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Russlands Schnapsopfer: "Verluste, fast wie einem Krieg"

(c) DiePresse (Erich Kocina)
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Seit 1. Jänner gilt in Russland ein Mindesteinheitspreis für Wodka. Die russische Führung zieht die Notbremse gegen das ausufernde Alkoholismusproblem. Alkohol hat seit 1987 rund drei Millionen Russen das Leben gekostet.

MOSKAU/WIEn. Es wird ernst für all die Millionen Liebhaber des „Wässerchens“ in Russland: Mit Jahresbeginn gilt für Wodka ein Einheitsmindestpreis. 89 Rubel kostet seit gestern die Halbliterflasche, das sind umgerechnet rund zwei Euro.

Die russische Führung zieht damit wieder einmal die Notbremse gegen das ausufernde Alkoholismusproblem. Schon im vergangenen Sommer schlug Präsident Dmitrij Medwedjew Alarm, sprach von einem „nationalen Desaster“.

Kurz zuvor hatte das britische Fachjournal „Lancet“ in einer Studie zum Alkoholismus in Russland dramatische Zahlen veröffentlicht:

• Trotz der Industrialisierung gibt es in Russland eine außergewöhnlich niedrige Lebenserwartung – 59 Jahre bei den Männern, 72 Jahre bei den Frauen.

• Russische Männer im Alter zwischen 25 und 54 Jahren haben ein dreieinhalbfach höheres Todesrisiko als gleichaltrige Männer etwa in Großbritannien.

• 43 Prozent der russischen Männer in dieser Altersgruppe sterben aufgrund übermäßigen Alkoholgenusses.

• Ein russisches Spezifikum ist nicht nur der exzessive Konsum herkömmlicher Alkoholika wie Bier, Wein und Schnaps, sondern der Konsum nicht trinkbarer Alkohole wie Kölnischwasser, medizinischer Tinkturen oder Reinigungsmittel.

 

Jeden vierten Tag eine Flasche

David Zaridze, Leiter des russischen Krebsforschungszentrums und Mitarbeiter der „Lancet“-Studie, schätzt, dass der Alkohol seit 1987 rund drei Millionen Russen das Leben gekostet hat: „Dieser Verlust ist ähnlich hoch wie in einem Krieg.“

Präsident Medwedjew zeigte sich entsetzt, dass in seinem Land statistisch im Jahr pro Kopf 18 Leiter reiner Alkohol konsumiert wird. „Sie können sich selbst ausrechnen, wie viele Flaschen Wodka das sind – es verschlägt einem den Atem“, erklärte er in einer Regierungssitzung. Und es wurde nachgerechnet: Bei einem Standardalkoholgehalt von 40 Prozent ergibt dies 90 Flaschen Wodka im Jahr, jeden vierten Tag eine.

Die Konsequenz: Jedes Jahr sterben in Russland Hunderttausende an den Folgen exzessiven Trinkens. Ein hoher Funktionär der Putin-Partei „Einiges Russland“ sprach von jährlich 900.00 Alkoholtoten. Die Zahlen für 2009 sind womöglich noch dramatischer, denn laut russischer Medienberichte hat die Wirtschafts- und Finanzkrise die Menschen noch mehr zur Flasche greifen lassen, um ihre Probleme im Rausch zu ertrinken. Vor allem Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit verleiteten die Russen zum Alkoholtrinken, sagen Soziologen. Aber exzessives Trinken gehört auch zur russischen Kultur.

 

Der „Mineralsekretär“

Mit dem seit gestern geltenden Einheitsmindestpreis will die russische Regierung die Russen dazu bringen, beim Wodkatrinken Maß zu halten. Zudem sollen qualitativ schlechte Produkte allmählich vom Markt gedrängt werden.

Freilich bezweifeln Experten, ob es allein mit einer solchen Preisfestsetzungsmaßnahme gelingt, das Wodkaproblem in den Griff zu bekommen. Für die reicheren russischen Schichten ist auch der neue Preis läppisch. Die ärmeren Schichten haben bei bisherigen staatlichen Kampagnen gegen das Wodkatrinken stets gleich reagiert: Sie haben damit angefangen, illegal selbst Schnaps zu brennen; oder sie haben verstärkt zu nicht trinkbarem Alkohol gegriffen, vor dem „Lancet“ so warnt.

Eine ambitionierte Antialkoholkampagne startete 1985 der damals frisch gekürte KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow. Schon bald fielen seine Popularitätswerte in den Keller und im Volksmund war Gorbatschow nur noch der „Mineralsekretär“. Möglicherweise hat Medwedjew sein Schicksal im Auge, wenn sein Anti-Wodka-Feldzug doch recht bescheidene Ansätze hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2010)