SPÖ. Mit dem einstigen Hoffnungsträger Christian Kern fällt die Partei auf Platz zwei zurück. Ein Richtungsstreit bahnt sich an. Und vielleicht auch ein Wechsel an der Parteispitze.
Wien. Am Samstagabend war man in der SPÖ noch kurz guter Dinge gewesen, als Umfragen die Runde machten, die besagten, dass Christian Kern am Ende doch noch auf Platz eins vor Sebastian Kurz liegen könnte. 24 Stunden später ist diese Hoffnung einer bitteren Gewissheit gewichen: Die SPÖ fiel hinter die ÖVP zurück, auf Platz zwei, der zunächst nur knapp vor den Freiheitlichen abgesichert schien. In Prozenten ist das Ergebnis nur marginal besser als bei der Wahl 2013. Damals rettete der viel kritisierte Werner Faymann noch 26,8 Prozent ins Ziel. Nachfolger Christian Kern muss sich mit etwas mehr als 27 Prozent begnügen.
Gefühlsmäßig überwiegt am Sonntagabend zunächst die Trauer in der SPÖ-Zentrale in der Löwelstraße. Aber da ist auch viel Ärger, wenn nicht sogar Wut. Weil man sich fragt, was eigentlich gewesen wäre, wenn man einen pannenfreien Wahlkampf geschlagen hätte? Mit einer konsistenten inhaltlichen Linie. Ohne gefälschte Facebook-Seiten, die Sebastian Kurz schaden sollten. Und ohne den Berater Tal Silberstein. Hätte Christian Kern dann eine Chance gehabt?
Man weiß es nicht. Christoph Matznetter, der interimistische Bundesgeschäftsführer, will die erste Hochrechnung nicht so recht wahrhaben: Es sehe nicht so aus, als könne die SPÖ Platz eins verteidigen. Generell finde er das Ergebnis „nicht so toll fürs Land“. Er wolle aber all jenen danken, „die trotz einer Propagandaschlacht, die den Bundeskanzler ins Zentrum einer Verschwörung gerückt hat, der SPÖ ihre Stimme gegeben haben.“ Christian Kern nämlich sei „wirklich ein super Kandidat gewesen, der viele angesprochen hat.“
Linker gegen rechter Flügel
Und doch könnten Kerns Tage an der Parteispitze gezählt sein. Die SPÖ ist zwar knapp über der selbst definierten Schmerzgrenze von 25 Prozent geblieben, aber am Ende wäre man fast noch auf Platz drei zurückgefallen. Das gab es in der Zweiten Republik noch nie. In der SPÖ schließt man nicht aus, dass der Parteivorsitzende von sich aus das Handtuch wirft. Offiziell sprechen sich aber noch am Wahlabend alle für Kerns Verbleib aus, allen voran der Wiener Bürgermeister Michael Häupl.
Und man stellt sich auf einen Richtungsstreit ein. Denn der linke Flügel tendiert in die Opposition, nach dem Vorbild der SPD, die sich nach der Wahlschlappe vor drei Wochen (20,5 Prozent) Enthaltsamkeit von der Macht verordnet hat. Vor allem, so die Überlegung, könne man sich dann gegen eine schwarz-blaue Regierung profilieren. In den Nullerjahren habe man damit gute Erfahrungen gemacht.
Der rechte SPÖ-Flügel dagegen würde lieber in der Regierung bleiben, notfalls auch als Juniorpartner von Sebastian Kurz (so der denn will). Da wäre allerdings die Frage, ob Christian Kern mitmacht. Oder doch an Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil übergibt, mit dem Kurz in der Migrationspolitik mehr verbindet als mit Kern. Möglicherweise werden die sozialdemokratischen Gewerkschafter hier ein gewichtiges Wörtchen mitzureden haben.
Für manche ist auch „das Unaussprechliche“ (ein Sozialdemokrat) eine Option, nämlich eine Koalition gegen Kurz, mit den Freiheitlichen, wie im Burgenland. Aber das ist dann doch sehr unwahrscheinlich. Zumal das zu heftigen Auseinandersetzungen mit dem linken Flügel führen würde. Und noch mehr Probleme kann die SPÖ eigentlich nicht gebrauchen. In der Löwelstraße ist man am Sonntagabend jedenfalls noch nicht bereit für große Richtungsentscheidungen. Man kann einfach nicht glauben, dass der Hoffnungsträger Christian Kern, der vor 15 Monaten so vielversprechend im Kanzleramt gestartet war, jetzt als Verlierer dasteht.
Gleich gegenüber der SPÖ-Zentrale, auf dem Platz vor dem Burgtheater, wurde ein Festzelt errichtet. Aber zum Feiern ist hier zunächst niemandem zumute. Aber als dann bekannt wird, dass die SPÖ doch Zweiter werden dürfte, wird ausgelassen gejubelt. Im Zweifel gilt ein Michael-Häupl-Zitat als Motto: „Man bringe den Spritzwein.“ Dann wird schon alles irgendwie werden. Wie auch immer.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2017)