Konjunktur: Teuerungsschub bleibt vorerst aus

(c) Clemens Fabry
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2010 und 2011 bleibt die Inflation gering. Doch Wifo-Experte warnt: Gelingt es den Staaten nicht, ihre Budgets zu konsolidieren, könnte das Inflationsängste und Teuerung anfachen.

Wien (b.l.). Im Zuge der Wirtschaftskrise haben die Regierungen weltweit Milliarden lockergemacht, und die Notenbanken haben viel Geld in den Wirtschaftskreislauf gepumpt. Das, so fürchten viele, werde in den nächsten Jahren zu starkem Inflationsdruck führen. So hatte der neue Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, jüngst die Befürchtung geäußert, mittelfristig (in fünf bis zehn Jahren) werde die Inflation bis zu fünf Prozent jährlich ausmachen. Denn die Länder würden nicht rechtzeitig aus den Notfallprogrammen der Finanzkrise aussteigen, sie würden auch das billige Geld nicht rechtzeitig wieder einziehen.

Der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Thomas Straubhaar, prognostizierte vergangenen September für Deutschland eine Teuerungsrate von fünf bis zehn Prozent im Jahr 2011. Der Staat müsse von seinen explodierenden Schulden herunterkommen. Da sei Inflation eine einfache Lösung, meinte er.

Als er das sagte, herrschte in der Eurozone gerade Deflation, die Preise waren im Jahresvergleich rückläufig. Inzwischen steigen sie wieder: Zwischen November 2008 und November 2009 verteuerten sich Waren und Dienstleistungen um 0,5 Prozent. Die „Deflation“ war laut des Wifo-Experten Josef Baumgartner auf das Platzen der Rohstoffpreisblase im Sommer 2008 zurückzuführen. Gemessen an der Kerninflationsrate (ohne Energie und Nahrungsmittel) gab es weder in der Eurozone noch in den USA Deflation, stellte er im jüngsten Wifo-Monatsbericht fest.

Auch die Inflationsängste vieler seiner Kollegen teilt der Ökonom nicht. Zumindest kurzfristig nicht: Die Produktionskapazitäten würden in den nächsten Jahren unterausgelastet bleiben, die Unternehmen würden höhere Preise nicht durchsetzen können. Weder von der Nachfrage- noch von der Lohnseite gehe ein Inflationsdruck aus. In der Eurozone dürfte die Inflationsrate in den nächsten Jahren beim Zielwert von knapp unter zwei Prozent bleiben.

Baumgartner sieht jedoch zwei Gefahren: Bringen die Staaten keine glaubwürdige Fiskalpolitik zustande und gelingt es ihnen nicht, die Staatshaushalte einnahmen- und ausgabenseitig zu konsolidieren, könnte die Inflationsangst zur „Selffulfilling Prophecy“ werden:

Warnung an die Politik

Die Gewerkschaften könnten in Erwartung stärkerer Teuerung höhere Löhne durchsetzen, was eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen könnte. Die Preise für Vorprodukte und Rohstoffe könnten steigen, was wiederum zu teureren Produkten führen würde, und die Unternehmen könnten die Preise in der Erwartung erhöhen, dass die Konkurrenz das auch tun werde. All das könnte tatsächlich zu einer Erhöhung der Preise führen.

Die zweite Gefahr geht von einer weltweit sehr starken Rohstoffpreissteigerung aus. Von der Nachfrageseite her erwarten Experten zwar nur einen moderaten Preisanstieg. Kommt es jedoch zu einer Verknappung des Angebots (etwa durch Dürre), sind auch starke Verteuerungen möglich.

Im großen Geldmengenwachstum sieht der Experte nicht zwingend ein Problem: Zwar haben die Zentralbanken die Geldmenge auf dem Höhepunkt der Finanzkrise kräftig angehoben– in den USA stieg die Geldbasis in der zweiten Jahreshälfte 2008 um 100 Prozent, in der Eurozone um 13 Prozent. Doch werde dieses Geld großteils von den Geschäftsbanken gehortet (und zum Teil in Wertpapiere investiert), aber nicht in den Wirtschaftskreislauf gepumpt. Die Kreditvergabe sei nicht gelockert worden. Das Wifo warnt jedoch: Die Notenbanken müssten das Geld sofort wieder einziehen, wenn die Banken von sich aus wieder Kredite locker machen. Auch die deutliche Ausweitung der Staatsverschuldung– diese wird zwischen 2008 und 2011 in den USA um 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigen, in der Eurozone um 19 Prozent– führe nicht zwingend zu hoher Inflation. Die Schuldenstände seien bereits seit den Sechzigerjahren kontinuierlich angewachsen, die Teuerung aber nicht. Die Staaten müssten allerdings bald glaubwürdige Konsolidierungspläne vorlegen.

AUF EINEN BLICK

Die Staaten müssen ihre Budgets in den nächsten Jahren glaubwürdig einnahmen- und ausgabenseitig konsolidieren. Gelingt das nicht, drohen laut Wifo hohe Inflationsraten. In den kommenden beiden Jahren ist die Inflationsgefahr aber gering.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2009)

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