Der Wiener Silvesterpfad feiert Jubiläum. Ein Rückblick auf Zeiten, als er noch undenkbar war. Tatsächlich war die Hauptstadt damals rund um den Jahreswechsel vor allem eines: tot. Zilk war entsetzt, wie wenig die Stadt zu bieten hatte.
Ihr seid's alle deppat!“ Dieser Satz des damaligen Wiener Bürgermeisters Helmut Zilk war der heimliche Startschuss zu einem Wiener Event, das zum Jahreswechsel 2009/10 bereits zum zwanzigsten Mal stattfindet: der Wiener Silvesterpfad. Zugegeben, eigentlich waren es die Worte, die Zilk danach in die Runde seiner Mitarbeiter warf, nachdem er den Jahreswechsel 1989/90 in Wien verbracht hatte: „Das Einzige, was Wien seinen Gästen zu Silvester bietet, sind Hunger und Glasscherben.“
Tatsächlich war die Hauptstadt damals rund um den Jahreswechsel vor allem eines: tot. Die Stände der Christkindlmärkte hatten längst geschlossen, die meisten Lokalbetreiber waren nach dem Weihnachtsgeschäft auf Urlaub – und wer den Abend des 31. Dezember nicht daheim verbringen wollte, stand vor verschlossenen Türen oder musste lange vorher in einem der wenigen geöffneten Betriebe einen Platz reserviert haben. Zilk, der über die Feiertage sonst gerne auf Hawaii geurlaubt hatte, war entsetzt, wie wenig die Stadt zu bieten hatte.
Wie man die Stadt genau beleben sollte, das wusste der Bürgermeister nicht. Aber irgendetwas musste geschehen. Von Eventkultur war Anfang der 90er noch nicht viel zu bemerken, zu einem Zeitpunkt, als die Geschäfte am Samstagnachmittag schon die Rollläden herunterließen. Und so verwundert es nicht, dass der erste Vorschlag der Polizei, die in Zilks Task Force saß, für heutige Verhältnisse seltsam anmutet: Sperren wir doch die Innenstadt. Dann könnten die Feierwütigen, die nirgendwo unterhalten und verköstigt wurden, auch nichts anstellen. Ein Fest am Reumannplatz, so ein weiterer Vorschlag aus der Arbeitsgruppe, sollte die Menschen aus der City ziehen.
Es war Rudi Mathias vom Presse Informationsdienst (PID) der Stadt Wien, der damals die rettende Idee hatte: „Zentrale Zentralisation“, so verkaufte er Zilk seine Idee. Und auch den passenden Namen dazu: „Silvesterpfad“. Mit Bühnen in der Innenstadt sollte den Menschen etwas geboten werden – und verhindert werden, dass sich alles am Stephansplatz drängt. „Da kriegen wir ja noch mehr Leute in die Stadt“, war die erste Reaktion des Bürgermeisters. Doch schließlich ließ er sich breitschlagen – und verteidigte die Idee später auch offensiv gegen Kritiker, die Lärmbelästigung und Randale befürchteten: „Silvester ist ein lautes Fest. Punkt.“
Aber auch bei den Gastronomen der Innenstadt war zunächst viel Überzeugungsarbeit nötig: „Was zahlen Sie, wenn wir zu Silvester offen halten?“ war eine der üblichen Antworten, die Mathias zu hören bekam. Dass man an diesem Abend Geld machen könnte, wollte man damals nicht so recht glauben. Und auch bei der Bewerbung der neuen Einrichtung blieb man noch eher defensiv. Eine Pressekonferenz mit Helmut Zilk und eine Doppelseite in der Stadtpostille „Unser Wien“ mussten reichen. Umso erstaunlicher war der Andrang, als zu Silvester 1990/91 plötzlich 200.000 Besucher in die Innenstadt drängten. Und auch medial hatte man einen Volltreffer gelandet. Medien von der „New York Times“ bis zur „Zeit“ berichteten über das neue Event aus Wien.
Aus Fehlern der ersten Jahre gelernt
Mittlerweile gehört der Silvesterpfad längst zum Wiener Jahreswechsel dazu. Heuer werden rund 600.000 bis 700.000 Teilnehmer aus aller Welt erwartet, die in der City zwischen den Bühnen und den charakteristischen dreieckigen Gastronomieständen umherwandern. Die Hotels sind in der Silvesternacht jedenfalls ausgebucht.
Im Lauf der Jahre hat man dazugelernt, den Pfad adaptiert. Vom Rundkurs der ersten Auflage sind nur noch einige Straßenzüge übrig. Den Versuch, den Pfad bis zum Spittelberg zu ziehen, hat man wieder verworfen. Und längst kümmert sich nicht mehr die Presseabteilung des Rathauses darum, sondern das Stadt Wien Marketing, das auch Sponsoren an Land ziehen konnte, die die 1,3 Millionen Euro, die die Stadt pro Jahr in den Pfad investiert, noch auffetten.
Von der toten Innenstadt ist jedenfalls nicht mehr viel zu bemerken. Spötter werden angesichts des Trubels nun wohl City-Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel jene Worte in den Mund legen, mit denen Helmut Zilk all das lostrat: „Ihr seid's alle deppat!“Programm Silvesterpfad siehe Seite 8
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2009)