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Lisl Ponger: Blick auf das Fremde

Blickwinkel. Ponger versteht sich als „Teilnehmende Beobachterin“ (2016).
Blickwinkel. Ponger versteht sich als „Teilnehmende Beobachterin“ (2016).(c) Lisl Ponger/„Teilnehmende Beobachterin“ 2016
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Das Weltmuseum öffnet wieder: In einer der neuen Ausstellungen befasst sich Lisl Ponger kritisch mit der Ethnologie.

Es ist schwer, in einem Museum mit dieser imperialen Struktur und diesen wunderbaren Objekten nicht vereinnahmt zu werden. Ich habe hier eine heikle, aber sehr interessante Aufgabe“, sagt die österreichische Künstlerin Lisl Ponger, als sie vom Aufbau ihrer Ausstellung im neuen Weltmuseum erzählt. Drei Jahre ist es her, da wurden die Museumstüren am Heldenplatz geschlossen, um umzubauen. Bereits zuvor, im Jahr 2013, hatte Direktor Steven Engelsman einen Schritt in Richtung Neupositionierung des Hauses gemacht und dem ehemaligen Völkerkundemuseum seinen aktuellen Namen gegeben.

Ende Oktober eröffnet das Weltmuseum nun auch in neu gestalteter Optik wieder. Die Schausammlung wird dann zudem von Positionen zeitgenössischer Künstler ergänzt: Fünf Sonderausstellungen im Mezzanin und Hochparterre werfen einen aktuellen, anderen Blick auf ethnologische Themen. Eine dieser fünf Positionen stammt von Lisl Ponger: Die vielfältig arbeitende Filmemacherin und Fotografin (gerade hat sie den Otto-Breicha-Preis für Fotokunst gewonnen) wird sechs großformatige, inszenierte Fotografien in Leuchtkästen und eine 2-Kanal-Installation zeigen. Diese Schau des „MuKul“, Pongers eigenen fiktiven „Museums für fremde und vertraute Kulturen“, trägt den Titel „The Master Narrative“ und will eben dieses Narrativ eines ethnologischen Museums zeigen, ergänzen und hinterfragen: „Ich versuche denjenigen Kontext herzustellen, der möglicherweise fehlt.“

Treffen. Ethnologen bei einer „Garden Party“ (2016).
Treffen. Ethnologen bei einer „Garden Party“ (2016).(c) Lisl Ponger/

Kritik und Faszination. Ponger wurde vom Museum am Heldenplatz sozusagen als „kritisches Element“ eingeladen: „Der Direktor war sehr offen in diese Richtung“, so die Künstlerin, „außerdem kommt heute kein ethnologisches Museum mehr ohne künstlerische Positionen aus, die einen Blick auf die Sammlung oder Ausstellungspraxis werfen und hinterfragen, wie mit kolonialem Erbe umgegangen wird.“ Es sei ganz wichtig, zu besprechen, wie Objekte ins Museum gelangt sind, was sie bedeuten, welche Machtverhältnisse bestimmend waren: „Die Sammlung ist das Herzstück des Museums, aber man kann sie heute nicht mehr kommentarlos ausstellen.“ Daher hat ihr „MuKul“ – 2014 hat sie es für ihre Ausstellung „The Vanishing Middle Class“ in der Secession als ethnologisches Museum ohne festen Sitz entworfen – eine schwarze Nische im Haus gestaltet, um dort Raum für Diskurs zu schaffen und Geschichten zu erzählen, die sonst vielleicht unerwähnt bleiben.

Hat man Zeit, kann man in Pongers Schau nun tatsächlich tief, beziehungsweise lange, in den Diskurs über ethnologische Praktiken eintauchen. 480 Minuten dauert die Installation „The Master Narrative und Don Durito“, für die sie „zwei Jahre, sechs Tage in der Woche gearbeitet und an die achtzig neue Bücher gelesen“ hat, erzählt sie. Als Ausgangsmaterial hat sie rund 1500 Ersttagsbriefe gesammelt, also Sendungen mit einer Sonderbriefmarke zu einem speziellen Anlass: „Ich habe beschlossen, wenn ich die Sammlung eines Museums kritisiere, muss ich auch selber eine anlegen“, so Ponger. Neben Projektionen dieser Briefe läuft in der Installation eine Tonspur, bei der sie „Geschichte, Geschichten und Gschichterl erzählt“, alles recherchiert und belegt, aber mit Fokus auf „Geschichte von unten, entgegen der offiziellen Geschichte“. Zu dieser Narration erklingt ein Raumton: eine elektronische Komposition von Peter Ponger, basierend auf Käfergeräuschen vom titelgebenden Don Durito, jenem Insekt, das Fabeln nach den Zapatistenführer Marcos begleitet: „Mein Symbol für die Gegengeschichte.“ Solche Gegenpositionen werden in Haupterzählungen nationaler Museen selten tradiert. Wer bestimmt, welche Erzählung erhalten bleibt? Meist waren es die großen Namen der Ethnologie. Auf Pongers Fotografie „Garden Party“ tauchen einige dieser Personen auf, etwa Margaret Mead und Franz Boas, zu erkennen an für sie typischen Gesten.

Teil des Systems. Auch Künstler vereinnahmen „Wild Places“ (2001).
Teil des Systems. Auch Künstler vereinnahmen „Wild Places“ (2001).(c) Lisl Ponger/ „Wild Places“ 2001

Auch mit den sechs Fotografien übt Ponger Kritik am Umgang mit Sammlungen und an Ausstellungspraktiken; gleichzeitig drücken die Arbeiten die Faszination aus, die das Fremde und die Ethnologie auf sie ausüben. Eine Ambivalenz, die sie dezidiert ausdrücken möchte. In „Wild Places“, trägt etwa eine Frau neben durchgestrichenen Begriffen wie Missionarin oder Ethnologin das Wort Künstlerin eintätowiert: „Das zeigt: Ich bin Teil des Systems. Ich kann keine Kritik anbringen, ohne zu sagen, von welcher Position aus, und ohne mich einzuschließen,“ meint Ponger. Im Werk „Teilnehmende Beobachterin“ spielt Ponger mit der Bedeutung des eigenen Blickes: Die Künstlerin steht vor einem Spiegel, um sich hat sie diverse Dinge gehortet: „Viele meiner Ideen kommen von Objekten, speziell von Stoffen.“ Die Idee zu diesem Bild kam vom afrikanischen Waxprint mit aufgedruckten Augen, den sie trägt: „Ethnologie ist etwas, das vorgibt, das Fremde anzuschauen. Aber in Wirklichkeit schaut man sich selbst an und die eigene Kultur“.

Tipp

Weltmuseum. Am 25. 10. eröffnet das Museum am Heldenplatz wieder. Neben der Schausammlung gibt es fünf Ausstellungen, u. a. von Lisl Ponger. www.weltmuseum.at