Las Vegas: „Wir rannten einfach um unser Leben“

Chaos am Festivalgelände in Las Vegas: Konzertbesucher versuchen sich in Sicherheit zu bringen.
Chaos am Festivalgelände in Las Vegas: Konzertbesucher versuchen sich in Sicherheit zu bringen.(c) APA/AFP/GETTY IMAGES/DAVID BECKER (DAVID BECKER)

Beim schlimmsten Schusswaffen-Massaker in der US-Geschichte hat ein 64-Jähriger während eines Musik-Festivals in Las Vegas mindestens 50 Menschen erschossen. Die Terrormiliz IS will für die Tat verantwortlich sein, die Polizei zweifelt daran.

Washington/Las Vegas. Countrymusiker Jason Aldean steht auf der Bühne des „Route 91 Harvest Music Festivals” in Las Vegas und singt sein letztes Lied dieses Abends. Aus der Richtung des nahen Mandalay-Bay-Hotels kommen Knallgeräusche, die von den meisten der rund 22.000 Zuschauer des Freiluftkonzerts zuerst für harmlose Explosionen von Feuerwerkskörpern gehalten werden. Plötzlich brechen die ersten Menschen blutend zusammen, Aldean rennt von der Bühne, während sich die Zuschauer flach auf den Boden werfen oder geduckt zum Ausgang laufen. Das schlimmste Schusswaffen-Massaker der US-Geschichte hat begonnen. Am Ende werden mehr als 50 Menschen tot und über 400 weitere verletzt sein.

Auf dem Platz vor der Bühne gibt es kaum Deckung vor dem Kugelhagel. „Bleibt unten“, ruft ein Mann. Manche werfen sich auf ihre Kinder. Andere versuchen, über die Zäune des Festivalgeländes zu klettern. Polizeibeamte suchen Schutz hinter ihren Streifenwagen. Nicht alle entkommen den Schüssen. Bilder zeigen zwei Frauen, die zwischen Plastikbechern und Bierflaschen auf dem Boden liegen. Augenzeugen berichten von Menschen, die ihre sterbenden Angehörigen in den Armen halten.

Im 32. Stockwerk des Mandalay-Hotels, das nur durch eine Straßenkreuzung vom Festivalgelände getrennt ist, steht der 64-jährige Stephen Paddock am Fenster und schießt mit einem automatischen Gewehr auf die Menge unter ihm. Seine Opfer können das Mündungsfeuer seiner Waffe sehen, mehrere hundert Schüsse peitschen über den Platz. Zehn bis fünfzehn Minuten lang hätten die Schüsse angehalten, berichtet Konzertbesucherin Rachel de Kerf. „Wir rannten einfach um unser Leben.“ Mehrmals verstummt der Schütze für eine etwa halbe Minute: Paddock lädt nach.

Unterdessen kommen Beamte eines Sondereinsatzkommandos der Polizei im 32. Stockwerk des Mandalay-Hotels an. Sie sprengen die Tür zu Paddocks Zimmer auf, werfen eine Blendgranate hinein und stürmen hinterher. Wenig später ist Paddock tot. Laut Polizei tötet er sich selbst.

 

War Täter „Soldat des IS“?

Paddock hatte das Massaker minutiös geplant. Im Mandalay Bay mietete er sich schon am vergangenen Donnerstag – also noch vor Beginn des dreitägigen Festivals – ein Zimmer mit Blick auf das Konzertgelände und versammelte ein regelrechtes Waffenarsenal um sich. Die Beamten zählen mindestens zehn Schusswaffen in seinem Zimmer.

Nur wenige Stunden nach dem Massaker meldete sich die Terrormiliz IS zu Wort und reklamierte die Tat für sich. Der Schütze sei vor einigen Monaten zum Islam konvertiert und ein „Soldat des Islamischen Staates“, heißt es. Eine Bestätigung dafür gibt es allerdings nicht. Laut Polizei war das Tatmotiv zunächst unklar. Es gebe keine Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund sowie auf Kontakte des Täters zu militanten Gruppen.

Paddock lebte in einer Senioren-Wohnsiedlung in Mesquite, etwa 120 Kilometer nordöstlich von Las Vegas. Seine Lebensgefährtin Marilou Danley wurde zunächst von der Polizei gesucht. Später verlautete, sie habe wohl nichts mit der Gewalttat zu tun gehabt. Der in Florida lebende Bruder des Todesschützen, Eric Paddock, sagt DailyMail.com, sein Bruder sei unpolitisch und auch nicht religiös gewesen.

Die Opferzahl in Las Vegas ist so hoch, weil Paddock ein hochmodernes Schnellfeuergewehr benutzt hat. Der Bundesstaat Nevada kennt kaum Beschränkungen für den Waffenbesitz; Paddock dürfte keine Probleme gehabt haben, sich Waffen und genügend Munition zu besorgen (siehe Artikel unten). Möglicherweise hat er an der Waffe trainiert: US-TV-Sender zitieren Experten mit der Einschätzung, das Feuern und rasche Nachladen erfordere Übung.

Sofort ist eine politische Diskussion entbrannt: Die Polizei vermeidet, Paddocks Massaker als „Terrorismus“ zu bezeichnen, weil die Motive des Täters nicht bekannt seien.

 

Zurückhaltender Trump

Auch Präsident Donald Trump, sonst mit schnellen Verurteilungen zur Stelle, reagiert auffällig zurückhaltend und drückt den Opfern lediglich sein Mitgefühl aus. Als ein radikaler Muslim im Vorjahr in Florida ein Blutbad mit 49 Toten anrichtete, forderte Trump sofort einen Einreisestopp für alle Muslime. Nun steht der Verdacht im Raum, der Präsident messe mit zweierlei Maß: Nur wenn es sich um einen nicht-christlichen oder dunkelhäutigen Täter handle, werde von Terrorismus gesprochen, so der Vorwurf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2017)