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Der jähe Fall des sexsüchtigen Filmmoguls Harvey Weinstein

APA/AFP
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Der mächtige Hollywood-Produzent soll zahllose junge Frauen im Filmbusiness sexuell belästigt und Schweigegeld gezahlt haben. Seine Firma hat ihn nun gefeuert. Auf Stars steigt der Druck, mit der „Kultur des Schweigens“ zu brechen.

Ashley Judd war ein aufsteigender Stern am Hollywood-Firmament. 1995 hatte sie eine Nebenrolle in Michael Manns Thriller „Heat“ an der Seite von Robert De Niro und Al Pacino gespielt, nun drehte sie „Denn zum Küssen sind sie da...“. Als Harvey Weinstein vor rund 20 Jahren die Schauspielerin in seine Suite in das Hotel Peninsula Beverly Hills bat, war sie zwar etwas befremdet, dachte aber an ein Arbeitsfrühstück. Als Weinstein im Bademantel auftauchte, schwante ihr Übles.
Der mächtige Boss der Filmfirma Miramax fragte sie, ob sie ihm eine Massage geben oder ihm beim Duschen zusehen könnte. Sie wehrte sich quasi mit Händen und Füßen gegen die Avancen. „Wie komme ich so schnell als möglich aus diesem Raum heraus, ohne es mir mit Harvey Weinstein zu verscherzen?“ Er ließ nicht ab von ihr, bedrängte sie. Er dürfe sie erst berühren, wenn sie in einem seiner Filme einen Oscar gewonnen haben sollte, scherzte sie schließlich.

Getuschel und Gerüchte

Ashley Judd erzählte die verstörende Episode jüngst der „New York Times“ und brachte so eine Affäre ins Rollen, die zu einer Kontroverse über Hollywoods Macho-Kultur führte – und womöglich zum Ende der Karriere Harvey Weinsteins, des 65-jährigen Moguls der Produktionsfirma Weinstein Company. Der fünffache Vater, in zweiter Ehe mit der 41-jährigen britischen Modedesignerin Georgina Chapman verheiratet, hat acht Frauen aus dem Film-Business Schweigegeld gezahlt und soll zahllose andere sexuell belästigt haben.
Hollywood hatte lange hinter vorgehaltener Hand darüber getuschelt, die „Kultur des Schweigens“ jedoch blieb intakt. Nachdem der Skandal aufgeflogen war, entschuldige sich Weinstein, berüchtigt als cholerischer Zampano, aber auch als großzügig bekannt. Er habe „viel Schmerz“ verursacht, ließ er verlauten, ehe er aus der Öffentlichkeit verschwand, um sich wegen seiner Sexsucht einer Therapie zu unterziehen.

Just Donald Trump zeigt sich nicht überrascht

Wegen geschäftsschädigenden Verhaltens schmiss ihn nun sein Bruder Bob aus der gemeinsamen Firma. Die Anwältin Lisa Bloom, die die Vorwürfe gegen den „Serientäter“ zuerst abzuschmettern versuchte, legte ihren Job nieder. Just der diesbezüglich nicht unverdächtige Donald Trump sagte, er sei nicht überrascht von Weinsteins Verhalten. Weinstein gilt als erklärter Gegner des US-Präsidenten.
Zusammen mit Freunden wie Meryl Streep oder Robert De Niro machte er im Wahlkampf mobil gegen den New Yorker Immobilienmogul und tat sich als Großspender hervor. Er hat sich stets für die Demokraten engagiert, für die Clintons, für Barack Obama. Obama-Tochter Malia absolvierte sogar ein Praktikum in seiner Firma. Demokratische Senatoren wie Chuck Schumer und Elizabeth Warren widmeten die Spenden jetzt wohltätigen Zwecken.

"Besetzungscouch" bei Fox News

Der Fall belebt in den USA die Debatte über sexuelle Belästigung. Die „Besetzungscouch“ hat neue Bedeutung erfahren, als Fox News – der konservative Sender aus dem Hause Murdoch – zwei Galionsfiguren wegen sexueller Avancen feuerte: den inzwischen verstorbenen Fox-News-Chef Roger Ailes und Starmoderator Bill O'Reilly.
In Hollywood ist die Weinstein-Affäre „Talk of the Town“. Evan Rachel Wood schrieb auf Twitter: „Ich könnte euch Geschichten erzählen, da würdet ihr Gänsehaut kriegen. Das Problem greift in Hollywood schon zu lange um sich.“
Auf arrivierte Stars wie die Primadonna Streep steigt der Druck, Stellung zu beziehen. Bei der Oscar-Verleihung vor wenigen Jahren, die ihr für die Rolle der Margaret Thatcher in „Die Eiserne Lady“ ihren dritten Hauptrollen-Oscar eingebracht hatte, bedankte sie sich ausdrücklich bei Harvey Weinstein für seine PR-Kampagne. Weinstein hatte in Hollywood die Macht, Filmen („Sex, Lies and Vdeotapes“, „Pulp Fiction“, „Shakespeare in Love“, „Gangs of New York“) und Schauspielerinnen wie Gwyneth Paltrow zum Durchbruch zu verhelfen.

Ein Comeback Harvey Weinsteins steht in den Sternen. Ob Hollywood ihm verzeiht, ist ungewiss. Filmreif ist seine Geschichte indessen ganz sicher.