Las-Vegas-Massaker: Wie ein Hotelzimmer in eine Mörderhöhle verwandelt wurde

US-Präsident Donald Trump und Gattin Melania bei der Abreise von Washington nach Las Vegas.
US-Präsident Donald Trump und Gattin Melania bei der Abreise von Washington nach Las Vegas.(c) REUTERS

US-Präsident Donald Trump besuchte jenen Ort, von wo aus ein Pensionist 58 Menschen erschoss.

Las Vegas/Washington. Als US-Präsident Donald Trump am Mittwoch (Ortszeit) erstmals seit dem Massenmord in der Glücksspielhölle Las Vegas (Nevada) vom Sonntagabend den Schauplatz besuchte und Überlebende traf, kam er wegen eines Mannes, den, bzw. dessen Leichnam, Polizisten so antrafen: Auf dem gemusterten Teppich eines Hotelzimmers liegt er auf dem Rücken, der Bildausschnitt zeigt seine Beine in einer dunklen Hose, seine linke Hand in einem Handschuh.

Um den Körper sind Schnellfeuergewehre und Patronenhülsen verstreut, in einer Ecke ist ein Hammer, anderswo liegen Gewehrmagazine. Ein Fernsehsender hat die ersten Bilder von jenem Zimmer veröffentlicht, von dem aus der 64-jährige Stephen Paddock das schlimmste Massaker der neueren US-Kriminalgeschichte verübte. Eines der Fotos, die dem Sender „Boston25“ zugespielt wurden und ihren Weg auch in Printmedien fanden, zeigt den Eingang zu Paddocks Suite 32135 im 32. Stock des Hotels „Mandalay Bay“. Die Tür steht offen, gelbes Absperrband der Polizei ist davorgespannt. Dort war ein Spezialkommando der Polizei durchgestürmt, nachdem der ältere Herr fast elf Minuten lang auf Besucher eines Countrymusikfestivals geschossen, 58 Menschen getötet und mehr als etwa 500 verletzt hatte, bevor er sich selbst erschoss.

 

Mit Kameras den Hotelflur überwacht

Er wusste, dass die Polizei kam: Er hatte Überwachungskameras am Türspion und im Gang installiert. Einen Wachmann, der als erster dort erschien, erschoss er durch die geschlossene Tür. Als Polizisten die Tür sprengten, schoss er sich in den Mund.

Die Kameras sind ein Teil eines teuflischen Plans, der Stück für Stück rekonstruiert wird. Nachdem er die Suite vorigen Donnerstag bezogen hatte, hängte er das „Bitte nicht stören“-Schild vor die Tür und begann mit dem Aufbau der Mordwerkzeuge: In zehn Koffern schleppte er 23 Schusswaffen – vor allem automatische Gewehre – und tausende Schuss Munition ins Zimmer. Die Gewehre waren etwa vom Typ „FN-15“ der belgischen „Fabrique Nationale Herstal“, „AR-15“ von Colt und Varianten anderer Erzeuger. Manche hatten Stative und Zielfernrohre.

 

Für vollautomatisches Feuer umgebaut

Zwölf Gewehre waren mit Spezialkolben, sogenannten „bump stocks“, versehen. Damit kann man aus einer grundsätzlich halbautomatischen Waffe (sie lädt nach dem Abdrücken per Rückstoß oder Gasdruck automatisch nach, für den nächsten Schuss muss man wieder den Abzug ziehen) eine Vollautomatische machen, eine, die solange feuert, wie man den Abzug drückt. Das Magazin ist zwar sehr schnell leer; Paddock hatte aber auch verlängerte Magazine benutzt und generell genug Magazine herumliegen.

Bump stocks sind in den USA legal; die Billigsten kosten 99 Dollar laut New York Times. Damit kann man die strengeren Vorschriften für den Kauf vollautomatischer Waffen umgehen. In Washington fordern die Demokraten ein Verbot dieser Systems, doch die Chancen stehen ob des Einflusses der Waffenlobby nicht besonders gut.
Mit dem Hammer schlug Paddock dann am Sonntagabend Löcher in zwei Fenster der Suite, damit er von verschiedenen Winkeln aus auf die Menschen feuern konnte.

Alles zusammen zeigt, dass Paddock, gegen den bisher nichts Auffälliges seitens der Behörden vorlag, alles gewissenhaft geplant hatte. Die New York Times berichtet, möglicherweise habe er erst ein anderes Ziel ausgekundschaftet und sich dann für das Musikfest entschieden. Um welches andere potenzielle Ziel es ging, blieb zunächst unklar.

 

Die Freundin auf Fernreise geschickt

Paddock hatte seine Freundin Marilou Danley (62), eine Australierin mit philippinischen Wurzeln, vor der Tat auf Urlaub auf die Philippinen geschickt, sagt Paddocks Bruder Eric: Vielleicht sollte sie so aus dem Ganzen herausgehalten werden. Zudem habe der wohlhabende Pensionist und Glücksspieler 100.000 Dollar auf ein philippinisches Konto überwiesen, hieß es in Medienberichten. Eine Schwester Danleys sagte australischen Medien, Paddock habe Marilou mit dem Flugticket überrascht. Sie habe nichts von seinen Mordplänen gewusst. Danley ist bereits in die USA geflogen und wird von der Polizei vernommen.

Alles in allem bleibt das Motiv unklar. Paddock hinterließ keinen Abschiedsbrief oder andere Hinweise. Das lässt Spekulationen blühen: Bisweilen heißt es, er habe unter einem Kindheitstrauma gelitten, weil er als Siebenjähriger erleben musste, wie sein Vater, ein Bankräuber, festgenommen wurde. Dann ist von Medikamenten die Rede, die ihn aggressiv gemacht haben könnten.

Präsident Trump hatte vor seiner Reise nach Las Vegas den Todesschützen ein „sehr, sehr krankes Individuum“ genannt. "Nun, das ist eine sehr schlimme Sache. Wir werden unseren Respekt zollen und auch Polizisten treffen, die in sehr kurzer Zeit einen wirklich fantastischen Job gemacht haben. Das ist ein sehr, sehr trauriger Tag für mich, auch persönlich." Eine rasche Verschärfung der liberalen amerikanischen Waffengesetze lehnte er ab.

Nach seinem Eintreffen in Las Vegas wollte Trump mit seiner Frau Meliana unter Ausschluss der Öffentlichkeit Patienten in einem Krankenhaus besuchen. Danach wollten die Trumps mit Ersthelfern zusammenkommen, die nach dem Verbrechen auf einem Konzertgelände Beistand geleistet hatten.

ZUR PERSON

Stephen Craig Paddock (* 1953 in Iowa) wuchs in Sun Valley, Kalifornien, als einer von drei Söhnen Benjamin Paddocks auf; dieser wurde als Bankräuber verurteilt, floh 1968 aus der Haft und wurde erst 1978 gefasst. Stephen machte 1977 einen Abschluss in BWL und arbeitete dann als Buchhalter und Controller unter anderem in einer Rüstungsfirma. 2013 zog er in eine Pensionistensiedlung nach Florida und 2016 mit seiner Freundin in eine solche in Mesquite, Nevada. Er war Jäger, Privatpilot und nicht vorbestraft, aber als heftiger Spieler bekannt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2017)