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Feine Flächen

Ein Loft für Reisen und viel mehr, ein Büro mit Wohngefühl, ein Palais samt Salon für Besprechungen und Events. Zu Besuch in drei Offices mit Raumqualitäten abseits nüchtern-funktioneller Gestaltung.

Ein Reisebüro muss nicht wie ein Verkaufslokal aussehen und auch nicht wie ein solches funktionieren, sondern mehr und anderes können: Also neben der spontanen Buchung am Counter und einem vereinbarten längeren Beratungsgespräch, ein Umfeld bieten, an dem man verschiedentlich in das Reisethema ein-taucht. Oder in seine weiteren Themenfelder. Als Silvia und Richard Senft vor über zwei Jahren in der Hollandstraße in der Wiener Leopoldstadt eine Räumlichkeit für ihr Unternehmen „enjoy Reisen“ besichtigten, hatten sie eine sehr genaue Vorstellung davon, dass und wie hier Reisevorträge, Lesungen, Seminare für zwei, drei Dutzend Interessierte stattfinden können. „Zuletzt waren 27 Leute zu einem Netzwerktreffen da, der Veranstalter hat sich für den Event eingemietet.“ Der Unternehmensstandort sollte eben einer sein, der viele anspricht: „Loft, ebenerdig, kontemporär“.

Reisen ist Passion und Profession: Richard und Silvia Senft von enjoy Reisen.
Reisen ist Passion und Profession: Richard und Silvia Senft von enjoy Reisen.(c) Dimo Dimov

Gefunden hat Senft die Location klassisch über eine Printanzeige: „Hier befand sich einmal eine Druckerei mit großen Maschinen. Der Raum hat mich durch seine Größe und seine spezielle Höhe gleich angesprochen, obwohl er nicht in einem super Zustand war“. Doch die Senfts machten sich gleich ans Planen und Sanieren: Suchten besondere Farben aus, die sie allerdings sparsam an nur wenigen Wandflächen einsetzten. Von der Idee, das sanierte Sichtziegelwerk unverputzt zu lassen, kamen sie dann doch wieder ab, schildert Silvia Senft: „Der weiße Anstrich macht es ruhiger“. Und schließlich geht das Erdgeschoßlokal auch nach Norden – was ideal ist, weil in dem loftartigen Raum viele Bilder gezeigt werden: Großartige Fotografien von Vater Stefan Senft, ebenfalls lang Touristiker und begeisterter Fernreisender. Manche Bilder stammen von Richard Senft selbst – Sujets speziell aus Südostasien – Sri Lanka, Burma, Länder, die der Jumbo-Touristik-Begründer (der seinen Anteil 2013 an das Verkehrsbüro verkauft hat und dann erst einmal ein Jahr lang gereist ist) wie seine Westentasche kennt. Vieles haben die Senfts selbst geplant und entwickelt, etwa die schönen großen Tische im Format von zwei Mal zwei. Die Lampen waren günstig, „sehen aber nicht so aus, wenn man sie richtig hängt“. Die Bestuhlung fand Senft auf willhaben.at – es handelte sich um eine Geschäftsauflösung, bei der ganz neue Markenstühle günstig zu haben waren.

Und warum der Standort im zweiten Bezirk unweit vom Donaukanal? „Wir wollen ein anspruchsvolleres Reiseklientel ansprechen,
aber keinen Sitz im ersten Bezirk, nur nah dran. Am besten in einem hippen, sich schnell verändernden Umfeld wie hier.“ Dass sich in der Hollandstraße im übrigen einiges regt, sieht man als Passant. Gleich neben den großen Fenstern von „enjoy Reisen“ hat „Hansen“-Betreiber und Börseviertel-Obmann Leo Doppler seine „Risotto-Box“ aufgeschlagen. Unter der Woche sind hier viele unterwegs, die im Umkreis arbeiten. Und am Samstag jene, die ein kleines Stückerl weiter sich am Karmelitermarkt eindecken. Nun kommt dieser Straßenabschnitt noch mehr in Bewegung – und manchmal mündet der Weg vorbei an diesen großen lichten Fenstern in einer weiteren Reise auf diesem schönen Planeten.

