Ausstellung: „Ein Stück Kulturgeschichte!“

Populäre Druckgrafik für Kinder: Bilderbogen aus der Wiener Werkstätte um 1907.
Populäre Druckgrafik für Kinder: Bilderbogen aus der Wiener Werkstätte um 1907.(c) Katalog
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Friedrich C. Heller zeigt seine Sammlung der „Buchkunst für Kinder“ aus Wien um 1900 im MAK. Auch heute gibt es künstlerisch spannende Literatur für Kids.

Eigentlich sind Sie ja Musikwissenschaftler – wie kamen Sie zu Kinderbüchern?

Friedrich C. Heller: Mit meiner Emeritierung an der Musikhochschule bin ich „ausgestiegen“ und habe mir als Forscher eine zweites Terrain eröffnet, das ich als Sammler schon sehr lange kenne. Ich sammle seit meiner Studienzeit, seit über 50 Jahren, illustrierte Kinderbücher. Literatur gab es darüber keine, also begann ich, sie selber herzustellen, vor allem über die Zeit, die mich am meisten interessiert, vom späten 19.Jahrhundert bis heute. Das ist mein Altersberuf geworden, ich halte Vorträge, publiziere, kuratiere Ausstellungen, sammle – vor allem in Deutschland, in Berlin, wo ich neben Wien seit sieben Jahren lebe.

In Berlin stoßen Sie mit Ihrem Forschungsgebiet auf mehr Resonanz. Warum?

Heller: Die Wiener interessieren sich nicht sehr für Kinderbücher, das beginnt erst. Aber die Staatsbibliothek zu Berlin hat die allergrößte Kinder- und Jugendbuchsammlung einer öffentlichen Einrichtung in Deutschland, über 250.000! Das ist ein Erbe der DDR, diese Abteilung wurde in der Ostdeutschen Staatsbibliothek ganz bewusst begonnen und hat im Lauf der DDR-Geschichte immer mehr Bestände lokaler Bibliotheken übernommen.

Die Texte, Inhalte der Kinderbücher haben Sie ja nie besonders interessiert, sagen Sie. Im MAK heben Sie jetzt das Wiener Kinderbuch künstlerisch hervor. Was macht gerade Wiener Kinderbücher so speziell?

Heller: Wien war um 1900 wirklich ein Zentrum junger Kunst, und die berühmten Secessionskünstler haben sich auch speziell dem Schaffen von Kunstobjekten für Kinder gewidmet. Nimmt man den eng begrenzten Zeitraum von 1895 bis 1914, sind in Wien besonders viele qualitativ besonders bemerkenswerte Kinderbücher erschienen. In Deutschland hat es das auch gegeben, aber nicht so in einer Stadt konzentriert.

Täuscht der Eindruck, dass Illustrationen in Kinderbüchern damals künstlerisch um einiges gewagter waren als heute?

Heller: Ja, sie waren im Vergleich zur sonstigen Bildproduktion avancierter, auf der Höhe ihrer Zeit. Zum Teil waren die besten jungen Grafiker ihrer Generation tätig. Allerdings gibt es auch heute sehr avancierte Bilderbücher, die nur nicht mehr in normalen Buchhandlungen aufliegen. Cindy Sherman etwa hat ein Märchen illustriert, nicht „schön“, eher schrecklich. Oder Lawrence Weiner. Vom ihm stammt „Something to Put Something on“ (Little Steidl) mit ganz wenigen Textzeilen in Blockschrift, mit ganz klar umrissenen geometrischen Figuren, in Rot, Gelb, Blau gedruckt, auf wunderbarem Papier. Ich habe eine neue Sammlung nur mit Kinderbüchern, illustriert von zeitgenössischen Künstlern, begonnen.

Das ist aber die Ausnahme. Früher war es eher die Regel. Wieso klafft zeitgenössische Kunst und (Kinder-)Buchillustration heute so auseinander? Wollen Kinder in den Büchern heute nur das wiedersehen, was sie aus dem TV kennen?

Heller: Sicher hängt das mit den bewegten Medien zusammen – Fernsehen, Computerspiele prägen nun einmal die visuelle Erfahrungswelt der Kinder, die zuungunsten der statischen Bilder ausgehen kann, nicht muss. Wenn aber Erwachsene mit Kindern in einem Buch blättern, kann man ihnen alles vorsetzen. Aber es braucht Zuwendung! Außerdem ist das Bilderbuch heute in einer schwierigen Marktsituation angesiedelt, es wird als Konsumprodukt auf den Markt geworfen, muss sich verkaufen. Umso mehr bewundern muss man kleine Verlage, die sich trotzdem wagemutig auf künstlerische Kinderbücher einlassen. In Frankreich etwa gibt es seit 1949 ein Gesetz, das Publikationen für Kinder und Jugendliche ausdrücklich fördert, und davon profitieren vor allem solche Verlage. Ich komme immer mit einem ganzen Stoß Bilderbücher aus Frankreich zurück.

Sie haben extra betont, die Ausstellung im MAK nicht speziell für Kinder gestaltet zu haben, weil Sie möchten, dass Kinderbuchillustration als eigene Kunstform ernst genommen wird. Wäre nicht beides gegangen?

Heller: Wenn man die Ausstellung für Kinder gemacht hätte, hätte man die Vitrinen tiefer hängen, eine Spielecke einrichten müssen. Aber ich wollte klarmachen, dass es sich hier um Buchkunst handelt und das ernst genommen werden muss. Ich kann ihnen das nur anhand einer Anekdote erklären: Erstens einmal kommen immer wieder Leute zu mir, die sagen, zu Haus „a paar Märchenbiacheln“ zu haben, das ist typisch! Und als ich an meinem großen Buch über Kinderbücher in Wien gearbeitet habe, fragte mich tatsächlich eine Kunsthistorikerin: „Wann kommt denn dein Märchenbuch heraus?“ Das Verhältnis von Kunsthistorikern zu Illustration und Kinderbuchillustration im Speziellen ist überhaupt sehr gebrochen. Deswegen war es eine wunderbare Gelegenheit, im MAK diese Ausstellung zu machen. Nehmt endlich einmal zur Kenntnis – das ist ein Stück Wiener Kulturgeschichte! Die bis jetzt nicht beachtet wurde.

Bei der Ausstellung „Klimt und die Kunstschau 1908“ im Belvedere war Kinderbuchillustration aber sehr wohl auch vertreten.

Heller: Ja, ein paar Sachen, zum Teil falsch beschriftet. Man hätte viel mehr und viel Schöneres zeigen können. Es hat damals auf der Kunstschau zwei ganze Räume gegeben, die genau diesem Thema gewidmet waren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2010)

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