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Aus für letztes AKW stürzt Litauen in Energieloch

(c) EPA (Tomas Hudcovic)

Mit der Schließung von Ignalina, dem letzten baltischen Atomkraftwerk, verliert Litauen den Lieferanten für drei Viertel seines Strombedarfs. Die Abhängigkeit des Landes von russischem Gas wächst.

Vilnius. Nach Feiern ist Viktor Shevaldin am Silvesterabend nicht zumute. Der Direktor des litauischen Atomkraftwerks Ignalina hält den Auftrag, den er zu Jahresende auszuführen hat, für Vergeudung von Investitionen und Energie. Doch Shevaldin ist Beamter und muss tun, was die Regierung vorschreibt. So fährt er am Abend des 31. Dezembers die Leistung seines AKW von 1350 Megawatt zurück auf null und nimmt den Atommeiler eine Stunde vor Mitternacht plangemäß vom Netz.

Nicht nur Shevaldin hält dies für verrückt. Der Ausstieg aus der Nuklearenergie ist in Litauen höchst umstritten, gerade jetzt, da der Baltenstaat in der tiefsten Wirtschaftskrise seit 20 Jahren steckt, und die Erhöhung der Strompreise nach dem Ignalina-Aus das Land schätzungsweise zwei Prozent des BIP kosten wird. Doch die Abschaltung der ursprünglich zwei sowjetischen Reaktoren vom Tschernobyl-Typ war eine Bedingung der EU für die Aufnahme Litauens. Das erste AKW ging 2004 vom Netz, für das zweite schlägt nun die letzte Stunde.

 

Langfristig wieder mehr AKW

Das verändert Litauens Energieversorgung radikal. Zuletzt sorgte das Ignalina-Werk für drei Viertel des einheimischen Strombedarfs und für wichtige Exporteinnahmen. Jetzt muss man auf konventionelle Kraftwerke umsteigen, die hauptsächlich mit russischem Gas gespeist werden. Diese Abhängigkeit weckt Unbehagen in Litauen.

Das Gasembargo, das der damalige Sowjetchef Gorbatschow während des Unabhängigkeitskampfs gegen die aufmüpfigen Litauer verhängte, ist bei vielen noch in schlechter Erinnerung. Die Ölpipeline zur litauischen Raffinerie Mazeikiai unterbrach Moskau „aus Wartungsgründen“, als die Regierung dort polnische statt russischer Investoren wählte, und hat sie seither nicht wieder geöffnet.

In der EU ist das Baltikum eine Energieinsel. Außer einem unterdimensionierten Stromkabel von Finnland nach Estland gibt es keine Anbindung an westliche Netze. Alle Gas-, Öl- und Stromleitungen führen nach Osten. Diesen Status will man nun ändern: Litauen und Polen haben eine Starkstromleitung vereinbart, Litauen, Lettland und Schweden einen Vertrag für ein Unterwasserkabel geschlossen, und die Kapazität der estnisch-finnischen Estlink soll durch ein zweites Kabel verdreifacht werden. Vor Mitte des Jahrzehnts wird aber keines der Projekte fertig sein.

In der Zwischenzeit plumpst Litauen ins Energieloch. Präsidentin Dalia Grybauskaité sieht darin eine Chance. Wegen des Ignalina-Kolosses und seines Billigstroms habe es viel zu lange kein Interesse für Alternativenergie und Investitionen in die Anbindung ans westliche Netz gegeben. Erst jetzt könne sich ein funktionierender Strommarkt entwickeln. Langfristig aber sieht Litauen doch wieder Atomkraft als Lösung. Am Standort des Ignalina-Werks sollen zwei neue Reaktoren errichtet werden, mit westlicher Technik. Das Projekt wird allerdings seit Jahren verschleppt, statt eines Betriebsstarts 2015 ist jetzt eher von 2018 bis 2020 die Rede. In der Zwischenzeit sollen auch in Weißrussland und der russischen Kaliningrad-Exklave Atomkraftwerke gebaut werden, sodass es dann in der Region statt Energiemangels einen beträchtlichen Überschuss an Nuklearenergie geben dürfte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2009)