadratkilometer und zählt alles in allem ganze 130 Einwohner.
 
Von diesen 130 wackeren Bergbewohnern wird berichtet, daß sie in schönster Eintracht miteinander leben und auch nicht versäumt haben, sich eine Verfassung zu geben. Der Präsident des Staates versieht gleichzeitig das Amt des Steuereinnehmers und des Friedensrichters. Die vollziehende Gewalt wird durch einen einzigen Polizisten repräsentiert. Das Parlament besteht aus zwölf Mitgliedern, die durch das allgemeine Stimmrecht auf fünf Jahre gewählt sind. Die Frauen wählen, können aber nicht gewählt werden. Bisher hat die Republik Saint-Goust unbedingte Neutralität im Weltkriege bewahrt.
 
Anmerkung: Der frühere französische Innenminister Joseph Lainé beschrieb Goust in den Pyrenäen metaphorische als “Republik”. Chronisten nahmen diese Formulierung allerdings wortwörtlich, wodurch sich lange die Legende hielt, Goust sei ein eigener Staat.
 
 

Eine unglaubliche Geschichte

Ein Schuster will sich zu Tode trinken, macht ein Testament, das sich als Schenkung entpuppt und erlebt eine unliebsame Überraschung.
 
Neue Freie Presse am 25. September 1867

Aus Torda berichtet der M. Polgar den folgenden, beinahe unglaublichen Vorfall: Ein Tordaer Schuster war mit seiner Gattin in Unfrieden gerathen und suchte bei dem Inhalte seiner Weinfässer Trost. Am 26. August, als er dem Weine eben wieder tapfer zugesprochen, besuchte ihn sein Advocat, vor dem er erklärte, er wolle sich zu Tode trinken. Der Advocat fragte ihn hierauf, ob er schon ein Testament gemacht, denn wenn nicht, so werde die verhaßte Frau seine Erbin sein; am zweckmäßigsten wäre es, ihn, den Advocaten, des Unglücklichen langjährigen Freund und Wohlthäter, zum Universal-Erben einzusetzen. Der Schuster ging hierauf ein und unterzeichnete ein Actenstück, ein angebliches Testament, in welchem er seine Liegenschaften und seine Mobilien ohne Ausnahme dem Advocaten vermachte.

Nun war aber das angebliche Testament nichts Anderes, als eine Schenkungsurkunde unter Lebenden, und ließ der Advocat schon am nächstfolgenden Tage die Mobilien und selbst den Wein des Schusters, von welchem er ihm jedoch die jedesmal gewünschte Menge bereitwillig zu trinken gab, in sein Haus führen. Drei Tage später söhnte sich der Schuster mit seiner Frau aus. Er begab sich demzufolge zum Advocaten und forderte die von ihm in unzurechnungsfähigem Zustande unterfertigte Urkunde zurück, der Advocat schlug jedoch die Auslieferung der Urkunde rundweg ab. Man sieht der gerichtlichen Entscheidung in dieser Angelegenheit mit Spannung entgegen.
 
 

Der “Passionsweg” der Semmel

Zurückgegebenes Gebäck stellt eine sanitäre Gefahr dar.
 
Neue Freie Presse am 24. September 1892

Die Bemühungen, den Umtausch des von Gastwirthen, Kaffeeschänkern, Branntweinverschleißern u.s.w. zurückgegebenen Gebäcks als eine sanitäre Gefahr abzustellen und die Einrichtung zu treffen, daß in den genannten Localen eine Semmel erst auf Verlangen ausgefolgt wird, ohne daß sie von hundert Händen berührt und gedrückt werden kann, finden in den Kreisen aller vernünftig Denkenden die vollste Zustimmung. Vor uns liegt ein Schreiben, das die Besitzerin einer Bäckerei im Juni dieses Jahres an Professor v. Schrötter richtete. Dasselbe sagt uns zwar nichts Neues, schildert aber in drastischer Weise, welchen “Leidensweg” eine Semmel zurückzulegen hat, bis sie in der Form von “Bröseln” wieder in die Küche gelangt.

