Der Papst, Kardinal Schönborn - und der Islam

Papst Franziskus
Papst FranziskusReuters

Franziskus soll in kleinem Kreis von Österreichern bei einer Privataudienz vor »falsch verstandener Toleranz« im Umgang mit dem Islam gewarnt und Kritik an Kardinal Schönborn geübt haben. Hat er recht?

"Profil“ ist, gleich vornweg gesagt, ein ernsthaftes Magazin, das Erfundenes nicht als Nachricht verkauft. Wenn daher in der ab heute verfügbaren neuen Nummer berichtet wird, Papst Franziskus habe erklärt, zur Islamisierung einen anderen Zugang als Kardinal Christoph Schönborn zu haben, dann ist das zumindest einmal einer Erwähnung wert.

Knapp vor der Nationalratswahl soll sich der Bischof von Rom in kleinem Kreis von Österreichern bei einer Privataudienz dann noch gegen „falsch verstandene Toleranz“ ausgesprochen haben. Dem Papst bereite weniger die Ausbreitung des Islam die größte Sorge als das Fehlen des „Missionarischen“ in der Debatte und die indifferente Haltung der Katholiken zu deren Glauben.

Nochmals: Das ist zumindest interessant und auch auf den zweiten Blick nicht abwegig. Der Papst hat diese seine Einschätzung nicht als oberste Lehrautorität ex cathedra, sondern offenbar bei einem als privat verstandenen Gespräch getroffen, dessen Inhalt nun publik wird. Ähnliches soll schon vorgekommen sein. Dass Franziskus (trotzdem) Kardinal Schönborn schätzt, dafür existieren mehrfache Hinweise, nicht zuletzt jener, dass der Wiener Erzbischof das aufsehenerregende päpstliche Lehrschreiben über die Liebe, „Amoris laetitia“, im Vatikan der Weltöffentlichkeit vorstellen durfte. Wichtiger aber als die Frage, ob Schönborn – als Kardinal gleichsam lebenslang pragmatisiert – ein wie hohes Vertrauen des Nachfolgers Petri besitzt, ist aber die Frage: Hat das Oberhaupt der Katholiken recht?

Der erste katholisch gelernte Reflex mag lauten: Jawohl. Der Papst hat immer recht. Lassen wir beiseite, dass in Weltgegenden, die Rom geografisch so fern nicht sind, der erste Reflex häufiger lautet (oder gelautet) hat: Der Papst hat unrecht. Genug, in einem Punkt hat er jedenfalls recht: Was den sogenannten Glaubensvollzug betrifft, also beispielsweise, wie selten Messen besucht werden, erweisen sich Österreichs Katholiken als, päpstlich-charmant ausgedrückt, indifferent. Auch Umfragen darüber, woran Getaufte so glauben, lassen das Land nicht als Hort von Hardcore-Katholiken erscheinen. Freilich, freilich, da ist Österreich kein Einzelfall. Mit dem Islam hat dies alles aber rein gar nichts zu tun.

Die Bischöfe wissen um die Umstände. Wie es die Fügung will, ist heute nicht nur das „Profil“, sondern auch ein Hirtenbrief erschienen. Ob sich akkurat eine Woche nach der Wahl die Bischöfe zur Regierungsbildung äußern? Aber geh! Das Schreiben hat den Sonntag der Weltmission (was heißt, Sie kennen ihn nicht?) zum Inhalt. Da wird Geld für die jungen Kirchen gesammelt. Dass Österreich zum Missionsland geworden ist, in dem Priester aus früheren Missionsländern wirken, sprechen die Bischöfe an. Die Gelegenheit, Vorschläge zu einem Turnaround zu machen, lassen sie verstreichen. Schade. Sie hätten die Papstaussage falsifizieren können.