Auch die 58. Auflage des Schanzenklassikers garantiert Höhenflüge, Abstürze, verkaterte Neujahrsstimmung, kreischende Fans und einen strahlenden Gesamtsieger. Das verlangt die Tradition.
Olympia, Fußballweltmeisterschaft, Formel-1-Rennen in Monte Carlo, Tourenwagen in Le Mans, die Herrenabfahrt in Kitzbühel, Roland Garros in Paris – alles Sportklassiker, die ihren fixen Termin im Sportkalender haben. Dazu gehört auch die Vierschanzentournee der Skispringer. Vier binnen zehn Tagen stattfindende Bewerbe, die auch ab heute, wenn die 58.Auflage in Oberstdorf anhebt, den Zuschauer an der Schanze und den Fan daheim vor dem Fernseher fesseln. Vor allem am Neujahrstag. Zuerst kommt der Kater, dann kommen die Philharmoniker und zum Schluss die Skispringer. Das hat Tradition. Es ist Kult.
Die Vierschanzentournee ist für viele das Symbol des Wintersports. Die Stationen in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen erstrahlen, wenn der Tourneetross eintrifft. Glühweinstände, Fleischhauer, urige Wirtshäuser und Merchandisinghändler werden von tausenden Fans gestürmt. Jeder will so richtig „ziiiiiiehen“. Der eine am Schanzentisch, der andere eher am lieb gewonnenen Stammtisch.
Wie die Tour de France
Was 1952 mit zaghaften Sprüngen nahe einer Seegrube begann, ist heute eine „Trademark“. TV-Stationen drängen sich um den Auslauf, die Athleten umgibt ein Starflair. Ob sich die Gründer Toni Glos, Emmerich Pepeunig, Beppi Hartl, Franz Rappenglück, Andi Mischitz, Fred Triebner, Alfons Huber und Xaver Kaiser je gedacht hätten, dass eines Tages ihre Idee von einer millionenschweren Werbemaschinerie getragen wird?
Ernst Vettori, er gewann die Tournee 1986 und 87, brachte es auf den Punkt. „Die Tournee ist wie die Tour de France. Als Sportler musst du dabei sein. Und du musst sie gewinnen. Dann bist du unsterblich.“
Haben früher auf eigens aufgestellten „Gabentischen“ noch Bügeleisen, Fernseher, Küchenutensilien, Zwei-Volt-Batterien, Mopeds oder gebrauchte Mechanikeroveralls auf die Podestspringer gewartet, so locken in der Gegenwart Siegerschecks in der Höhe von 20.000Euro. Zudem wartet auf den Tourneesieger noch ein nagelneues Auto. Skandinaviern aber bereitet das Kopfzerbrechen. Aufgrund der hohen Einfuhrzölle wurde schon oft auf das neue Gefährt dankend verzichtet.
König der Adler
Bei der Tournee blüht der Patriotismus. Rot-Weiß-Rot liefert sich das Duell mit Deutschland, dazwischen feiern Finnen, Norweger und Polen. Aber nicht immer gewinnt der Favorit, im Vorjahr sorgte Wolfgang Loitzl für die Sensation. Mit ihm hatte niemand gerechnet, vermutlich nicht einmal er selbst. Aber wer im Rahmen der Tournee einen „Lauf“ bekommt, hebt ab. Wer daher am 6.Jänner 2010 ganz oben stehen wird, lässt sich nicht vorhersagen. Der Sieger ist ein Jahr lang der „König der Adler“. Daran ändern auch Olympia und die Skiflug-WM nichts.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2009)