Die Frau schreibt unter Anderm: ”Den eigentlichen Passionsweg macht das Gebäck in ordinären Branntweinschänken, Kaffeehütten oder in Wirtshäusern letzten Ranges durch. Tagelang stehen die Hände dieser Gäste mit Wasser und Seife auf Kriegsfuß. Was mag alles an diesen Händen haften! Und ihnen ist der ganze Brotvorrath zum Abdrücken preisgegeben. Der Rest bleibt die Nacht über in der Atmosphäre dieser Spelunken liegen und am nächsten Morgen wandert er wieder zum Bäcker. Ich habe schon Gebäck zurückerhalten, das von den “Russen” und “Schwaben” wie ein Sieb durchlöchert war. Welcher Staub mag in solchen Localen beim Kehren auf das Gebäck fallen und wie leicht werden da schädliche Bacillen auf dasselbe übertragen! Und dieses Gebäck wird verkocht, teils als “Brösel”, teils verkleinert, und die armen Leute kaufen es als “altbacken”, weil es billiger ist, und verzehren es, wie es ist. Wie wird es da im Falle einer Epidemie aussehen?”
 

Ungarn und seine gefährlichen Buchstaben

Ein Unternehmer wurde verurteilt, weil er seinen Namen mit einem H am Schluss schrieb.
 
Neue Freie Presse am 23. September 1927

Aus Budapest wird uns gemeldet: In der Orthographie der ungarischen Namen gibt es zwei gefährliche Buchstaben: das H und das Y. An die Gefährlichkeit des Buchstabens H mußte der Direktor eines Handelsunternehmens namens Max Horvat glauben. Horvat hatte vor einiger Zeit eine Eingabe an das Ministerium des Innern wegen Erlangung einer Motorradfahrlizenz für seinen minderjährigen Sohn gerichtet. Er hatte seinen Namen mit einem TH geschrieben. Die Eingabe machte ihren Weg durch die verschiedenen Instanzen, bis sie endlich in die Hände eines Beamten gelangte, den das H nicht ganz geheuer vorkam. Der Beamte leitete Erhebungen ein und stellte unter Zuhilfenahme der Polizei fest, daß Horvat seinen Namen eigentlich nicht mit einem H schreiben dürfe. Die Angelegenheit kam vor Gericht. Horvat verteidigte sich damit, daß in allen behördlichen Zuschriften sein Name mit einem H geschrieben werde und daß er das H bereits seit vielen Jahren benütze. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten wegen Uebertretung des Matrikelgesetzes mit einjähriger Bewährungsfrist zu 40 Pengö Geldstrafe,wobei der Umstand, daß die Behörden seinen Namen wiederholt mit H geschrieben hatten, als mildernd in Betracht gezogen wurde.
 
Zur Erklärung dieser H-Geschichte sei bemerkt, daß die sogenannten Fünfzig-Kreuzer-Magyaren, die seinerzeit ihren deutsch klingenden Namen magyarisierten, nicht berechtigt sind, das H oder Y zu gebrauchen, sondern nur ein gewöhnliches T oder I. Ein H oder ein Y am Schlusse eines Namens gilt gemeinhin als zeugnis adeliger Herkunft. Die Benützung dieser Buchstaben ist für Leute nichtadeliger Herkunft an eine besondere ministerielle Erlaubnis gebunden. In den Kreisen der unbefugten Benutzer von H und Y hat die Verurteilung Horvats eine Panik hervorgerufen. Die Urteilsfällung wird zweifellos zur Folge haben, daß von morgen an viele Namen das unbefugte H abwerfen und viele stolze Y sich in das plebejische I verwandeln werden.
 
 

Eine Skandalgeschichte aus Hernals

Die Kaufmannsgattin Betty Frisch kämpft um ihren Ruf. Ihr Gatte soll aber bereits eine Ehescheidungsklage eingereicht haben.
 
Neue Freie Presse am 22. September 1867

Im Local-Anzeiger eines hiesigen Blattes wurde dieser Tage eine Scandalgeschichte erzählt, welche die Bewohner von Hernals in Aufregung erhält und die hievon arg betroffene Kaufmannsgattin Betty Frisch veranlaßte, gegen die Urheber dieses Scandales beim Bezirksgericht Dr. Reuda klagbar einzuschreiten. Gestern fand auf Begehren der Klägerin die Schlußverhandlung statt. Es erschienen als Angeklagte der 15jährige Schusterlehrling Anton Guschel, dessen Meister Karl Meyer, das Dienstmädchen Katharina Gewell und der Kaufmann Franz Rosenfeld. Mit Ausnahme des Schusterjungen waren sämmtliche Angeklagte bemüht, in Abrede zu stellen, daß sie die Scandalgeschichte verbreitet hatten, wurden jedoch durch 14 zur Verhandlung vorgeladene Zeugen des Gegentheiles überwiesen.
 