 

Am Schreibtisch, im gemütlichen Sessel: Abwechslungsreich und farbenfroh gibt sich der größte Raum des neuen Officehomes.
Am Schreibtisch, im gemütlichen Sessel: Abwechslungsreich und farbenfroh gibt sich der größte Raum des neuen Officehomes.(c) Dimo Dimov

Officehome statt Homeoffice

Arbeiten wie zuhause, aber eben im Büro. Wie dies zu bewerkstelligen sei, beschäftigte Andrea Baidinger, Geschäftsführerin der Kommunikationsberatung „bauen wohnen immobilien“, schon länger. Nach 13 Jahren in einem klassischen Agenturbüro in der Gumpendorferstraße, „puristisch, viel Glas, viel Raum“ wollte sie „Officehome statt Homeoffice“, schmunzelt Baidinger. Erst überlegte sie, „aus Bequemlichkeit“, nicht umzuziehen, sondern die Flächen umzugestalten. Wegen der schlechten Servicierung des Gebäudes und der Mieter durch die Hausverwaltung beschloss sie dann aber, ihre Firma samt Mitarbeitern zu übersiedeln.

Seit dem heurigen Juli „bewohnt“ die kleine Agentur das generalsanierte Erdgeschoß eines Biedermeierhauses, gleich in der Nähe des alten Standorts, beim Haydn-Museum („Hin und wieder verirren sich Touristen zu uns.“)

100 Quadratmeter Platz gibt es dort, an die 30 weniger als vorher. „Aber trotzdem ist mehr Platz“, sagt Baidinger. Weil sich die Anforderungen von IT und Archivierung geändert haben, „mehrere Laufmeter Aktenordner blieben auf der Strecke.“ Und auch, weil Baidinger das „Chefinnenbüro entsorgt“ hat. Will sie – oder wollen ihre Mitarbeiter – allein, in Ruhe arbeiten, gehen sie jetzt in die „Bibliothek“, einen kleinen Raum mit Bücherregal, Sitzplatz à la Kaffeehaus und Sofa, übrigens das einzige neue Stück, der Rest wanderte vom alten Büro ins neue. „Von den Möbeln her ist also nicht viel verändert. Aber die Anordnung ist anders, ich habe die Räume anders gedacht.“ Es gibt zum Beispiel in dem – tatsächlich wohnlich, gemütlich anmutenden – Büro viele Plätze, an denen man Dinge unterschiedlich tun kann: klassische Arbeitsplätze, heimelige Korbsessel, mehrere Tische, die Baidinger und ihr Team zum Besprechen, Arbeiten, Essen, Lesen nutzen. Und den kleinen Innenhof, in dem man seinen Kopf mal ganz wunderbar durchlüften kann.

 

Weil sich die Art und Weise des Arbeitens verändert hat, hat Andrea Baidinger auch ihre Agenturräumlichkeiten adaptiert.
Weil sich die Art und Weise des Arbeitens verändert hat, hat Andrea Baidinger auch ihre Agenturräumlichkeiten adaptiert.(c) Dimo Dimov

Wohlfühlfaktor

„Keinen Extraraum für Besprechungen einzuplanen, hat viel Platz gespart“, sagt Baidinger. „Und wie oft braucht man dafür schon ein eigenes Zimmer?! Darüber hinaus habe sich die Art des Arbeitens, auch im Agenturbereich, durch die Digitalisierung eben stark geändert. „Man packt seinen Laptop und setzt sich dorthin, wo‘s gerade am besten passt.“ Den Mitarbeitern gefällt‘s, und das ist für Baidinger ein wesentlicher Punkt: „Die Arbeitsstätte ist keine Wellnessoase, das ist nicht Sinn und Zweck. Aber für jemanden, der gern arbeitet, ist das Wohlfühlen schon ein wichtiger Faktor.“

 

