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Apropos Regietheater: Darling, ich bin im Opernmuseum

(c) ORF (MR-Film/Petro Domenigg)
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An der Met haben Publikumsproteste erreicht, dass neben der ungeliebten neuen „Tosca“ auch die alte Zeffirelli-Inszenierung im Repertoire bleibt.

Amerika ist anders. Während Europa beinah flächendeckend mit Opernproduktionen versorgt ist, die verfälschende, in der Regel meist nur die handwerkliche Hilflosigkeit der Regisseure tarnende Machwerke darstellen, regiert jenseits des Ozeans ein retrospektiver Geist, der wiederum vor keinem noch so überladenen Kitsch zurückscheut. Hier wie dort bleibt der Geschmack auf der Strecke, sind ästhetisch hochwertige, mit Takt und Feingefühl gegenüber den Ansprüchen des Kunstwerks wie jenen des modernen Publikums erarbeitete Musiktheaterproduktionen die Ausnahmen.

Anders ist in den Staaten freilich auch die Abhängigkeit der Kulturszene – nicht von staatlichen Subventionsgebern, sondern von privaten Sponsoren. Eine Aufführung vom Format der jüngsten Wiener „Macbeth“-Premiere würde den sofortigen Entzug von – lebenswichtigem – Fördergeld bedeuten.

 

Sponsoren retten Zeffirelli

So hat die Met-Intendanz beschlossen, die neue „Tosca“-Inszenierung von Luc Bondy auf vielfachen (Sponsoren-)Wunsch alternierend mit der beliebten alten Franco-Zeffirelli-Produktion zu zeigen. Diese salomonische Lösung wirft nur eine Frage auf: Warum hat man eine funktionierende Aufführung zu ersetzen versucht?

Es gibt einen Umstand, den Intendanten allenthalben nicht akzeptieren mögen: Ein Opernhaus ist ein Museum. Ein Museum, das unter anderen Voraussetzungen zu führen ist als ein Sprechtheater, das – man mag sie für duftend und schön halten oder für das Gegenteil – immer neue Blüten treibt, zu deren sinnvoller Pflege man die konsequente Auseinandersetzung mit dem tragfähigen Stamm des Repertoires – von Shakespeare angefangen – aufrechterhält.

Für die Oper gilt das nicht. Das Musiktheater hat sich andere Formen gesucht, vielleicht bis hin zum Videoclip, wenn man die Entwicklung fantasievoll genug zu Ende denkt. Das Opernmuseum pflegt derweilen das Repertoire von Mozart bis Alban Berg. Mit Betonung auf Pflege. Selbstverständlich ändern sich ästhetische Anschauungen. Es ändert sich auch der Bildungsstand des Publikums, dem heute manches nahegebracht werden muss, was früher selbstverständlich schien. Doch trägt es zum besseren Verständnis wenig bei, wenn Figaro aus seinem prärevolutionären Ambiente im Ancien Régime in eine Weltraumstation oder der Polizeichef Scarpia aus seinem römischen Palazzo auf einen südamerikanischen Misthaufen transferiert würde. Im Gegenteil täte präzisere Definition not.

Nun gibt es mythologische Opern, in denen eher wandelnde Ideen als konkret auf ihre Zeit und ihr Umfeld bezogene Personen singend eine Welt erschließen. Wagners „Ring“ ist das offenkundige Beispiel dafür. Ob Mozarts „Don Giovanni“ eines sein könnte, wäre vom Regisseur klug argumentierbar, solange er die Tugenden Geschmack und Stilgefühl nicht aus den Augen verliert.

Von der schon erwähnten „Tosca“ aber über die „Bohème“ bis zu den „Meistersingern“ und dem „Rosenkavalier“ – um nur einige Beispiele zu geben – ist eine ganze Reihe von Dauerbrennern im Spielplan mit jeglicher Transformation nur schlechter zu machen. „Manon Lescaut“ im Kaufhaus funktioniert ganz einfach nicht. Das Stück ist in Wien auf diese Weise aus dem Repertoire katapultiert worden – wie der „Troubadour“: Der wäre zwar vielleicht unter die allgemeingültigeren, optisch freier zu behandelnden Stücke zu rechnen – doch scheiterte Wien in diesem Fall am mangelnden Geschmack und Stilgefühl.

 

Hauptsache, der Tenor singt schön!

Eben jene Eigenschaften haften – um noch einmal konkret zu exemplifizieren – einer Produktion wie Peter Konwitschnys französischsprachigem „Don Carlos“ an, die trotz überzeitlichen Dekors ganz konkret die Nöte der Ära Philipps II. fühlbar macht – im Volk wie im Escorial. Es geht also nicht um eine kopflose fortwährende Rekonstruktion von schon Dagewesenem.

Doch bevor man die Qualität inszenatorischer Annäherungen nicht gewährleisten kann, gilt die alte Faustregel, die ein Wiener Operndirektor schon im ausgehenden 19.Jahrhundert angesichts einer verstaubten „Siegfried“-Linde formulierte: Solang unter diesem Baum ein erstklassiger Tenor singt, ist er noch schön genug...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2009)