Mit seltener Frechheit und maßloser Unverschämtheit bringt der Schusterlehrling Anton Guschel in der später als geheim erklärten Verhandlung Umstände vor, deren Unwahrscheinlichkeit durch fünf von der Klägerin vorgeführten Zeugen mehr als erwiesen ist. Nachdem jedoch die Zeit ziemlich vorgerückt war (es war bereits ½ 6 Uhr) und sich überdies ein solches Volkshause vor dem Gerichtsgebäude gesammelt hatte, daß tumultuarische Auftritte zu befürchten standen, wurde mit der Fortführung der Verhandlung vorläufig ausgesetzt. Frau Frisch sowol wie auch die Angeklagten mußten sich auf Umwegen aus dem Gerichtsgebäude entfernen, um weiteren Scandalen zu entgehen. (Wie eine Local-Correspondenz erzählt, hatte diese Verhandlung gestern Abends ein abscheuliches Nachspiel. Gegen Abend fanden sich Männer, Weiber, Kinder aus dem Arbeiterstande in hellen Haufen vor dem Hause der Klägerin ein und intonirten eine förmliche Katzenmusik. Nur mit großer Mühe waren Excesse hintanzuhalten. Umfassenden Sicherheitsmaßregeln gelang es, die Volksmenge gegen 8 Uhr Abends nach und nach zu zerstreuen. Die betreffende Local-Correspondenz fügt der Mittheilung dieses Vorfalles die jedenfalls voreilige Meldung bei, daß der Gatte der Klägerin bereits eine Ehescheidungsklage anhängig gemacht habe.)
 

Wie Graphologie und Eheglück zusammenhängen

Die Frage, ob zwei Charaktere zueinander passen, kann damit beantwortet werden.
 
Neue Freie Presse am 21. September 1937

Will man eine Ehe eingehen, die sich bewähren soll, so müssen sowohl Liebe als auch Vernunft mitwirken. Im Zustande des Verliebtseins haben Mann und Frau begreiflicherweise die Tendenz, das Objekt ihrer Liebe in bestem Licht zu sehen; später, wenn sie miteinander verheiratet sind, lernen sie einander oft erst richtig kennen. Wir leben in einer sehr auf das Materielle gerichteten Zeit, weshalb viele Menschen, um versorgt zu sein, Ehen schließen, die sie nachher bereuen. Sie denken nicht genügend darüber nach, ob sie auch wirklich miteinander harmonieren werden. Furcht vor dem Alleinsein, uneingestandene Angst, nicht mehr die passende Ergänzung für das Leben zu finden, führen aber auch wiederholt zu Verzweiflungsschritten. Nur solche Gemeinschaften können Krisenzeiten überdauern, bei denen gegenseitiges Verständnis vorhanden ist. Vielen Menschen fällt es schwer, sich in die Psyche ihres Nächsten einzufühlen. Es fehlt ihnen an der hiezu unbedingt erforderlichen Menschenkenntnis. Um aber mit einem anderen Menschen in ständiger Gemeinschaft zu leben, muß man vor allem seine eigenen Fehler kennen; nur wer sich diese einzugestehen wagt, ist imstande, den Mitmenschen richtig einzuschätzen und zu respektieren. Eine solche innere Reife ist aber im allgemeinen nur bei älteren, lebenserfahrenen Personen vorzufinden. (...)
 
