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Gastkommentar

Wie sich die Parteien den PR-Fuzzis auslieferten

Zwischen Consultingsumpf und Coachingblasen: eine abschweifende Nachbetrachtung zur jüngsten Nationalratswahl.

Wer keine Strategie hat, muss zumindest eine PR-Strategie haben oder sich zukaufen. So hat sich in den vergangenen Jahren ein intransparentes System von Beratung, Intrige, Strippenzieherei, Verrat, vor allem auch: Verkauf und Einkauf von brisanten Infos breitgemacht.

Da tummeln sich Wichtigtuer und Bluffer, Obskuranten und Maulwürfe, Spione und Doppelagenten – und auch gar nicht wenige Idioten. Was auffliegt, sind zumeist nur Details, die, wenn sie lediglich kriminalisiert werden, nur bewirken, dass es nach der ritualisierten Empörung lustig und munter wie ehedem weitergeht. Die politische Auseinandersetzung ist zu einer Unterabteilung der PR geworden. Politik, das ist das Leben zwischen dem Consultingsumpf und den Coachingblasen.

Wir erleben das Zurückdrängen und Eliminieren der Parteiapparate, die Abrüstung des Funktionärskorps, deren Ersetzung durch Coaches und Berater, PR-Fuzzis und Einflüsterer. Ihr Beschädigungseifer ist unersättlich. In Wahlzeiten übernehmen ausgesprochen gut bezahlte Leute das Ruder, besetzen die War Rooms und gestalten die Politik. Das kann aufgehen, aber auch schiefgehen.

 

PR-Burlis als die neuen Orks

Manchmal übersteigen die nicht intendierten Effekte die intendierten. Der Topberater Tal Silberstein, dessen Verhaftung in Israel die Krise der SPÖ so richtig zuspitzte, ist ein Wahlkämpfer der Sonderklasse. Jahrelang galt er als Garant – nicht nur – sozialdemokratischer Wahlerfolge.

War Rooms,die streckenweise unter Ausschluss der Parteispitzen agierten, sind zu Selbstbeschädigungsstätten geworden. Eigensinn und Illoyalität, Geldgier und Gerissenheit interagieren wie in schlechten Filmen. Keine Verschwörungstheorie reicht an diese Verschwörungspraxis heran. Bezahlte Krieger fungieren als Prätorianer der Partei. Niemand hatte sie unter Kontrolle. Wenn etwa die SPÖ Facebook spielt, dann erinnert es entfernt an Kafkas „In der Strafkolonie“. Dort erklärt ein Offizier detailreich eine Hinrichtungsmaschine, in die er zuletzt selbst gerät.

Unter Kampagne versteht heute kaum jemand noch die Mobilisierung der Mitglieder und Sympathisanten für bestimmte Ziele.Man versteht darunter PR-gestylte Inszenierungen in den medialen Supermärkten. Man zieht nicht selbst in den Kampf, sondern lässt ihn führen. Söldner der Kulturindustrie stehen am Krankenbett der Politik und pumpen Partei wie Publikum mit Drogen voll. Zwischendurch ist man ganz high. Geht etwas daneben, ist es blöd gelaufen. Dann wird der Magen ausgepumpt, die notwendige Darmspiegelung live übertragen und auf allen Sendern kommentiert.

Statt träger Parteisekretäre (oft gegendert) sitzen bestbezahlte und schwer munitionierte PR-Burlis (meist ungegendert) an den Schalthebeln und geben es sich kräftig. Wie Orks laufen sie durch die virtuellen Welten. So gesehen ist das kein „erbärmliches Schauspiel“, sondern so werden die Wahlkämpfe der Zukunft ausschauen, nicht nur hierzulande. Die Parteien werden bloß den Schluss ziehen, dass neben der Spionage mehr in die Spionageabwehr investiert werden muss.

Der Typus des Funktionärs wurde durch den des Hasardeurs ersetzt. Die mittlerweile zusammengestauchten Apparatschiks waren meist loyal, diszipliniert wie solidarisch. Man konnte sich auf sie verlassen, ihr Engagement war (so altbacken es erscheint) integer, von kleinen Spritzen Vitamin P abgesehen. Dieser Protektionismus hielt sich aber meist in amikalem und erträglichem Rahmen. Ihr Gemüt ist der Gerissenheit der PR-Fuzzis und sonstiger Abstauber in jeder Hinsicht vorzuziehen. Man kann ihnen die Hand geben, ohne picken zu bleiben.

