Zwischen Süße und Finsternis

Denkmal der Angst?
Denkmal der Angst?JOEL SAGET / AFP / picturedesk.com
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Wofür steht Frankreich heute noch – außer für einen politischen und wirtschaftlichen Sinkflug, den der jüngste Präsident Europas endlich stoppen will? Was hat es heute literarisch zu bieten außer einer Marke namens Michel Houellebecq? Anmerkungen zum Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

„Eine wirklich tragische Straßenlaterne“ hat der Schriftsteller Léon Bloy den Eiffelturm genannt, als er errichtet wurde. Ein anderer, Guy de Maupassant, aß dann gerne im Restaurant des Turms – doch nur, weil es, wie er sagte, die einzige Stelle sei, von der aus er das monströse Ding nicht sehe. Viele berühmte Künstler protestierten Ende des 19. Jahrhunderts gegen das Eisenwerk, das Frankreichs Monumente und damit „Identität“ herabwürdige.

Heute ist der Turm das einzige unverwechselbare Erkennungszeichen Frankreichs und seiner Hauptstadt. Doch das einstige Signum des Fortschritts ist zuletzt eher zum Denkmal der Angst geworden. Eine von einem Österreicher geplante Mauer aus Glas soll es künftig vor Terroristen schützen. Charlie Hebdo, Bataclan, Nizza und so fort: Die stärkste Erinnerung an das heutige Frankreich wird in 50 Jahren wohl die sein: dass Frankreich Terrorziel Nummer eins in Europa wurde (und das Hauptausgangsland „heiliger Krieger“ in Europa). Wofür aber steht Frankreich heute sonst noch, außer für einen politischen und wirtschaftlichen Sinkflug, den der jüngste Präsident Europas endlich stoppen will? Was ist mit diesem Land passiert, dessen große Revolution zum Sinnbild bürgerlicher Freiheit in Europa wurde? Einst strahlte es mit seiner Kultur, Sprache und Lebensart, seinem Savoir-vivre in alle Welt aus; im Zuge der Dreyfus-Affäre wurde es zum Geburtsland des „Intellektuellen“ und blieb es, mit Autoren wie Sartre und Camus. Doch als Kultur- und Sprachmacht hat es immer mehr an Boden verloren. Was hat es heute literarisch noch zu bieten außer einer Marke namens Michel Houellebecq? Wenn deutschsprachige Leser Antworten suchen – heuer werden sie fündig wie seit langer, langer Zeit nicht mehr.

Im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse, deren Ehrengast Frankreich heuer ist, häufen sich zunächst einmal die Frankreich-Verstehen-Bücher. Wie immer bei derlei anlassbezogenem publizistischem Kanonenfeuer sind Schnellschüsse dabei. Lässt man sich vom ehemaligen FAZ-Feuilletonchef Nils Minkmar „Das geheime Frankreich“ erklären, schlittert man oft in Klischees über französische Höflichkeit, Kindererziehung oder Familiengeheimnisse. Oft sind das aussterbende Traditionen, oft mehr schichtspezifische als nationale Eigenarten.

Ein Glücksfall dagegen: „Allez la France! Aufbruch und Revolte – Porträt einer radikalen Nation“ des Kulturjournalisten Joseph Hanimann. Er verbindet ein feines Verständnis für die jüngere französische Geschichte und ihre Nachwirkungen mit jahrzehntelanger Alltagserfahrung. Wer Frankreichs speziellen Stolz und die heute umso größere Niedergangsrhetorik, seine zentralistische Tradition, die historisch gewachsene Rolle von Arbeit und Familie, die Nähe von Philosophie und Literatur, das Rückzugsgefecht um die eigene Sprache und Kultur, die Kämpfe um die eigene (koloniale) Vergangenheit und vieles mehr verstehen will – der findet hier am ehesten ein historisch-kulturelles Allroundbuch. Hanimann gelingt es vor allem, den „Phantomschmerz von Größe“ dieser Großmacht außer Dienst spürbar zu machen, die es so schwer hat, sich als „ganz normales“ Land neu zu erfinden.

Eine geeignete literarische Ergänzung dazu ist der von Olga Mannheimer herausgegebene Sammelband „Blau Weiß Rot. Frankreich erzählt“, der in kleinen Texten wesentliche Facetten der französischen Gegenwart einzufangen versucht.

