Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Böse Minen, gutes Spiel

Eine Sammlung von Aufsätzen, Reden und Dokumenten des österreichischen Spitzendiplomaten Wolfgang Petritsch.

Für die zeitgenössische österreichische Diplomatie steht ein Name, nämlich Wolfgang Petritsch. Er ist das Synonym für Erfolge unseres Landes auf dem internationalen Friedensparkett. Petritsch, heute Botschafter bei der OECD in Paris, war vor allem maßgebend für zwei Schadensbegrenzungen am Balkan, für den er als ausgewiesener Experte gilt. Er war bei den Friedensverhandlungen in Rambouillet und Paris der europäische Chefdiplomat und später der Hohe Repräsentant der Internationalen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina.

Zwei Beispiele für ein Berufsleben, das mit dem Kompendium „Zielpunkt Europa“ dokumentiert wird.
Der bosnische Politikwissenschaftler Vedran Džihić und der Schweizer Diplomat Christophe Solioz haben Aufsätze, Dokumente, Interviews, Kommentare und Reden aus diesem Jahrzehnt ausgewählt, um die Bemühungen des Spitzendiplomaten aus Glainach/Glinje in Kärnten zu belegen. Entstanden ist ein Reader, der später eine der authentischen Geschichtsquellen über diverse Eskalationen und Deeskalationen hier und woanders sein wird.
Geschichts- und Politikinteressierte wissen, wo Wolfgang Petritsch die Kunst der Diplomatie gelernt hat, nämlich bei Bruno Kreisky, bei dem er zuerst Sekretär, dann Pressesprecher und schließlich Kabinettschef war. In sechs Kapiteln spannt sich ein weiter inhaltlicher Bogen von den globalen Entwicklungen und tiefgreifenden Veränderungen seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 bis heute, wozu einem die Stichwörter Afghanistan, Guantánamo und Irak einfallen. Ich erinnere mich noch, wie ich diesen 11. September verbracht habe: als Zuhörer. Petritsch war Hauptredner einer Veranstaltung in Kärnten, wo er schon kurz nach Bekanntwerden der Anschläge gewusst hat, dass etwas im Gang sei, was – wenn nicht die Welt, so doch – die Politik nachhaltig verändern werde.
Neben politischen Reflexionen schreibt Petritsch über seine zweisprachige Kärntner Heimat, über europäische Kulturerscheinungen und erinnert in einer umfassenden biografischen Annäherung an seinen Lehrmeister. Im Buch finden sich auch zahlreiche unveröffentlichte Texte. In einem gesonderten Kapitel sind staatspolitische Dokumente, Analysen und beispielsweise das Protokoll über Petritschs Einvernahme im Den Haager Milošević-Prozess abgedruckt. Zeitdokumente, die nicht ohne Weiteres zugänglich sind. In der intellektuellen und politischen Abteilung geht Petritsch etwa Fragen der Abrüstung im Angesicht der Globalisierung auf den Grund, beschäftigt sich ausführlich mit der EU-Friedenspolitik im ehemaligen Jugoslawien und formuliert Leitgedanken zur europäischen Integration Südosteuropas. 2004 hat er zum Beispiel mit seinem Aufsatz „Böse Minen, gutes Spiel“ über den UN-Landminengipfel berichtet.
In der Kärntner Politik vermisst er die Bereitschaft, „sich mit dem Phänomen der Zweisprachigkeit auseinanderzusetzen“. Interessant ist dabei seine Perspektive, dass die Ortstafeln an sich für die Mehrheit wichtiger wären als für die Kärntner Slowenen, zumal mit dem Aufstellen die Rechtsstaatqualität Österreichs bewiesen werden könnte. Und bei ihm erstaunt es nicht, dass er sogar literaturgeschichtlich wird, wenn er ein kurzes Ivo-Andrić-Porträt zeichnet oder Peter Handke zum 60. Geburtstag „Glückwünsche in den Elfenbeinturm“ schickt. Petritsch wollte seinen Landsmann Handke zu einer Intervention bei Milošević überreden, damit dieser seine starre Haltung aufgeben könnte, wozu der Dichter nicht bereit war. Der Politiker aber, dem Petritsch über das Gespräch mit Handke erzählte, quittierte diese Mitteilung „mit einer wegwerfenden Geste“.


Die Texte Wolfgang Petritschs spüren den vielfältigen Dilemmas der Gegenwart nach und suchen in einem politischen Sinn nach Wegen und Auswegen, nach Veränderungen, letztlich nach einer gerechteren Welt und damit nach dem Frieden. In diesem Sinn ist der zweisprachige Kärntner Diplomat kein Künstler des Möglichen, sondern ein Friedensforscher, dessen Credo lautet, dass „Gesellschaft auch im Zeitalter der Globalisierung politisch gestaltbar ist“. ■