 

Rudolf Fußi statt Fritz Marsch

Was denkt sich die SPÖ eigentlich, wenn man Leute besoldet, die vorab schon für ÖVP, Neos, Stronach oder Lugner unterwegs gewesen sind? Dass das besonders flexible Kerlchen sind? Ein Rudolf Fußi wurde doch nicht angeheuert, weil er so clean, so untückisch und unrüde ist, oder? Wer einen Fritz Marsch etwa durch einen Rudi Fußi ersetzt, hat einen Vogel, aber keinen schrägen, sondern einen groben. Oder wurde der gar nicht als Schlammcatcher engagiert?

Die Dessous der Macht sind nur mächtig, solange sie nicht aufgedeckt werden. Alsdann erweisen sie sich als stillos, wirken grauslich und peinlich, letztlich lächerlich.

Wir erleben eine Enteignung der Partei durch die Auslieferung an PR-Abenteurer. Die Mischung aus verwaisten Parteizentralen und eingekauften Schlitzohren ist hochexplosiv. Dass die Kern-SPÖ die Kurz-ÖVP heftig verunglimpfen wollte, steht außer Zweifel. Dass sie dabei ihrerseits von der ÖVP gelegt wurde, ist sehr wahrscheinlich. Aber was hilft es weiter? Der investigative Zauber stiftet oft mehr Verwirrung als Klärung.

 

Das „Kotmeer“ im Internet

Zu analysieren wäre ein gesellschaftliches Symptom anstatt Ereignisse zu kriminalisieren und sich mit gegenseitigen Klagen einzudecken. Leaken, liken oder linken führen nicht aus dem Sumpf, sondern erweitern seine Zone. Die Schlacht der Schmutzkübel erreicht so nur neue Höhepunkte.

Doch was steht an? Das Kreieren von Claqueuren, die Erzeugung aufgeputschter Fans, kurzum die Reduzierung der Kommunikation auf das Niveau persönlichen Hasses und serieller Kalauer. Hetze pur, man denke nur an die minderbemittelten Kotzkohorten in der Postingszene. Auf dass der Pegel des „Kotmeeres“ (Karl Kraus) steige, sprengten die Stoßtrupps der Parteien ihre Kläranlagen. Und zu allem Überfluss gelangt die politische und mediale Schlammschlacht jetzt auch noch als juristische Parodie vor den Bezirksgerichten zu einem Nachspiel.

The „democratic circus“(David Byrne) inszenierte gerade einen absolut abstoßenden Tiefpunkt. Zwischen ÖVP und SPÖ sprechen die Gedärme. An allen Orten stinkt es kräftig, und selbst die kleinen Oppositionsparteien sind dabei umgekommen, die Grünen vorerst und die Neos fast. So haben Kern und Kurz (ganz ohne Strache) den schmutzigsten Wahlkampf der Zweiten Republik hingekriegt. Wir leben in der Epoche der Latrinenhaubitzen.

 

Wie Gladiatoren in der Arena

In der Alpenrepublik wurde das System campaignisierender Olympischer Spiele regelrecht hochgezüchtet. Ständiges Kujonieren ist sein Kennzeichen. Dies alles aber den Politikern anzuhängen, wäre indes zu kurz gedacht. Die Absender haben viele Adressaten, die regelrecht danach gieren. So fällt dieser politische Kot, bereitwillig transportiert durch alle Kanäle der Kulturindustrie, auf fruchtbaren Boden. Wer meint, die Parteien seien schuld an dieser Entwicklung, hat einen drittklassigen Faktor erkannt, nicht mehr.

Da treibt man die Kandidaten Gladiatoren gleich in unzählige Duelle und beschwert sich danach, dass sie sich in der Arena als solche verhalten. Auf jeden Fall weiß niemand, wie diese Dynamik aufzuhalten respektive wie lang sie noch auszuhalten ist. Politik übt sich zusehends im semifinalen Crash, wobei niemand sagen kann, wie der aussieht oder ausgeht.

DER AUTOR

Dr. Franz Schandl (* 1960 in Heidenreichstein) studierte Geschichte und Politikwissenschaft an der Universität Wien, lebt dort selbst als Publizist. Zahlreiche wissenschaftliche und journalistische Veröffentlichungen im In- und Ausland. Er ist Herausgeber der Zeitschrift „Streifzüge“:
www.streifzuege.org.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2017)