Die FPÖ versammelt sich heute zur Präsidiumssitzung, eine Koalitionspräferenz gibt es offiziell nicht. Auch hat der Parteichef "keinen Anlass für irgendeinen Stress".
Die FPÖ hat sich am Dienstag zu einer Präsidiumssitzung versammelt. Vorab betonte Bundesparteiobmann Heinz-Christian Strache: "Ziel ist es, in einer Regierung unsere Inhalte durchzusetzen." Sollte dies nicht möglich sein, gelte es, die Verantwortung in der Opposition zu leben. Jedenfalls, so wiederholte der 48-Jährige seine parole vom Wahlabend, würden sich die Freiheitlichen "treu bleiben". Die Bürger hätten am Sonntag für Veränderung gestimmt. In absoluten Stimmen - nämlich 1,3 Millionen Wähler - habe der Urnengang den "historisch stärksten Stimmenanteil" für die FPÖ gebracht.
Einmal mehr bekräftigte der Parteiobmann den Wunsch nach Besetzung des Innenministeriums, denn es sei notwendig, als "die österreichische Sicherheitspartei" das entsprechende Ressort zu besetzen, um auch die Inhalte umsetzen zu können. Anlass für Eile sieht Strache momentan keinen. "Es gibt keinen Anlass für irgendeinen Stress." Man werde nun bis Donnerstag das Endergebnis abwarten. Danach werde der Bundespräsident Gespräche suchen und wohl die stimmenstärkste Partei mit der Regierungsbildung beauftragen.
Schwarz-(Blau-)Rot? Strache gegen "Kaffeesudlesen"
Zu allfälligen Spekulationen, ob mit SPÖ oder ÖVP die freiheitlichen Inhalte leichter umsetzbar wären, wollte er sich nicht äußern. Er sprach sich gegen "Kaffeesudlesen" aus. Er verwies aber darauf, dass die SPÖ einen aufrechten Parteitagsbeschluss hat, wonach sie mit den Freiheitlichen auf Bundesebene nicht koalieren will. Solange das nicht beendet werde, sähe er "keine Möglichkeit" für eine rot-blaue Koalition.
Außerdem habe SPÖ-Chef und Noch-Kanzler Christian Kern vor der Wahl gesagt, dass er als Zweiter in Opposition gehen werde. Was die ÖVP betrifft, sei nun Parteichef Sebastian Kurz am Zug. Es liege an ihm, als Stärkster nach der Wahl Gespräche mit den anderen aufzunehmen. Die FPÖ ist dazu jedenfalls bereit: "Es wäre vernünftig, an uns heranzutreten und ernsthafte Gespräche zu führen."
Auch die übrigen Teilnehmer der Präsidiumssitzung betonten, keine Präferenzen hinsichtlich einer Koalition auf Bundesebene zu haben. Die Inhalte stünden im Vordergrund.
Allerdings meinte der burgenländische Parteiobmann Johann Tschürtz auf Rot-Blau angesprochen, dass diese Variante auf Landesebene funktioniere: "Im Burgenland funktioniert es." Oberösterreichs Landesparteichef Manfred Haimbuchner, der sich mit der ÖVP in einer Landesregierung befindet, meinte, eine Koalition mit den Sozialdemokraten wäre "schwierig".
Nach vier Nationalratswahlen erreichte Heinz-Christian Strache sein Ziel: Die FPÖ schaffte es mit ihm im Oktober 2017 in die Regierung, der Langzeit-Parteichef wurde Vizekanzler im Kabinett von ÖVP-Bundeskanzler Sebastian Kurz. Nur eineinhalb Jahre später ist seine Karriere nun beendet: Ein Video, aufgenommen im Sommer 2017, wurde ihm - eine knappe Woche vor der EU-Wahl am 26. Mai 2019 - zum Verhängnis. Nach einem Jahr und 151 Tagen in Regierungsverantwortung zieht sich Strache aus allen politischen Funktionen zurück. APA/HERBERT NEUBAUER
Seit mehr als 13 Jahren stand der Wiener der FPÖ vor, 14 Jahre lang war er Chef der Bundespartei. Seitdem hat er einen gewissen Wandel vollzogen, vor allem bei medialen Auftritten ist er um sanftere Töne bemüht. Eine bewusst gewählte Strategie, um breitere Wählerschichten anzusprechen, wie Meinungsforscher dem FPÖ-Chef mehrfach attestierten. Doch das Video in einer Villa auf Ibiza zeigte zuletzt ein ganz anderes Bild. (c) APA (HANS PUNZ)
Schon früher war man harschere Worte von Strache gewohnt. 2006 forderte der gelernte Zahntechniker etwa, Abzuschiebende nicht mit zivilen Flugzeugen, sondern mit Bundesheer-Maschinen außer Landes zu bringen, denn: "Ich sage, die Herkules umrüsten zu einer Abflugmaschine, da können sie dann schreien, sich anurinieren, da stört's dann niemanden, da werden sie abgeschoben", sagte er bei einer Wahlkampf-Veranstaltung. APA/ROLAND SCHLAGER