Jeder Mensch hat sein Eigenleben und es kommt selbstverständlich ganz darauf an, wie die beiden Partner geartet sind, wenn sie miteinander harmonieren sollen. Zu berücksichtigen ist außerdem, daß Eigenschaften existieren, die mehr der weiblichen, andere wiederum eher der männlichen Psyche zuzuschreiben sind. Es gibt aber keine vollkommen maskulinen Männer, aber auch schwerlich ausschließlich feminin veranlagte Frauen; bei jedem Menschen finden sich, mehr oder minder dosiert, beide Komponenten vor. Als Besonderheiten des weiblichen Geschlechtes mögen gelten: Mütterlichkeit, stark ausgeprägter Instinkt, Einfühlungsgabe in unbekannte Materien, seelische Hingabe, Geduld und vieles mehr. Vom Mann hingegen verlangt man gewöhnlich: Energie, Entschlossenheit, Ausdauer, Initiative, logisches Denken und Handeln, Lebensmut usw.
 
Nun besteht eine Methode, Menschen, beziehungsweise deren Veranlagung, richtig zu erfassen: die Graphologie. Sie ist die Wissenschaft von der Ausdrucksbewegung in der Handschrift. Das Schriftbild als solches ist mit einem Relief zu vergleichen, welches die Gedanken und Gefühle des jeweiligen Schrifturhebers genauest darstellt. Alle anderen Ausdrucksbewegungen der Menschen sind vorübergehender Natur, während die Handschrift als Ausdrucksform konstant bleibt. Niemand ist imstande, das Charakteristische an seinen Schriftzügen dauernd so abzuändern, daß dies dem Auge des gewiegten Schriftenforschers entgehen könnte. Welche besonderen Dienste leistet nun die Graphologie speziell für die Eheberatung? Aus den Schriftzügen des eventuellen Ehepartners stellt der Graphologe die Veranlagung in geistiger, seelischer und körperlicher Beziehung fest, ohne den Inhalt des Schreibens dabei zu berücksichtigen; ferner ergibt sich daraus, allerdings nur für den wissenschaftlich geschulten und zugleich intuitiv begabten Schriftenforscher, die Gemütsstimmung, in der das jeweilige Dokument verfaßt worden ist. Der Auftraggeber vermag auf Grund der Schriftenanalyse seine eigenen Beobachtungen mit denen des Gutachters zu vergleichen; unter Umständen kann er dadurch auf gewisse Charaktereigentümlichkeiten des Partners aufmerksam gemacht werden, die ihm bisher noch nicht aufgefallen sind. Die Frage, ob zwei Charaktere zueinander passen, kann gleichfalls beantwortet werden. In diesem Falle ist es notwendig, beide Beteiligten graphologisch zu beurteilen. Erst nach Kenntnis beider Veranlagungen ist zu ersehen, ob sie einander ergänzen.
 
Wichtig ist ferner, den Eheschließenden Direktiven für die gegenseitige Behandlung zu geben. Sind nach der Veranlagungsskizze Fehleinstellungen des einen oder des anderen zu erkennen, die noch abgeändert werden können, so werden auf diese Weise schon zu Beginn der Gemeinschaft mancherlei unnötige Konflikte erspart. Aber auch bei bereits bestehenden Ehegemeinschaften kann der Graphologe wiederholt helfend eingreifen. Zeitweilige Mißverständnisse ergeben sich selbst in der besten Ehe. Zwischen Mann und Frau obwaltet ein ständiger Kräfteaustausch in verschiedener Richtung, wodurch zwangsläufig gewisse Reibungen entstehen. Die Handschrift verrät dem Fachkundigen die Ursachen solcher Ehezerwürfnisse. Allerdings kann als wirklicher Berater nur ein solcher Schriftenforscher in Betracht kommen, der über ein besonders stark ausgeprägtes Verantwortungsgefühl verfügt und menschlich absolut zuverlässig und vertrauenswürdig ist.
 
 

Ein fünfjähriger Schachmeister verblüfft Wien

Das Wunderkind Samuel Rzeszewski spielte simultan gegen sechs Erwachsene.
 
Neue Freie Presse am 20. September 1917
 
Geladenes Publikum bekam heute im Konzerthause das Neuste auf dem Gebiete des Wunderkindertums, den 5 ½-jährigen Schachspieler Samuel Rzeszewski zu sehen. Rund um ein Podium herum saßen vor einem Schachbrett sechs Herren, tüchtige, sehr ernst zu nehmende Schachspieler, um mit dem Knaben gleichzeitig zu spielen. Als der Knirps das Podium betrat, besser gesagt, hinaufgehoben wurde, war man überrascht: ein Kind ohne Zeichen von Frühreife, wesentlich jünger aussehend als es ist - man würde dem Knaben kaum fünf Jahre zumuten -, auf dem sehr schmächtigen Körper ein stark entwickelter Schädel mit wuchtig vorspringender Stirne, sonst aber ein scheinbar ganz bedeutungsloses Babygesicht mit etwas verkniffenem Mund und ganz gewöhnlichen Augen.

