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Salomon: „Wir laufen Gefahr, ineffizienter zu werden“

(c) (Erwin Wodicka)
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Winzer Berthold Salomon, Chef des „Weinguts des Jahres 2009“, wünscht sich den Optimismus der USA und den Pioniergeist Australiens in Österreich.

„Die Presse“: Wie wird der heurige Wein?

Berthold Salomon: Die Ernte war wegen der großen Feuchtigkeit eine Herausforderung, aber der Jahrgang 2009 wird hohe Qualität haben. Aus Salomon-Undhof-Sicht werden es kräftige Weine mit sehr schöner Aromatik.

 

Trifft die Krise das Weingeschäft?

Salomon: Wein ist als Konsumgut natürlich auch betroffen, aber weniger als manche Investitionsgüter.


Kulinarik scheint jedoch krisenfest zu sein. Die Restaurants sind voll.

Salomon: Aber auch in der Gastronomie findet ein Downgrading statt.


Die höchste Preisklasse hat derzeit Probleme – auch beim Wein?

Salomon: Beim Wein ist es ähnlich. Und gewisse Märkte haben besonders gelitten, etwa die USA. Wir haben 30 Prozent unseres Exportwertes in den USA verloren, konnten es aber ausgleichen: Zum Beispiel kaufte British Airways für die First Class einen Wein von uns.

Gibt's beim Wein eigentlich auch eine Art Slow-Food-Bewegung?

Salomon: Durch die Erschütterung im Jahr 1986 (Weinskandal) hat das beim Wein auf Druck der Konsumenten schon damals begonnen.

 

Was halten Sie von Billigweinen beim Diskonter?

Salomon: Wie bei allen Konsumgütern kriegt man manchmal auch etwas Gutes zum Schnäppchenpreis. Aber in neun von zehn Fällen ist das Produkt nicht mehr wert, als man dafür zahlt.


Wie wichtig ist Marketing beim Wein?

Salomon: Marketing ist wichtig, aber noch wichtiger ist Qualität. Auch ein Weingut mit 30 Hektar, wie wir es bewirtschaften, hat in einer Zeit eine Chance, in der eigentlich nur mehr große Firmen überleben: Das unterscheidet den Wein von vielen anderen landwirtschaftlichen Produkten.

 

Österreich ist kein Staat mit starker Unternehmermentalität. Werden Sie manchmal scheel angeschaut?

Salomon: Nein, weil wir eigentlich Kleinunternehmer sind.

 

Ist das nicht eine arge Untertreibung?

Salomon: Ich habe in Summe nur zehn Mitarbeiter im Weingut in Stein und in Australien nur temporär Angestellte.

 

Es gibt Kritik, dass die Landwirtschaft zu Tode gefördert wird.

Salomon: Beim Weinbau ist vieles in die richtige Richtung gegangen: zum Beispiel mit Förderungen für den naturnahen Weinbau und für die Erhaltung der Terrassen. Aber Förderungen sollten natürlich kein Dauerzustand sein. Für Milch und Getreide kann ich das nicht beurteilen. Und natürlich ist es erschreckend, wenn man hört, wie viel vom EU-Budget da hineinfließt. In der jetzigen Situation muss sicher jedes ineffizient ausgegebene Geld hinterfragt werden.

 

Auch jenes für die Hypo-Bank?

Salomon: Man kann das Bankensystem nicht zusammenbrechen lassen. Ich bin aber der Meinung, dass der Finanzsektor neu gestaltet werden sollte. Es kann doch nicht sein, dass über Jahrzehnte hinweg in der Finanzbranche mehr verdient wurde als in der echten Produktion. Das wäre okay, wenn es der Steuerzahler nicht auffangen müsste. Die Abschreibbarkeit von Megagehältern und Superboni sind nicht gerechtfertigt, wenn Staatshilfe beansprucht wird.

 

Als Vielreisender sind Sie zwei Monate im Jahr in Australien, haben zweieinhalb Jahre in den USA gelebt. Was würden Sie gern aus den Staaten nach Österreich importieren?