Bemühungen Straches um die Öffnung der Partei in Richtung Mitte sehen Beobachter lange auch in dessen Versuch, den "rechten Rand" innerhalb der Partei zurückzudrängen. Im Jahr 2014 etwa entledigte sich der FPÖ-Obmann des damaligen freiheitlichen EU-Spitzenkandidaten Andreas Mölzer (Bild), der wegen einem Sager über ein "Negerkonglomerat" bzw. einen Vergleich der EU mit dem Dritten Reich stark in Kritik geraten war. Strache gibt sich auch als Vizekanzler staatsmännisch, allerdings häufen sich sogenannte Einzelfälle in seiner Partei. HERBERT NEUBAUER / APA / picture
Strache ist sein Image als Partymacherscheint ihm lästig geworden: "Für mich ist Ibiza ein Kraft-Ort, wo ich mich mit meinen Kindern und meiner Frau zurückziehen kann", sagt er 2017. Im krassen Gegensatz dazu seine Jugend, als er sich an "Waldspielen" beteiligte, die an Wehrsportübungen erinnerten. Im Haus von NDP-Gründer Norbert Burger, mit dessen Tochter Strache liiert war, ging der heutige FPÖ-Chef aus und ein. Und noch 2004, bereits als Obmann der Wiener Freiheitlichen, wollte sich Strache mit einem Kontrahenten im Rahmen eines Burschenschafter-Streits duellieren. APA/HERBERT PFARRHOFER
In den Wahlkampagnen - jene für die Oberösterreich-, Wien- und sowie der Nationalratswahl 2017 - setzte der zweifache Vater vor allem auf das Asyl-Thema, um seine Wähler zu mobilisieren. EU und Regierung warf er wiederholt "völliges Versagen" in der Flüchtlingspolitik vor (besonders scharf wird Außenminister, ÖVP-Chef Sebastian Kurz verbal attackiert) bzw. das nunmehrige "Kopieren" blauer Ideen. APA/ROLAND SCHLAGER
Unbestritten war bis zum Bekanntwerden des Videos auch Straches Standing innerhalb der freiheitlichen Partei. Dies hat er nicht nur Beratern wie Generalsekretär Herbert Kickl zu verdanken, sondern ist auch Folge eines blauen Helden-Mythos, der den Obmann umwehte. Als sich Jörg Haider mit dem freiheitlichen Regierungsteam und beinahe dem gesamten Parlamentsklub ins BZÖ verabschiedete, galt nur noch der aufstrebende Strache als jener, der das politische Begräbnis der FPÖ verhindern konnte. APA
In Regierungsfunktion angekommen inszenierte sich Strache als Reformer - gemeinsam mit Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) präsentierte er etwa einen Familienbonus oder die Steuerreform. Abseits dessen zeigte er sich als romantischer Ehemann, Papa-Monat-Vater und Hundefreund. GEPA pictures
Straches politischer Weg war dabei zunächst gar nicht so deutlich vorgezeichnet: Nach der Schule absolvierte er eine Lehre zum Zahntechniker, ging zum Heer, absolvierte die Studienberechtigung, begann ein Geschichtsstudium und machte sich 1993 mit einem zahntechnischen Unternehmen selbstständig. Erst der damalige FPÖ-Bezirkschef von Wien-Landstraße, Herbert Güntner, holte ihn in als Bezirksrat in die Partei. REUTERS
Zur Person: Geboren wurde der zweifache Vater Heinz-Christian Strache am 12. Juni 1969 in Wien. Nach Abschluss seiner Lehre wurde er 1991 mit nur 21 Jahren Bezirksrat. Von seiner aus der Gastronomen-Familie Plachutta stammenden Frau Daniela ist er geschieden, hat mittlerweile aber neuerlich geheiratet: Philippa Beck (Bild). Zu Straches Hobbys zählt Kung-Fu, als sein Laster gibt er das Rauchen an. APA/ROBERT JAEGER
Heinz-Christian Strache: Das schnelle Ende einer langen Karriere
Das blaue Urgestein Hilmar Kabas hielt beide Regierungsvarianten für möglich. Es wird davon abhängen, wo man am meisten umsetzen könne. Er sprach sich auf jeden Fall dafür aus, dass die FPÖ Regierungsverantwortung übernehmen solle. "So schlecht" sei regieren nicht. So könne man mehr umsetzen.
Nach der Präsidiumssitzung am Vormittag hat die FPÖ für den Dienstagnachmittag eine Vorstandssitzung angesetzt. Die Ergebnisse wollen die Freiheitlichen erst am Mittwochvormittag der Öffentlichkeit in einer Pressekonferenz mitteilen.
Nationalratswahl 2017
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