Die Amish werden in den USA wegen ihrer beharrlichen Standhaftigkeit als kulturelles Phänomen bestaunt. Allmählich setzt die Erosion ihrer hermetischen Welt ein.
Weiß ragen die Silos über die Kuppen, rote Scheunen schmiegen sich in die wellige Landschaft von Lancaster County. Vor den schmucken, aber schlichten Farmhäusern im Westen Pennsylvanias flattert die Wäsche in erdigem Braun, gedecktem Grau und in Schwarz. Und die Jalousien sind in Dunkelgrün gehalten. „Daran erkennt man, dass hier Amish leben“, sagt Ada Fisher mit Kennerblick. Sie ist mit 13 Geschwistern in einem Amish-Haushalt aufgewachsen und mit ihren 83 Jahren noch immer stolz auf ihren Mädchennamen Stoltzfus.
Die Stoltzfus sind eine der Gründerfamilien der Amish-Kolonie in den USA. So wie Generationen vor ihr pflegt Ada das „Pennsylvania Dutch“: jenen deutschen Dialekt, den ihre Vorfahren zu Beginn des 18. Jahrhunderts aus Südwestdeutschland, dem Elsass und der Schweiz in die neue Welt mitgebracht haben – ein für heutige Ohren altertümliches „Deitsch“.
Mittlerweile sind die über den Mittelwesten der USA und die kanadische Provinz Ontario verstreuten Amish-Gemeinden auf 230.000 Menschen angewachsen. In den letzten 20 Jahren haben sich die fortpflanzungsfreudigen Fortschrittsgegner, die sich mit einer trotzigen Standhaftigkeit der modernen Zivilisation entgegenstemmen und Elektrizität als Luxus verteufeln, in manchen Gegenden beinahe verdoppelt. Sechs bis acht Kinder pro Familie sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die hermetisch abgeschlossene Welt, in der sie sich bewegen, hat sie zum kulturellen Phänomen werden lassen – und zum Forschungsobjekt medizinischer Studien, weil sie durch die Legitimation von Ehen unter Cousins zweiten Grades oft genetische Defekte aufweisen.
Gemächliches Tempo. Äußerlich hat sich für die Amish im Lauf der drei Jahrhunderte nicht viel verändert. Ihre Mitbürger sind immer noch die „Engländer“, obwohl die sich vor mehr als 230 Jahren vom Mutterland abgenabelt haben. Mag die Welt sich immer schneller drehen: Die Amish versuchen nach Kräften, Lebensrhythmus und gemächliches Tempo beizubehalten, die sich in einer Pferdestärke bemisst. Sei arbeitsam und lebe gottgefällig, lautet das Credo der strenggläubigen Pazifisten, die ihre Kinder selbst unterrichten und sie nach acht Schulstufen streng geschlechtsspezifisch ins Leben entlassen: die Buben in die Arbeit auf dem Hof, die Mädchen in den Haushalt. Als Volljährige entscheiden sich 90 Prozent allen weltlichen Verlockung zum Trotz, mit ihrer Taufe die Amish-Tradition fortzuführen.
Als entsprängen sie einer Filmkulisse, klappern sie in ihren grau-schwarzen Pferdebuggys, den einspännigen Kutschen, über die Landstraßen. Die Männer mit ihren Bärten, Strohhüten und Hosenträgern; die Frauen in schmucklosen Kleidern und Häubchen, wie sie auch Ada trägt. Nach ihrer Hochzeit hat sie sich von der rigiden Ordnung ihrer Familie losgesagt und ist der liberaleren Glaubensrichtung der Amish-Mennoniten beigetreten. Zusammen mit ihrem Mann bäumte sie sich gegen das starre Korsett auf. Der Einfachheit des Lebensstils kann sie noch heute viel abgewinnen. „Wenn es finster ist, ist es eben finster“, beschreibt sie mit trockenem Humor die Natur der Dinge. „So ist das nun einmal.“
Angelockt von Filmen wie „Der letzte Zeuge“ werden die Amish wie in einem Freiluftzoo von den Touristenscharen bestaunt, die sich auf den Straßen stauen und in Busladungen in kleinen Ortschaften wie Bird-in-Hand, Intercourse, Paradise oder New Holland einfallen. Geduldig, einsilbig und ein wenig misstrauisch lassen die Amish die Invasion der Neugierigen über sich ergehen, die in jedem Winkel stöbern und trotz der deklarierten Abneigung der Amish nach Fotos heischen. Inzwischen leben sie zu einem Gutteil vom Tourismus und immer weniger von der Landwirtschaft. In zu Verkaufsmärkten umfunktionierten Scheunen stapeln sich wie zu Uropas Zeiten Quilts und Schaukelstühle, für die die handwerklich geschickten Amish weithin bekannt sind. Die Regale biegen sich vor Kunsthandwerk, vor Kuchen und eingelegtem Obst, garniert mit frommen Lebensweisheiten. Augenzwinkernd sagt Ada: „Keine Sorge, sie akzeptieren auch Kreditkarten.“
Einer für alle. Die Riehls haben den Pragmatismus zum Prinzip erhoben. Hinter der Ladentheke stehen Mutter Riehl und ihre Töchter und hantieren an einer elektronischen Kassa. Draußen verrichtet Samuel Riehl Feldarbeit, und der jüngste Sohn flitzt mit dem Roller ums Gehöft – barfüßig bis weit in den Herbst hinein. Am Rand des Maisfelds steht eine Telefonzelle: ein Fernsprecher für die ganze Gemeinschaft, für Notfälle und geschäftliche Kontakte.
Bei der Ernte in Lancaster County packen alle mit an. Doch die Landwirtschaft wirft zu wenig Ertrag ab. Immer mehr Amish-Männer sind gezwungen, fern von Haus und Hof ihr Brot zu verdienen, was das familiäre Gefüge ins Wanken bringt. Als wirtschaftlicher Faktor wachse den Frauen eine stärkere Rolle zu, erklärt der Amish-Forscher Donald Kraybill vom College im nahen Elizabethtown. Durch den vermehrten Kontakt mit der Umwelt und die Notwendigkeit zum Einsatz von Technologie drohe eine Erosion der althergebrachten Werte. „Der Wechsel vom Farmer zum Kleinunternehmer ist eine kleine industrielle Revolution – für die Amish der dramatischste Wandel seit ihrer Emigration.“
Von Fall zu Fall ringen die Amish-Gemeinden darum, wie viel Öffnung sie zulassen sollen, ohne den Kern aufzugeben. Solange jedoch ein ausgewachsener Bub an einem strahlenden Samstagnachmittag den Buggy für die sonntägliche Ausfahrt zum Messgang poliert, scheint die festgefügte Amish-Welt noch intakt. „Oh Boy“, entfährt es Ada Fisher in einem Ton heller Entzückung. „Warum soll das nicht noch 300 Jahre andauern?“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2010)