Auf die Rolle der Intellektuellen, der engagierten Schriftsteller konzentriert sich der Autor und Übersetzer Wolfgang Matz, von der Dreyfus-Affäre bis in die Siebzigerjahre. Sein brillantes, essayhaftes Buch „Frankreich gegen Frankreich“ erzählt diese Geschichte als die einer jahrhundertelangen Spaltung in ein kämpferisch-linkes Frankreich, Erbe der Revolution, und ein christlich-konservatives. Auch zu diesem Buch ein Apropos: Einer dieser Intellektuellen, der abseits jedes Parteigängertums jüdische Linke Léon Werth, versteckte sich von 1940 bis 1944 in einem Dorf vor den deutschen Besatzern. Antoine de Saint-Exupéry widmete ihm in dieser Zeit den „Kleinen Prinzen“. Seine Tagebücher, ein großartiges Zeitzeugnis, liegen nun ebenfalls zum ersten Mal auf Deutsch vor.

Mit Iris Radisch schließlich sind wir bei der Literatur. „Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben“ – so der Titel ihres Buchs – erfährt man zwar an keiner Stelle, aber dafür, wer seit dem Zweiten Weltkrieg lesenswerte Bücher geschrieben hat, von Nathalie Sarraute und Françoise Sagan bis Marguerite Duras, von Georges Perec bis Patrick Modiano, von Assia Djebar bis Pierre Michon.

Radisch hat dabei Mut zu Subjektivität und Lücke, was dem Charakter des Büchleins nur guttut: Es soll ja nicht mehr als ein erstes Rendezvous sein. Zum zweiten, dritten und so weiter könnte einem die neue „Französische Bibliothek“ verhelfen, die der Suhrkamp Verlag mit der Académie de Berlin initiiert hat. Sie soll an „bedeutende, aber fast vergessene Werke der modernen französischen Literatur“ erinnern, kommenden Mittwoch erscheinen die ersten Bände. Wer noch weiter zurückgehen will, zu den Wurzeln der französischen Romantik und der Politik nach der Revolution, für den hat der Matthes & Seitz Verlag die herrliche Neuausgabe eines Klassikers: Chateaubriands „Erinnerungen von jenseits des Grabes“.

Was aber empfehlen unter den unzähligen französischen Neuerscheinungen der vergangenen Jahre, die heuer auf Deutsch erschienen sind? Zuvorderst Leïla Slimanis Roman „Dann schlaf auch du“, das dem Leser kalte Schauer über den Rücken laufen und ihn mit dem unbehaglichen Gefühl entlässt, dass diese Geschichte irgendwie mit uns allen zu tun hat. Auch wenn es eigentlich nur die Geschichte einer immer wahnhafteren Nanny ist – der jungen, 40-jährigen, kindlich zarten Louise, die wie eine „gute Fee“ in das Leben der in einem Pariser Altbau lebenden Jungeltern Myriam und Paul und ihrer Kinder hereinschneit. In Kürze macht sie sich unentbehrlich, verhilft dem Paar zu einem mustergültigen bürgerlichen Leben – in krassem Gegensatz zu ihrer eigenen materiell und emotional desolaten Existenz. Kein Wunder, dass Louise das Leben ihrer Arbeitgeber sehr rasch zu ihrem eigenen macht . . . „Nach ein paar Wochen hat sie keine Scheu mehr, Dinge an einen andern Platz zu stellen. Sie räumt die Schränke aus, hängt Lavendelsäckchen zwischen die Mäntel. Sie bindet Blumensträuße. Wenn sie sich, sobald Adam schläft und Mila im Kindergarten ist, hinsetzen und ihr Werk betrachten kann, empfindet sie eine tiefe Befriedigung. Sie hat die stille Wohnung ganz in ihrer Gewalt, wie einen Feind, der um Gnade bittet.“

So beginnt eine immer bedrohlichere Obsession, und sie endet auf die grausigste Weise, die sich vorstellen lässt. Aber um Schockeffekte geht es der jungen französisch-marokkanischen Autorin Leïla Slimani nicht, die für „Dann schlaf auch du“ den Prix Goncourt erhielt und zur Bestsellerautorin wurde. Ihre Stärke liegt, abgesehen von der im kühlen Ton vermittelten Stimmung des „Etwas stimmt hier nicht“, in der Art und Weise, wie sie in Zwischentönen die unvermeidliche Dynamik aus Macht und Ohnmacht zwischen den sozial nicht gleichwertigen Figuren spürbar macht: das ungute Gefühl, das schlechte Gewissen und die unvermeidliche Herablassung der Privilegierten auf der einen Seite; Neid, Hass, Hilflosigkeit des neuen (migrantischen) Dienstpersonals auf der anderen.