Elegant, einladend

Hohe Räume, Flügeltüren, Wendeltreppen, uralte Steinböden und ein eleganter Salon: Der Arbeitsplatz von Thomas König atmet den Flair Wiener Geschichte. 2015 übernahmen die rund 100 Mitarbeiter des Instituts für Höhere Studien (IHS) die Räume des 1700 erbauten und mehrfach erweiterten Palais Strozzi im achten Bezirk, zuvor waren schon das Finanzamt (für den 8.,16. und 17. Bezirk) und ein Mädchenpensionat hier zu Hause. Herzstück ist der Salon im ältesten Teil des Palais, der vom IHS zuerst von neueren Mauern befreit, sorgsam saniert und umgewidmet wurde: vom Chefzimmer zum Treffpunkt. Martin Kocher, der heutige Direktor des IHS, sitzt ein Zimmer weiter, „der Salon steht allen Mitarbeitern offen, etwa für Gespräche mit Gästen, für interne Veranstaltungen oder kleinere Pressekonferenzen“, so König, der beim IHS als strategischer Berater tätig ist. Weil wissenschaftliche Arbeit bekanntlich nicht nur stille Kämmerchen braucht, sondern auch lebhaften Austausch und Diskussion, „soll letzteres hier wie in anderen gemeinschaftlich genutzten Räumen stattfinden können“, erklärt König. Etwa der als Esszimmer genutzte Raum einen Stock höher oder der große Innengarten mit Springbrunnen, Bäumen und Gartenmöblierung.
Der Salon wurde von Eugenie Arlt konzipiert und – mit kleinen Tischen samt Sessel sowie Sitzgelegenheiten an den Wänden – als einladender, entspannter, eleganter Raum eingerichtet. „Wir haben in vielen Diskussionen darüber nachgedacht, wie man den Raum am besten nutzen könnte. Diese Möblierung ist einladend, lässt sich aber für Pressekonferenzen oder andere Veranstaltungen sehr leicht umstellen“, erzählt König.

(c) Dimo Dimov

Die edlen Lampen und zurückhaltenden Jalousien unterstreichen den luftigen Charakter des Raums, „der ursprünglich noch um einiges höher war, aber wohl schon zu Zeiten des Mädchenpensionates umgebaut wurde“. Einige alte Wandmalereien, die zu Zeiten der Finanzamt-Nutzung freigelegt wurden, sind zu sehen. Weitere Freilegungen sollen aber nicht folgen. Das wäre teuer – „und die alte Malerei würde den Raum sehr unruhig machen“, meint König. Da ist moderne Belebung eine bessere Alternative – ab Oktober sollen Kunststudenten an verschiedenen Orten des Gebäudes für mehr Farbe und Individualität sorgen. So großartig das Flair, so unpraktisch sind manche Gegebenheiten für eine moderne Bürostruktur. Das denkmalgeschützte Gemäuer wartet mit weiten Wegen auf und höchst unterschiedlichen Büroräumen: Vom Einzelraum bis zum Fünf-Personen-Büro, vom hellen Zimmer mit herrlichem Gartenblick bis zum kleinen Raum mit weniger Tageslicht. „Letztere nutzen wir für Gastprofessoren oder andere Mitarbeiter, die nur temporär anwesend sind“, erklärt König. Vielen gefällt es, dass kein Raum dem anderen wirklich gleicht, dass man von Büro zu Büro auf mitunter langen Gängen wandelt und sogar Treppen überwinden muss – obwohl es natürlich einen Lift gibt. Andere finden das eher lästig. „Die Zuordnung, wer wo sitzen wird, wurde daher per Los entschieden“, berichtet König. „Einige haben dann getauscht“.

Thomas König auf Vintage: Inmitten herkömmlicher Büromöbel hat sich ein Sessel der „Ureinrichtung“ des IHS aus den 60ern erhalten.
Thomas König auf Vintage: Inmitten herkömmlicher Büromöbel hat sich ein Sessel der „Ureinrichtung“ des IHS aus den 60ern erhalten.(c) Dimo Dimov

Sein Resümee nach zwei Jahren? „Es hat länger gebraucht als gedacht, dass die Mitarbeiter den Salon annehmen, da gab es schon Schwellenangst“. Inzwischen habe man sich aber gut eingelebt. Der Blick auf den rückwärtigen Garten zeigt weiteres Potenzial zu gemeinschaftlicher Nutzung. Aus feuerpolizeilichen und denkmalschützerischen Gründen (die in Summe derzeit unbezahlbare Investitionen für eine öffentlich Nutzung des Gartens notwendig machen würden) ist die Grünfläche mit den alten Bäumen relativ wenig genutzt. „Dabei könnte man hier wunderbar Obstbäume pflanzen, Imkerei betreiben oder urban gardening“. Ein Anfang wurde schon gemacht: Zum Abschied des ehemaligen Direktors, Sigurd Höllinger, wurde ein Apfelbaum gepflanzt.