Der Südbahnhof wird der Abbruchfirma übergeben. Ein Überblick: Wie Wien mit dem baulichen Erbe umgeht. "Anders als bei ganz alten Bauten hat das Material ein Ablaufdatum", sagt das Bundesdenkmalamt.
Einige fanden es schade, die meisten nicht und inzwischen ist es egal. Ab Montag (s. Kasten) ist der Südbahnhof sowieso Abbruchmaterial. Trotzdem ist noch eine letzte Was-wäre-wenn-Frage angebracht, nämlich eine prinzipielle: Hätten die Wiener den Abriss im Vorfeld emotionaler diskutiert, wäre der Bahnhof – ungeachtet seiner konkreten architektonischen Qualitäten – bloß 60 oder 100 Jahre älter gewesen?
Nun: Ja. Denn anders als die „historische“ hat die Architektur der Moderne hierzulande nur eine kleine Lobby. Vor allem die Bauten der 50er haben es schwer, weil sie – im Unterschied zu den 30ern – einerseits das nötige Alter noch nicht ganz erreicht haben, das es für zeitgeschichtliche Wertschätzung braucht und das in der Architektur höher ist als bei Design oder Mode. Andererseits sind die verantwortlichen Architekten, die ihr Werk schützen könnten, anders als bei Gebäuden der 70er und 80er meist schon tot. Und drittens ist da noch die eigenwillige Ästhetik der Nachkriegsarchitektur, die sich „auch Experten nur langsam erschließt“, wie Erich Bernard, Architekt bei BWM und 50er-Jahre-Spezialist erklärt, und die der durchschnittliche Betrachter gern mit „groß, grau und hässlich“ umreißt. Denn der sogenannte Wiederaufbaufunktionalismus schließt zwar direkt an den Stil der Zwischenkriegszeit an, ist aber nicht mehr so anspruchsvoll. Zudem musste es beim Wiederaufbau natürlich schnell gehen, man orientierte sich dafür, so Bernard, an der im Krieg entwickelten Industrialisierung am Bau. Mit dem Ergebnis, dass sich der Gestaltungswillen der Architekten in Details zurückzog. Liebevoll durchdachte Kleinigkeiten wie Türschnallen oder Fensterkonstruktionen, wie sie etwa Oswald Haerdtl fürs Wien-Museum (1958) entwarf, machen 50er-Jahre-Bauten oft besonders und sind gleichzeitig der Grund, warum ihre Sanierungen sehr leicht danebengehen.
Was von der Freiluftschule blieb
Als abschreckendes Beispiel nennt die Architekturhistorikerin Barbara Feller die denkmalgeschützte Sonderschule Floridsdorf. Wilhelm Schütte (Ehemann von Margarete Schütte-Lihotzky) erbaute die Schule (1959–1961) als „Freiluftschule“. Die Idee stammt aus den 30ern und dem Sanatoriumsbau: Mittels Faltglaswänden konnten die Klassenzimmer quasi ins Freie gesetzt werden, was die Gesundheit fördern sollte. Doch bei einer Teilsanierung in den 90ern wurden die Schiebewände entfernt. „Dadurch wurde die gesellschaftspolitische Idee und alles Wesentliche zerstört“, sagt Bernard. Dass Fehler gemacht wurden, bestreitet die Präsidentin des Bundesdenkmalamts Barbara Neubauer nicht. Sie zeigt aber das Dilemma auf, in dem Denkmalschützer stecken. Vor der Energiekrise der 70er wurden nämlich an Wärmedämmung kaum Gedanken verschwendet. Daher sind die Zwischen- und Nachkriegsgebäude energetisch ineffizient, dazu kommt die schlechte Betonqualität: „Anders als bei den ganz alten Bauten hat das Material ein Ablaufdatum“, sagt Neubauer. Fazit: Bei öffentlichen Gebäuden wie Schulen, die stark genutzt werden, entsteht rasch intensiver Sanierungsbedarf.