Mehr noch als das schreckliche Verbrechen, auf das der Roman, wie von Anfang an klar ist, hinauslaufen wird, erzeugt dies Unbehagen beim Lesen. Man weiß: Irgendwie ist man Komplize.

Der Versuch, die unsichtbare Gewalt in sozialen Beziehungen zu zeigen – deren krasses Zeichen nur die äußere ist –, verbindet den Roman der 36-jährigen Leïla Slimani mit dem neuen Buch des erst 24-jährigen Autors Édouard Louis. Im autobiografischen Roman „Das Ende von Eddy“ erzählte Louis vom Aufwachsen eines schwulen Jungen in einer Arbeiterfamilie in einem französischen Dorf. Er wurde damit zum gefeierten Jungautor. Sein aktueller Roman, „Im Herzen der Gewalt“, kreist, wiederum mit autobiografischem Untergrund, um eine traumatische Nacht; um deren Nachwirkung im Inneren des Opfers und um das Erzählen davon als Konstruktion von „Wahrheit“: Der Erzähler nimmt eine nächtliche Straßenbekanntschaft, den illegalen Algerier Reda, in seine Wohnung mit, erlebt mit ihm eine heiße Liebesnacht – und eine anschließende Vergewaltigung, als er Reda beim Versuch eines Diebstahls ertappt.

Wie er versucht zu protokollieren und zu verstehen, was diese Nacht mit ihm angerichtet hat; wie er im Erzählen seiner Geschichte (vor der Polizei, der Schwester) das Gefühl hat, ebendiese Geschichte zu verlieren; wie Grundfesten seiner Persönlichkeit sich im Schmerz aufzulösen drohen – bis hin zum Rassismus, der sich in den überzeugten Antirassisten einschleicht: Das macht „Im Herzen der Gewalt“ zu einem beklemmend starken, wahrhaftigen Buch.

Französischsprachige Literatur entsteht zu einem guten Teil außerhalb von Frankreichs Grenzen. Auf den Komoren lebt der 30-jährige Ali Zamir, der mit dem Roman „Die Schiffbrüchige“ ein erstaunliches, stilistisch und emotional berückendes Erstlingswerk vorgelegt hat. Es ist die Tragödie von Connaît-Tout („Weiß-alles“), dem alleinerziehenden Fischer voller Bildungsambitionen, und seinen zwei Töchtern, die sein Ringen um soziale Anerkennung durchkreuzen. Ein wahnsinnig trauriges Männerporträt und zugleich das Porträt einer innerlich starken jungen Frau – der Erzählerin; ein Plädoyer für die Schutzräume der Stille, der Träume und mystischen Naturnähe gegen die gesellschaftliche Wirklichkeit, für die zumindest vorübergehende rettende Kraft von Sprache und Poesie. Auch wenn der Schiffbruch am Ende ein unausweichlicher und hier auch wörtlicher ist, nämlich das Ende einer Bootsflucht.

Doch weg vom Düsteren. Wenigstens etwas will man doch auch vom „süßen Frankreich“ haben, von „la douce France“, „la dulce France“ – so der Slogan, den die Franzosen dem mittelalterlichen Rolandslied entnommen haben. Dafür freilich, das macht auch der 45-jährige, weit reisende Autor Sylvain Tesson in seinem Buch „Auf versunkenen Wegen“ klar, müsse man Politik, Gesellschaft, den Menschen überhaupt den Rücken zukehren. Er sucht sein süßes Frankreich zwischen Ruinen und Brombeersträuchern, auf einer Fußwanderung vom äußersten Südosten Frankreichs an der Grenze zum Piemont bis in die Normandie. Der Versuch, „zu lernen, die Sonne zu genießen, ohne Madame de Staël herbeizurufen, den Wind, ohne Hölderlin zu rezitieren“, scheitert phänomenal, wie allein schon die Existenz des Buchs beweist.

