Das Adlerteam strotzt vor dem Tourneeauftakt in Oberstdorf vor Zuversicht, nur Wolfgang Loitzl glaubt nicht so recht an eine Wiederholung seines Schanzenmärchens: „Ein Tourneesieg genügt eigentlich.“
Der Busfahrer der ÖSV-Skispringer hat es sich heuer leicht gemacht. Ungeniert parkt er den Luxusnightliner, in dem er seine Stars auf der Tournee kutschiert, vor dem Eingang. Jeder, der in das Hotel will, ist somit gezwungen, einen Blick auf Schlierenzauer, Morgenstern oder Cheftrainer Pointner zu werfen, die plakativ von der Seitenwand des Busses lachen. Die ÖSV-Stars haben vor dem Tourneeauftakt heute in Oberstdorf (16.30 Uhr/ORF1) tatsächlich auch leicht lachen. Mit Wolfgang Loitzl stellen sie den Titelverteidiger, mit Gregor Schlierenzauer einen der Favoriten, und daher strotzt Cheftrainer Alexander Pointner auch vor Optimismus. „Wir haben gelernt, wie man die Tournee gewinnt. Das wollen wir wiederholen. Denn wir stellen das stärkste Team.“
So penibel die Vorbereitung verlaufen ist – sogar mit einem Geheimtraining auf dem Bergisel –, so gewissenhaft absolvieren die Adler auch ihre Medientermine. Traf man sich früher noch im intimen Rahmen zum gemeinsamen Frühstück, so drängen sich jetzt Reporterhorden zwischen Kamera- und Radioteams. Mit System werden dabei aber Trainer und Sportler getrennt präsentiert. Es wird nichts dem Zufall überlassen. Dass sich trotzdem einer der Hotelgäste im Zimmer irrt und anstatt in der Sauna zu landen plötzlich im weißen Bademantel vor der versammelten Mannschaft steht, ist tatsächlich purer Zufall.
Loitzls Außenseiterrolle
Zielsicher hingegen wirken alle Statements, keiner lässt sich aus der Reserve locken. „Ich mache mir keinen Druck“, lautet das Credo der ÖSV-Adler. Und dann passiert es doch, Wolfgang Loitzl schert radikal aus dieser „Wohlfühleinheit“ aus. „Ein Tourneesieg genügt eigentlich“, sagt er völlig unbekümmert und blickt prompt in durchwegs verwunderte Gesichter. „Ich habe einmal gewonnen, das nimmt mir keiner mehr weg. Selbst wenn ich jetzt alle Sprünge in den Sand setze, ich habe einmal die Tournee gewonnen. Das genügt mir.“
Er müsse nun „nichts Besonderes mehr leisten“, fügt er kleinlaut hinzu. Erst im Februar bei Olympia in Vancouver dürfe man mit ihm als Favoriten spekulieren. Denn er möchte Edelmetall holen, es ist das Einzige, was in seiner Sammlung noch fehlt. Bis dahin sei aber noch Zeit, bis zum 6. Jänner und dem Schlusstag der Tournee stehe er mit Ratschlägen jederzeit zur Verfügung. Thomas Morgenstern wird sofort hellhörig: „Hab ich ein Schwein, dass wir uns das Zimmer teilen...“
Loitzls freiwillig gewählte Außenseiterrolle passt zwar nicht ins ÖSV-Gesamtkonzept, doch Toni Innauer goutiert es mit einem breiten Grinsen. „Im Vorfeld wird doch immer wieder nur die Papierform analysiert. Davon kannst dir im Wettkampf aber nichts kaufen.“ Wer weiß, vielleicht startet Loitzl doch wieder durch und stiehlt Schlierenzauer, dem Schweizer Ammann oder dem Norweger Romøren die Show? Es ist nicht auszuschließen. Schließlich hat auch im Vorjahr niemand damit gerechnet, dass just der stille Steirer, der noch nie zuvor ein Weltcupspringen gewonnen hatte, über Nacht zum Überflieger avancieren würde. Vermutlich – entgegen allen Beteuerungen – nicht einmal er selbst.
Innauer ist vom Erfolg seiner Adler-Equipe überzeugt. Daher könne er sich getrost anderer Dinge annehmen und den schwachen Kombinierern auf die Sprünge helfen. Innauer wird beim Neujahrsspringen und in Innsbruck fehlen, dafür Bieler, Gottwald und Co. in Oberhof gehörig Dampf machen. Frei nach dem Motto „Toni's watching you“. Denn deren Sprungleistungen entsprechen definitiv nicht seinen Erwartungen.
Über ruhigere Momente konnte sich an diesem Abend nur der Busfahrer freuen. Während wie bei Boygroups aus der Musikbranche Groupies stundenlang vor dem Bus ausharrten, blieben die Skispringer unbehelligt. Ob Schlierenzauer deshalb eine Freundin im Internet sucht? Auf seiner Homepage jedenfalls haben sich nach einem Radiointerview schon einige Kandidatinnen gemeldet.
Keine U-Haft für Nykänen
Ganz andere Sorgen hat derzeit der Finne Matti Nykänen. Der 46-Jährige hat am Christtag seine Ehefrau Mervi mit dem Küchenmesser attackiert und sie mit dem Gürtel des Bademantels gewürgt. Am Montag entschied der Haftrichter, dass Nykänen nicht in Untersuchungshaft muss. Gegen ihn wird wegen schwerer Misshandlung und gefährlicher Drohung ermittelt, nicht jedoch wegen versuchten Totschlags, so ein Polizeisprecher. Der Richter verlangte zudem, dass sich Nykänen vorerst seiner Frau nicht mehr nähert.
AUF EINEN BLICK
■Sven Hannawald, der 2001/02 als erster Skispringer alle vier Bewerbe der Vierschanzentournee gewinnen konnte, kam ebenfalls nach Oberstdorf. Allerdings nicht als Skispringer, der 35-jährige Deutsche präsentierte sich als Neo-Autorennfahrer. Ab 18. April 2010 wird Hannawald in der ADAC-GT-Masters-Sportwagenserie an den Start gehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2009)