Stars von Ken Follett bis Margaret Atwood, ein "verarmter Aristokrat" als Ehrengast, dazu ein Zwist um den neurechten Antaios-Verlag: Die größte Buchmesse der Welt startet am Dienstagabend.
Ken Follett, Udo Lindenberg und Sebastian Fitzek kommen, Margaret Atwood, Dan Brown und Michel Houellebecq . . . So viele Promikünstler hat die am Dienstagabend startende Frankfurter Buchmesse schon lange nicht aufgefahren. Starautoren sollen das breite Publikum mehr als bisher anlocken.
Für die Branche ist die größte Buchmesse der Welt ohnehin konkurrenzlos. Lang ist es her, dass die Messe in Leipzig ihr im 18. Jahrhundert den Rang abgelaufen und bis ins 20. Jahrhundert behauptet hat; der Eiserne Vorhang brachte Frankfurt wieder an die Spitze. Und Frankfurt brachte Schlagzeilen, auch politische. Das ging von Martin Walser, der 1998 bei seiner Friedensrede in der Paulskirche von der „Moralkeule Auschwitz“ sprach, bis zur iranischen Verstimmung, die die Wahl Salman Rushdies vor zwei Jahren als Eröffnungsredner auslöste.
Im vergangenen Jahr war die Inhaftierungswelle türkischer Intellektueller zentrales Thema. Heuer wiederum ist der Messestand des Antaios-Verlag von Götz Kubitschek, dem Chefideologen der Neuen Rechten in Deutschland, ein Stein des Anstoßes. Forderungen, ihm einen Stand zu verweigern, hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels entschieden zurückgewiesen: Solange der Verlag nichts Gesetzwidriges tue, gelte auch für ihn die Meinungsfreiheit.
Frankreich zierte sich jahrelang
Politische Symbolkraft hat heuer auch, dass Frankreich beim deutschen Großereignis Ehrengast ist. Die alten „Erbfeinde“, die nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Zeichen der „deutsch-französischen Freundschaft“ zum politischen Zugpferd-Gespann Europas wurden, haben sich auf europäischer Ebene in den vergangenen Jahren nicht eben harmonisch bewegt. Macron und Merkel, die neuen Hoffnungsträger, werden am Dienstagabend höchstpersönlich und gemeinsam die Messe eröffnen.
Dass freilich Frankreich die Einladung „begeistert“ angenommen habe, wie 2014 der damalige Premierminister Manuel Valls erklärte, entspricht nicht ganz den Tatsachen. Schon während der Amtszeit von Nicolas Sarkozy im Jahr 2011 kam die Einladung aus Frankfurt. Doch Frankreich schwieg – jahrelang. Hinter den Kulissen wurden die Kosten für diese Ehre, wie französische Medien berichten, wie eine heiße Maroni zwischen den Ministerien hin- und hergeworfen. „Frankreich findet sich in der demütigenden Lage eines verarmten Aristokraten wieder, der auf die Hochzeit eines reichen Industriellen eingeladen ist und sich ängstigt, wie viel die Reise, das Hotel, seine Garderobe kosten wird“, brachte es die französische Wochenzeitung „Le Nouvel Observateur“ auf den Punkt. Ist für Frankreich zu teuer, was sich kleine Länder wie Finnland oder Island leisten können? Man müsste das Bild vom verarmten Adeligen wohl noch ergänzen: Dieser fand wohl auch, dass er es mit seiner Stellung nicht unbedingt nötig habe, auf die Hochzeit zu gehen.
Houellebecq und Virginie Despentes
Tatsächlich steht seine Literatur auf dem deutschsprachigen Markt ohnehin auch so gut da. Das Französische gehört nach dem Englischen zu den meistübersetzten Sprachen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt. Umgekehrt hält sich das Interesse hingegen eher in Grenzen: Das Deutsche kommt unter den übersetzten Sprachen in Frankreich erst an siebter Stelle.
Mit rund 180 frankophonen Autoren rückt der Ehrengast letztendlich pompös an. Natürlich ist Michel Houellebecq dabei; außer einer Schopenhauer-Petitesse bringt er zwar nichts Neues mit, aber sein Roman „Unterwerfung“ birgt unerschöpflichen Diskussionsstoff. Nicht weniger provokant, aber ideologisch fast eine Houellebecq-Antipodin, ist ein weiterer in Frankfurt anwesender Star der französischen Literaturszene, Virginie Despentes. Die in Deutschland vor allem durch die Verfilmung des Romans „Baise-moi“ („Fick mich“) bekannte Autorin präsentiert ihren Roman „Das Leben des Vernon Subutex“; wieder geht es hier, brillant geschrieben und mit scharfen Bonmots gespickt, um das heftig-harte Leben sexueller Randexistenzen.
Einen neuen Roman ganz anderer Art präsentiert Daniel Kehlmann heuer in Frankfurt – „Tyll“ versetzt die Figur des Till Eulenspiegel in den Dreißigjährigen Krieg. Der am Samstag auftretende Dan Brown schließt in „Origin“ wie gewohnt Vergangenheit und Gegenwart kurz, modernste Wissenschaft (in Form eines Supercomputers, der die zentralen Fragen der Menschheit beantworten soll) und uralten Kirchen-Fanatismus. Und in einer Kirche erhält am Sonntag die 77-jährige kanadische Autorin Margaret Atwood den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels – mit der Laudatio einer in Deutschland lebenden Österreicherin: Eva Menasse.
FRANCFORT EN FRANÇAIS
Am Dienstagabend eröffnen die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron die 69. Frankfurter Buchmesse. Die ersten drei Tage sind dem Fachpublikum vorbehalten, das Wochenende ist für alle offen. Rund 300.000 Besucher werden erwartet. Michel Houellebecq tritt am Mittwoch im Schauspiel Frankfurt auf, Bestsellerautor Dan Brown am Samstagabend. Schon am Vorabend der Buchmesse, am heutigen Montag, wird der Deutsche Buchpreis vergeben. Zwei Österreicher sind im Rennen: Franzobel und Robert Menasse.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2017)