Französische Vergangenheit und Gegenwart, Topografie und Geschichte fließen in den stilistisch geschliffenen, anregenden Beobachtungen und Gedanken des Autors zusammen, Hannibal und Atomkraftwerke, die Entstehung des Kalksteins und Frankreichs: „Das langsame Wiederkäuen gegensätzlicher Ideen, unterschiedlicher Klimas, unversöhnlicher Landschaften und einander unähnlicher Menschen hatte einen gesunden Teig hervorgebracht.“

Aber von welchem Frankreich spricht Tesson hier eigentlich? Nur Verachtung hat er, der geborene Pariser, für Politiker übrig, die der so schön infrastrukturfreien Provinz mit Strukturmaßnahmen unter die Arme greifen wollen. Ebenso wie für sein Zeitgeschehen: Tesson sieht sich als Vorbote eines Heers von „Ausreißern“, die sich von einer angeblich nur sinnlosen und zerstörerischen menschlichen Geschichte und von den „Illusionen des Virtuellen“ abwenden; hin zu einem „Leben im Verborgenen“, zu den „versunkenen Pfaden“, den letzten Vorposten, die sich noch zum Leben eignen.

Sind wir da wirklich im „süßen Frankreich“ – oder nicht vielmehr mitten in französischer Düsternis? Dieser neu aufflammende Verlust- und Aussteigerdiskurs ist nicht „links“ noch „rechts“, er findet sich bei Grünen wie bei Rechtsextremen, die sich am Land ihre Selbstversorgergemeinschaften aufbauen. Und auch wenn in Michel Houellebecqs Büchern die Natur nichts, menschliche Beziehung alles ist: Im fast genüsslichen Wunsch, die moderne Gesellschaft wie schlechte Ware über Bord zu werfen (in „Unterwerfung“ zugunsten einer muslimischen Gesellschaft) rücken die Autoren einander nahe.

Eine andere Art Ausreißer, wie aus der Zeit gefallen, ist der in Transsilvanien spielende historische Schauerroman „Karpathia“, das literarische Debüt des 46-jährigen Mathias Menegoz. Es ist der zweite französische Roman innerhalb kurzer Zeit, in dem das Habsburgerreich als zentraler Schauplatz erscheint (Mathias Énard ließ im 2015 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman „Kompass“ einen Wiener Musikwissenschaftler an die westliche Orientbegeisterung des 19. Jahrhunderts erinnern).

Vier Monate hat Menegoz für sein Buch in der Österreichischen Nationalbibliothek recherchiert. Der junge ungarische Graf Korvanyi reist um 1830 mit seiner Frau, die aus der feinen Wiener Gesellschaft stammt, nach Transsilvanien, um das nach einem schlimmen Aufstand verwaiste Gut seiner Vorfahren wieder in Besitz zu nehmen. Er trifft auf das Misstrauen und den Hass der Bevölkerung wie auch zwischen den Gruppen, unter anderem Walachen, Zigeunern und einer orthodoxen Sekte. Wölfe treiben ihr Unwesen, ein Bub verschwindet, eine Frau wird vergewaltigt – der Graf und sein Land driften in einen Strudel aus Aberglauben und Gewalt. Auch der Graf selbst hat etwas Unheimliches mit seiner Besessenheit vom „Land seiner Väter“.

Dass „Karpathia“ den von Gymnasiasten verliehenen „Prix Goncourt des Lycéens“ erhalten hat, verwundert nicht. Es hat Züge eines düster-spannenden Abenteuerromans, zieht den Leser in einen wie magisch abgeschlossenen Raum von befremdlicher, traumartiger Schönheit. Auch hier könnte man freilich wieder fragen, woher diese Faszination für die Innenwelt des 19. Jahrhunderts kommt – in diesem Fall für das Innenleben eines leidenschaftlichen, von der Vergangenheit heimgesuchten Feudalherrn.

Bei Houellebecq äußert sie sich etwa in der erklärten Geistesverwandtschaft mit dem Schriftsteller Joris-Karl Huysman (in „Unterwerfung“); oder auch im soeben auf Deutsch erschienenen, dünnen und oft schmerzhaft trivialen Schopenhauer-Büchlein, in dem Houellebecq schreibt, seit 1860 sei intellektuell „nichts mehr passiert“. Menegoz beschreibt sich politisch als „Liberaler im Sinn des 19. Jahrhunderts“, „rechts“, „sehr individualistisch“. Vielleicht kann ja auch dieser Autor nur deshalb die zerstörerische Seite der Vergangenheitsbesessenheit, der Sehnsucht nach der alten Ordnung deutlich machen – weil selbst ein Stück davon in ihm steckt.

