Im Sportjahr 2010 wird es allerhand zu sehen geben: Olympische Winterspiele und eine Fußball-WM etwa. Mindestens genauso spannend wird aber sein, was es womöglich nicht zu sehen gibt. Hier ein paar Dinge, auf die wir in diesem Jahr nicht vergessen sollten.
Es wird wohl nicht ohne die eine oder andere schlaflose Nacht im Februar abgehen, wenn die Olympischen Winterspiele in Vancouver mit neunstündiger Zeitverschiebung bei uns eintrudeln – und just die Entscheidung im Short Track der Frauen erst gegen vier Uhr früh unserer Zeit fällt. Oder der Rodeldoppelsitzer. Ein echter Sportfan lässt sich da nicht abschrecken. Live is life. Oder doch: Life is live?
Egal. Die wichtigen Sportereignisse sind vorgegeben. Olympia, Fußballweltmeisterschaft. Diese Events finden statt. Im Fernsehen, im Internet. Natürlich auch in der „Presse am Sonntag“. Aber wir wollen bei aller Euphorie keinesfalls den einen oder anderen kleinen Side-Event außer Acht lassen.
Wenn wir von Olympischen Winterspielen reden, dann nicht nur von jenen 2010, sondern auch von jenen 2006 in Turin. Ja, da war doch noch was! Und irgendwie hat man den Verdacht, dass da etwas still und leise einschlafen könnte. Die Rede ist von der Dopingaffäre. Da gibt es zwar einen Prozess in Italien gegen einige ÖSV-Funktionäre. Aber trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass dieser Prozess nie zu einem Urteil kommen könnte. Da dürfte in der italienischen Justiz mehr gedopt werden, als sich österreichische Wintersportler je haben träumen lassen.
Apropos träumen und Justiz: Der eine oder andere wird sich noch an die österreichische Dopingaffäre erinnern. Im Frühjahr vergangenen Jahres schlug die Soko Doping aufsehenerregend zu. Exmanager, Extrainer und Exsportler saßen sogar in Untersuchungshaft. Lang, lang ist's her. Und seither hat sich kaum mehr etwas in dieser Sache getan. Es herrscht Funkstille.
2009 war im österreichischen Sport das Jahr der großen Ankündigungen. Beim Österreichischen Olympischen Komitee hat es etwa geheißen, man werde die Ungereimtheiten bei der Salzburger Olympiabewerbung aufklären, man werde prüfen, ob jeder Cent an Steuergeld auch wirklich anständig verpulvert wurde. Naja, jetzt muss man sich natürlich erst einmal neu konstituieren. Und dann kommen natürlich die Spiele, da muss man Prioritäten setzen. Aber wann, irgendwann, vielleicht noch in diesem Jahr? Wir bleiben am Ball.
Und schon wieder ein Apropos: Weil im Vergleich zu den Landesfinanzen das Torverhältnis des SK Austria Kärnten ein wahres Erfolgserlebnis ist. Die Frage wird wohl nicht mehr heißen, ob Kärnten absteigt, sondern wer diesen Abstiegskampf leitet: ein Schieds- oder ein Insolvenzrichter? Oder vielleicht fällt in letzter Sekunde der stille, sehr stille Ausgleich?
Ja die Politik und der Sport, das ist in Österreich so eine Sache. Aber es gibt natürlich noch viel Schlimmeres als Politiker im Sport. Nämlich: Sportler in der Politik. (Und die einzige Ausnahme Liese Prokop bestätigt nur die Regel.) Möge zumindest dieser Kelch heuer an uns vorüberschwimmen.
Es wird ein interessantes Sportjahr, keine Frage. Die Welt wird endlich einen Fußballweltmeister bekommen, der auch schönen Fußball spielt. Und die kleine österreichische Sportwelt würde es vielerorts nach dem Jahr der Ankündigungen gern mit dem Spruch aus einer alten Putzmittelwerbung halten: Sehen Sie, Sie sehen nichts mehr.
gerhard.hofer@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2010)