Salomon: Den Optimismus. Es gibt da ein für Österreich so bezeichnendes Grillparzer-Zitat: „Das ist der Fluch von diesem edlen Hause, auf halben Wegen und mit halber Kraft zu halben Zielen zögernd fortzuschreiten.“ Eigentlich könnten wir ja stolz auf das Land sein – aber ohne uns zurückzulehnen. Denn wir laufen Gefahr, immer ineffizienter zu werden. Da geht's um Produktivität je Person. Außerdem haben wir eine hohe Arbeitslosigkeit, kriegen aber trotzdem kaum Arbeiter, die im Weingarten arbeiten wollen.

 

Woher kommen die dann?

Salomon: Aus der Slowakei, aus Bulgarien und Polen. Wir kriegen Gott sei Dank temporäre Arbeitsgenehmigungen für sie.


Ist der Sozialstaat zu gut gepolstert, sodass man Arbeit zu leicht verweigern kann?

Salomon: Ich fürchte, ja. Aber das US-Modell will ich auch nicht. Das ist einer modernen Demokratie nicht würdig.

 

Sollten wir den Leistungswillen der USA importieren und unser Gesundheitssystem in die USA?

Salomon: Ich glaube, unser Gesundheitswesen ist gut, könnte aber noch effizienter sein. Das österreichische Lebensziel: sicheres Gehalt, Unkündbarkeit und Pension mit 53– das kann's nicht sein. Österreich hat die Finanzkrise besser als andere Länder überstanden, aber jetzt muss ein Umdenken beginnen, alles muss auf den Tisch. Dass man in den USA eine Wahl gewinnt mit der Ansage „mehr Arbeiten, dafür weniger Steuern“: Dafür gäbe es in Österreich nie eine Mehrheit.

 

Und was könnte man von Australiern lernen?

Salomon: Die haben Pioniergeist, diesen Willen, etwas zu bewegen. Uns Österreichern geht es in Wahrheit sehr gut, und wenn wir gescheit sind, werden wir das auch nicht verlieren. Wir müssen aber an uns arbeiten und Leistungsbereitschaft haben. Wenn die Politik da nicht ansetzt, wird spätestens die nächste Generation die Zeche dafür zahlen.

Aber vielleicht wird in Österreich nur gewählt, wer sozusagen „Licht-ins-Dunkel-Politik“ macht.

Salomon: Ich finde es eher erschreckend, dass sich so viele von hohlen, populistischen Versprechen der FPÖ blenden lassen.

 

Ausländerpolitik spielt dabei eine große Rolle. Ist da was schiefgelaufen?

Salomon: Weniger als in Deutschland oder Frankreich. Es ist doch nur ein kleiner Teil der Ausländer nicht integrationswillig oder kriminell. Diese Pauschalverurteilungen finde ich schlecht.

 

Aber möchten Sie ein Minarett in Krems stehen haben?

Salomon: Natürlich ist die Antipathie gegenüber dem Islam in unserer Welt gewachsen. Den Muslimen und ihren Würdenträgern muss man aber vorhalten, dass sie sich vom Terrorismus im Namen des Islam viel zu wenig distanzieren. Wenn es kein politisches Statement ist, würde es mich nicht stören, wenn neben unserem Weingut ein Minarett stünde. Wir sollten weiterentwickelt sein als viele islamische Länder, in denen de facto keine katholischen Kirchen gebaut werden dürfen. Ich finde aber, dass die EU auf die Schweizer Abstimmung zu kritisch reagiert hat. Das war eine urdemokratische Entscheidung. Dennoch bin ich EU-Befürworter: Ohne EU hätte Europa kein Gewicht in der Welt!

 

Kommt Ihnen Österreich manchmal zu wenig weltoffen vor?

Salomon: Da haben wir uns nicht viel vorzuwerfen. Gehen Sie zum Beispiel in New York nach Brooklyn: Wie weltoffen ist man dort?

 

Bisher erschienen: Eva Dichand (7.12.), Eser Akbaba (21.12.), Erich Leitenberger (24.12.), Brigitte Bierlein (28.12.), Wolfgang Prix (29.12.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2009)

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