Literatur ist bei Menegoz nicht gesellschaftliche Sinnstiftung, sondern extreme, individuelle Erfahrung. Das Buch, das ihn zum Schreiben brachte, war Ernst Jüngers 1939 erschienener Roman „Auf den Marmorklippen“, der eine hoch entwickelte, von Halbnomaden bedrohte Zivilisation im kulturellen Niedergang beschreibt. Genau dieses Buch hat auch einen der ganz großen Solitäre der französischen Literatur, Julien Gracq, nach dem Zweiten Weltkrieg überwältigt. Für viele ist Gracq der größte französische Stilist des 20. Jahrhunderts. Wie ein schaurig schöner Wiedergänger wirkt sein unvollendeter Roman „Das Abendreich“, das 2014 in Frankreich und nun im Droschl Verlag auf Deutsch erschienen ist. Es geht um ein von Barbaren bedrohtes, in Zeit und Ausdehnung unbestimmtes Reich. Dessen Bewohner empfinden angesichts ihrer Situation eigentlich keine Furcht, eher eine „Trägheit der Seele“, ein „eigentümliches traumverlorenes“ Desinteresse: „Wenn in den Distelkugeln, die auf unseren Straßen wachsen, der Saft nicht mehr hochsteigt, brechen sie eine nach der anderen knapp über dem Boden ab, damit der Wind ihre wollige, mit Samenkörnern gefüllte Herde weit fortrollt . . . Unser Unbehagen kam von dieser müden Verankerung und diesen Herzfasern, die eine um die andere rissen und uns nun Fühler schenkten, um den Wind, der sich zu erheben begann, vorauszufühlen.“

Wenn man sich schon fortziehen lassen will aus den Mühen der gesellschaftlichen Ebene, dem Kampf des profanen Lebens – dann ist man hier richtig, in Gracqs atemberaubender, kühler und doch unglaublich sinnlicher Prosa. Sie zeigt die Schönheit einer müden, stillen Erde. Und – bis in die wunderbare Übersetzung hinein spürbar: die Schönheit der französischen Sprache. ■

Neuerscheinungen aus Frankreich: Romane, Sachbücher

François-René de Chateaubriand: Erinnerungen von jenseits des Grabes. Aus dem Französischen von Sigrid von Massenbach. 870 S., Ln., € 37,10 (Matthes & Seitz Verlag, Berlin)

Julien Gracq:
Das Abendreich. Roman. Aus dem Französischen von Dieter Hornig. 220 S., geb., € 23 (Droschl Verlag, Graz)

Joseph Hanimann:
Allez la France! Aufbruch und Revolte – Porträt einer radikalen Nation. 220 S., geb., € 22,70 (Orell Füssli Verlag, Zürich)

Michel Houellebecq:
In Schopenhauers Gegenwart. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner. 80 S., geb., € 18 (DuMont Literaturverlag, Köln)

Nils Minkmar:
Das geheime Frankreich. Geschichten aus einem freien Land. 208 S., geb., € 22,70 (S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main)

Olga Mannheimer (Hrsg.):
Blau Weiß Rot. Frankreich erzählt. 352 S., Tb., € 17,40 (dtv, München)

Wolfgang Matz:
Frankreich gegen Frankreich– Die Schriftsteller zwischen Literatur und Ideologie. 240 S., geb., € 22,70 (Wallstein Verlag, Göttingen)

Mathias Menegoz:
Karpathia. Roman. Aus dem Französischen von Sina de Malafosse. 635 S., geb., € 28,80 (Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/Main)

Édouard Louis:Im Herzen der Gewalt. Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. 224 S., geb., € 20,60 (S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main)

Iris Radisch:
Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben. Von Sartre bis Houellebecq. 240 S., geb., € 20,60 (Rowohlt Berlin Verlag, Berlin)

Leïla Slimani:
Dann schlaf auch du. Roman. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. 222 S., geb., € 20,60 (Luchterhand Verlag, München)

Sylvain Tesson:
Auf versunkenen Wegen. Aus dem Französischen von Holger Vock. 194 S., geb., € 20,60 (Knaus Verlag, München)

Léon Werth: Als die Zeit stillstand. Tagebuch 1940–1944. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. 944 S., geb., € 37,10 (S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main)

Ali Zamir:
Die Schiffbrüchige. Roman. Aus dem Französischen von Thomas Brovot. 256 S., geb., € 22,70 (Eichborn Verlag, Frankfurt/Main)

Die Französische Bibliothek, einProjekt von Académie de Berlin und Suhrkamp Verlag, macht wichtige Bücher der französischen Moderne neu zugänglich. Am 11. Oktober erscheinen die ersten 15 Bücher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2017)

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