Beim heutigen Simultanspiel zeigte sich der jugendliche Virtuose nicht einen Moment verlegen. Er eilt von einem Tisch zum anderen, hockt sich nieder und macht blitzschnell den Gegenzug. Drei Gegner bereiten ihm nicht viel Mühe, bei den anderen muß er nachdenken, bei zweien dauert es oft einige Minuten, bis er sich zum Gegenzug entschließt. (...) Dabei liebt er es nach Kinderart, mit den Erwachsenen so zu sprechen, wie sie mit ihm. Einem alten Herrn sagt er: “Nun, Mauserl, was machen wir jetzt?”, und mit jedem ist er auf Du-Fuß. (...) Das heutige Simultanspiel zog sich recht sehr in die Länge. Mit dem stärksten und gefährlichsten Gegner wurde indessen der kleine Schachmeister nach einer Stunde durch einen verblüffenden Zug, der die Verwunderung aller Anwesenden fand, fertig, während er die anderen Gegner langsam und methodisch niederkämpfte. Vier Siege und zwei Remis waren das Ergebnis des Abends.

Anmerkung: Der aus dem heutigen Polen stammende Samuel Rzeszewski (Reshevsky) unternahm 1920 eine Tournee in die USA und blieb dort. Für die Vereinigten Staaten nahm er an acht Schacholympiaden teil. Beim Turnier um die Schachweltmeisterschaft 1948 belegte er den geteilten 3.–4. Platz. 1950 erhielt er vom Internationalen Schachverband den Titel Großmeister verliehen.
 

Die Knappheit an Essig

Das Amt für Volksernährung schreitet ein.
 
Neue Freie Presse am 19. September 1937
 
In Wien macht sich während der letzten Wochen eine größere Knappheit an Speiseessig fühlbar, die einerseits auf die Einlegeperiode, andererseits auf größere Lieferungen für die Heeresverwaltung zurückzuführen ist. Die Organisation der Essigindustrie ist bemüht, Abhilfe zu schaffen und die Produktion der für den Wiener Konsum zu Betracht kommenden Spritessigfabrik mit allen Mitteln zu steigern, um den Bedarf der Bevölkerung an Speiseessig tunlichst zu decken. Ueber Einschreiten des Amtes für Volksernährung gab das Kriegsministerium kürzlich eine bedeutende Menge von chemisch reiner Essigsäure zur Verteilung frei. Diese Verteilung wurde bereits vom Amte für Volksernährung durchgeführt, wobei in erster Linie der Bedarf der Bevölkerung Wiens berücksichtigt wurde. Hiedurch wird es möglich sein, schon in allernächster Zeit einige hunderttausend Liter 2 ½ prozentigen Speiseessig an die Verbraucher abzugeben.
 

Der Brand der Rotunde

“Vorbei! Vorbei! Die Rotunde, die Oesterreich auf einem Teil jenes Großmachtweges begleitet hat”, ist abgebrannt.
 
Neue Freie Presse am 18. September 1937

Gestern gegen 13 Uhr entstand im Nordtrakt der Rotunde ein Brand, der sich, an der Holzkonstruktion des Baues beste Nahrung findend, blitzschnell über den gesamten Riesenkomplex verbreitete und das Ausstellungsgebäude bis auf die Grundmauern einäscherte. Nachdem um 13.30 Uhr die Glaskuppel eingestürzt war, mußte die Feuerwehr das Brandobjekt dem Wüten des Elementes überlassen und sich darauf beschränken, die umliegenden Baulichkeiten vor einem Uebergreifen der Flammen zu schützen. Dies ist gelungen. Menschenleben sind nicht zu Schaden gekommen. Die Kosten eines entsprechenden Neubaues werden mit vier bis fünf Millionen Schilling veranschlagt. Der Bundespräsident, der Bundeskanzler und Staatssekretär Dr. Skubl weilten längere Zeit auf dem Brandplatz, der bis in die späten Nachtstunden von vielen Tausenden von Menschen umlagert war. (...)
 
