Ein mysteriöser Absturz und finanzielle Turbulenzen prägten die Airlineszene. Österreich „verlor“ seine rot-weiß-rote AUA an die Lufthansa.
Es wird wohl nie geklärt werden, was sich am 30. Juni 2009 an Bord des Linienfluges AF-447 von Rio de Janeiro nach Paris tatsächlich abgespielt hat. Fest steht: Die Air-France-Maschine mit 228 Menschen an Bord ist nie in Paris gelandet. Der Airbus 330 stürzt irgendwo, rund 850 Kilometer nordöstlich des Archipels Fernando de Noronha, in den Atlantik. Bis heute wurden nur wenige Teile des Wracks gefunden. Die Leichen von nur 51 Passagieren wurden geborgen.
In den frühen Morgenstunden des Pfingstmontags verschwindet die Maschine vom Radar der brasilianischen Luftraumüberwachung. Nach dem letzten Funkkontakt um 3.30 Uhr fliegt die Maschine durch heftige Gewitter und setzt 24 automatische Fehlermeldungen ab. Danach reißt der Kontakt ab. Während die Familien auf die Ankunft ihrer Angehörigen am Pariser Charles-de-Gaulle-Flughafen warten, wird aus dem anfänglichen Verdacht Gewissheit: Die Maschine ist irgendwo über dem Atlantik abgestürzt. Dennoch dauert es Tage, bis die brasilianischen und die französischen Suchtrupps erste Wrackteile und Gepäck finden. Der Flugschreiber, der Aufschluss über die Vorkommnisse an Bord geben könnte, bleibt in der riesigen Absturzzone verschollen.
Über die Unfallursache herrscht nach wie vor Unklarheit: Zuerst ist von einem Blitzschlag die Rede, der einen Kurzschluss verursacht und alle Geräte an Bord lahmlegt. Auch fehlerhafte Temposensoren werden ins Spiel gebracht. Die Firma Airbus gerät ins Trudeln und muss die Sensoren an sämtlichen A330 austauschen. Angehörige der Verunglückten haben zudem Klage gegen Airbus eingebracht. Experten gehen von einer Verkettung von Ereignissen und Fehlern aus – mit fatalen Folgen.
Nur vier Wochen später findet sich Airbus erneut in den Schlagzeilen: Ein A310 der jemenitischen Fluggesellschaft Yemenia stürzt am 30. Juni beim Landeanflug auf die Komoren vor Ostafrika in den Indischen Ozean. Von den 153 Passagieren überlebt nur ein 13-jähriges Mädchen, das aus dem Meer geborgen wird. Die Fluglinie ist schon lange in Verruf, Passagiere beschwerten sich wiederholt über veraltete Maschinen.
Im Sturzflug in die Pleite
Im Jahr 2009, das mit einem vereitelten Bombenanschlag auf einen Delta-Flug endete, gerieten die Airlines infolge der Wirtschaftskrise weltweit in heftige finanzielle Turbulenzen. Unternehmen strichen radikal Geschäftsreisen, womit die lukrativen Business-Class-Kunden ausfielen. Auch bei Urlaubsflügen wurde gespart. Der Nachfragerückgang konnte auch mit fallenden Ticketpreisen nicht aufgefangen werden. Diese fatale Mischung färbte die Bilanzen tiefrot – einige Airlines, wie die Billigfluglinie SkyEurope, flogen direkt in die Pleite.
Für die AUA, die sich schon in Jahren guter Konjunktur nur knapp in der Gewinnzone hielt, schlug die Stunde der Wahrheit: Auch erbitterte Privatisierungsgegner – die überraschenderweise in allen Parteicouleurs zu finden waren – mussten erkennen, dass es nur eine Alternative zur Pleite gibt – den Verkauf des Nationalheiligtums. Die Lufthansa, von Anfang an als Favorit gehandelt, erhielt „überraschend“ den Zuschlag. Die Querschüsse kamen aber nicht von Verfechtern einer „österreichischen Lösung“, sondern von der EU. Wettbewerbshüterin Neelie Kroes machte es spannend: Sie verlangte von Lufthansa-Boss Wolfgang Mayrhuber immer mehr Zugeständnisse, sodass Mayrhuber fast aufgab und den AUA-Managern die Schweißperlen auf der Stirn standen.
Das Happy End kam in letzter Minute, Brüssel genehmigte den Kauf mit Auflagen und die AUA wurde Lufthansa-Tochter. Was die Belegschaft gleich zu spüren bekam: Dem von den Deutschen verordneten radikalen Sparkurs fielen 3000 Jobs zum Opfer. Für AUA-Boss Alfred Ötsch war schon im Jänner Schluss mit lustig: Er musste den Chefsessel vorzeitig räumen. Mit seiner Fehleinschätzung einer sanierten AUA verscheuchte er nicht nur den potenziellen Investor Scheich Al Jaber, er verärgerte auch Politiker und Aufsichtsräte.
(Irene Zöch, Hedi Schneid) ?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2009)