„Architektengeneration bricht weg“
Beim Sanieren selbst gibt es dann gleich mehrere Probleme: So sind die Techniken der Wärmedämmung auf Neubauten ausgerichtet, wie die Expertin Maja Lorbek in einer Analyse zur Schütte-Schule, in der sie eine architektonisch differenzierte Sanierung vorschlägt, beklagt. Praktiken wie das simple „Einpacken“ von Gebäuden hängen laut Neubauer aber auch damit zusammen, dass es nur finanzielle Förderungen für die hundertprozentige Erreichung der aktuellen energetischen Normen gebe, aber nicht für – architektonisch vertretbare – Annäherungen. Neubauer gesteht aber auch ein, dass Know-how fehlt: „Bei Objekten vor 1900 wissen wir, wie wir damit umgehen“, für spätere hingegen müssten nicht nur technische Kenntnisse für die Sanierung aufgebaut, sondern auch Kriterien für den Schutz definiert werden: „Sonst bricht eine ganze Architektengeneration weg.“ Niederreißen und aufbauen, sagt sie, hätte jedenfalls keinen Sinn. Deshalb habe sich das Denkmalamt auch gegen den Schutz des Afritsch-Heims (1949/50, erbaut von Adolf Hoch) entschieden. Ein Verlust, wie Norbert Mayr, Präsident von Docomomo Austria (Organisation für den Erhalt der Architektur der Moderne) meint. Er betont, dass die öffentliche Hand – das Heim gehört (noch) der Stadt Wien – Vorbild sein müsse, wenn es um die Weiterentwicklung der Bauten der Moderne gehe.
Gelungen ist diese beim Gänsehäufel. Die zarte Sichtbetonkonstruktion wurde nach dem Krieg von Max Fellerer und Eugen Wörle (Eröffnung 1950) gebaut und 2004 aufwendig saniert. Optimistisch blicken Experten auch der Revitalisierung der denkmalgeschützten Opernpassage von Adolf Hoch (1955) entgegen, die – sofern sich die Wiener Linien mit den ansässigen Shopbesitzern einigen –, heuer starten soll. Die Verkehrspassagen sind einerseits ein Beispiel für zeitlose Architektur (das stromlinienförmige Design hat sich als sehr nützlich erwiesen), andererseits dafür, dass eine Idee scheitern und trotzdem funktionieren kann. Denn zwar war mit dem Aufkommen der Radfahrwege das Konzept der Entmischung des Fußgänger-und Autoverkehrs passé. Dafür gab die U-Bahn einigen Unterführungen eine neue Existenzberechtigung.
Nicht auf der Liste: die Stadthalle
Was aber macht man, wenn die Idee von Anfang an nicht so recht funktioniert? Das Problem stellt sich aktuell beim Wien-Museum. Der denkmalgeschützte Haerdtl-Bau litt – durch Einmischung von außen – von Beginn an unter konzeptionellen Fehlern. Nun wird eine Überbauung des Pavillons oder eine Absiedlung des Museums überlegt. Und dann? Vielleicht um derlei vorzubeugen, hat das Bundesdenkmalamt, das mit Jahresende die Liste der geschützten öffentlichen Gebäude komplettiert hat (diese standen zuvor kraft gesetzlicher Vermutung unter Schutz) einen prominenten Bau der 50er gleich gar nicht mitaufgenommen: Roland Rainers Stadthalle (1958): „Das heißt aber nur, dass wir den Bau zuerst genauer analysieren, damit es nachher keine Einsprüche gibt“, sagt Neubauer.
DER ABRISS
■Countdown für den Südbahnhof
Am vierten Jänner, also am kommenden Montag, werden das Bahnhofsareal und die Garage der Abbruchfirma übergeben. Allerdings wird nicht sofort abgerissen. Zunächst müssen der Müll und die Einrichtung weggebracht, Fenster, Türen und Leitungen ausgebaut werden. Die Abbrucharbeiten selbst werden bis Mitte des Jahres 2010 dauern. Insgesamt werden zirka 225.000m3 Material abgetragen. Am schwierigsten wird die Entfernung der unterirdischen Bunkeranlage. Parallel zu dem Abriss wird der Betrieb auf dem provisorischen Ostbahnhof geführt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2010)