Als gestern in den ersten Nachmittagsstunden der Schreckensruf “Die Rotunde brennt!” durch die Straßen von Wien gellte und von Mund zu Mund weitergegeben wurde, da schien mit einemmal der großstädtische Verkehr zu stocken. Und manchem Wiener war es in dieser Stunde bitterweh ums Herz. Die Rotunde bedeutete ja den Aelteren unter uns ein Stück Jugend. Sie war eine Herzenssache Wiens und der Wiener. Sie kam gleich nach dem Stephansturm. Ein Wahrzeichen Wiens. Und wer die Höhen des Kahlenberges erstiegen hatte, der hielt zuerst nach der Rotunde Ausschau, um sich nach ihr zu orientieren. Darum dachte man gestern erst in zweiter Linie an den gewiß ungemein großen Schaden. Man vergaß natürlich auch vollständig, daß es der Rotunde seit ihrer Entstehung im Ausstellungsjahr nicht an strengen ästhetischen Kritikern gefehlt hat, die dem Bauwerk Stilmischung zum Vorwurf machten, und daß der Wiener Volkswitz ihr in die Wiege den Spitznamen “Guglhupf” mitgegeben hatte.
 
Es sind heute mehr als zwei Menschenalter her, daß die Rotunde erbaut wurde, wir hatten uns längst an sie gewöhnt und sie ins Herz geschlossen. Sie spiegelte ja die Geschichte Wiens wieder. Sie hat in frohen und in traurigen Tagen ihre Rolle gespielt. Immer mit Anstand und Würde. Die Rotund ist, bevor sie die wichtige Aufgabe übernahm, den Messezwecken zu dienen, der Schauplatz einer langen Reihe von Ausstellungen gewesen. Dort hat Kronprinz Rudolf die Elektrische Ausstellung eröffnet und das berühmte Wort gesprochen: “Ein Meer von Licht strahle von dieser Stadt aus!” Dort hat man sich an den Wunder der Musik- und Theaterausstellungen begeistert. Und an diese Glanzpunkte der Wiener Ausstellungschronik schloß sich eine unendlich lange Reihe von Expositionen aller Art. In der Rotunde haben exotische Schautruppen ihr Lager aufgeschlagen. Pauline Metternich hat dort ihre ersten Feste veranstaltet, die so vielen Wiener Wohltätigkeitsinstituten ihr Wirken ermöglichten. In der Rotunde hat Girardi zum erstenmal das “Fiakerlied” angestimmt, hat Max Reinhardt seine Masseninszenierungen vollführt. Dann kam der Krieg und mit ihm trat wieder der bittere Ernst an die Stelle künstlerischer Darbietungen.
 
Vorbei! Vorbei! Die Rotunde, die Oesterreich auf einem Teil jenes Großmachtweges begleitet hat, von der Weltausstellung an, der sie ihr Entstehen verdankte, bis zur Adriaausstellung, der letzten Ausstellung der alten Monarchie, hat sich auch getreulich in den Dienst des neuen Oesterreich gestellt. Jetzt, nachdem die Rotunde gleich dem Londoner Kristallpalast, gleich dem Münchner Glaspalast das Opfer einer Elementarkatastrophe geworden ist, sieht sich unser Vaterland vor der Aufgabe, für ihren Ersatz zu sorgen. Es ist bezeichnend für den Aufbauwillen und die erstarkte Energie unseres Volkes, daß wir uns nicht sentimentalen Erwägungen hingeben, sondern daß schon in dieser Stunde der Trauer daran gedacht wird, die Rotunde durch ein neues modernes Messegebäude zu ersetzen, dessen Errichtung tausenden fleißigen Händen Arbeit schaffen wird. Wir zerdrücken entschlossen die Träne der Erinnerung und mit beschwingtem Fuß gehen wir den uns vorgezeichneten Weg der Erneuerung und des Wiederaufbaues.

 

Neue Wege der Erziehung

Individualpsychologe Dr. Alfred Adler sprach über drei Kindertypen: Kinder mit minderwertigen Organen, verzärtelte Kinder und gehaßte Kinder.