Die Wirtschaftskrise hat die Bilanz der heimischen Betriebsansiedlungsagentur ABA deutlich geprägt. Viele Projekte scheiterten an der mangelnden Finanzierung. Heuer sieht die Ausgangslage nicht so schlecht aus.
Wien. „Das Sturmtief ist vorbei, aber es bleibt wechselhaft, von einer stabilen Schönwetterlage kann noch keine Rede sein.“ Rene Siegl, Chef der staatlichen Betriebsansiedlungsagentur Austrian Business Agency (ABA), hat Erfahrung mit Krisen: Als nach den Terroranschlägen in New York 9/11 weltweit die Angst vor weiteren Attentaten die Wirtschaftslage drückte, verließ viele Unternehmen der Mut zu expandieren. Die Zahl der Betriebsansiedlungen halbierte sich von 2001 auf 2002 nahezu.
Ein ähnliches Bild zeigt das abgelaufene Jahr: Die Zahl der Ansiedlungen fiel von 256 auf 158 – was dennoch eine positive Überraschung war, „weil es das drittbeste Ergebnis in der 27-jährigen ABA-Geschichte ist“, so Siegl. Beim Investitionsvolumen und den neu geschaffenen Arbeitsplätzen zeigt sich allerdings, wie massiv die Krise zugeschlagen hat: Ausländische Unternehmen haben im Vorjahr 83,11 Mio. Euro in Firmen in Österreich investiert, im absoluten Rekordjahr 2008 war es mit 425,86 Mio. Euro mehr als viermal so viel. Die Zahl der Arbeitsplätze fiel von 2442 auf 968. „Es wurden nur Klein- und Kleinstprojekte realisiert“, sagt Siegl. Betriebsansiedlung sei ein „konjunktursensibles“ Geschäft. Nur ein einziges Vorhaben – ein Hotel im Tiroler Alpbachtal – hatte ein Volumen von sechs Mio. Euro. Der Investor kommt übrigens aus Russland.
Finanzierung fehlt
Für diesen erheblichen Rückgang war aber nicht nur der Mangel an unternehmerischem Mut verantwortlich, obwohl natürlich die Psychologie eine große Rolle spielt. „Vielen Firmen fehlte einfach die Finanzierung“, verweist der ABA-Chef auf die Kreditklemme. Bei etlichen Anfragen aus Deutschland habe es geheißen: „Wenn Sie mir eine Finanzierung in Österreich aufstellen, dann kommen wir.“
Nach Deutschland (die Nachbarn haben hierzulande nur mehr halb so viele Firmen gegründet wie 2008) ist Osteuropa – und da wiederum Russland – die zweitgrößte Herkunftsregion und hat Italien überrundet. Die Russen kommen also nicht nur als Touristen nach Österreich und sorgen damit für eine gute Auslastung von Hotels und Restaurants, sondern auch als Investoren? „Wir genießen große Sympathie in Russland, außerdem hilft uns die Osteuropakompetenz“, erklärt Siegl. Gegenüber Deutschland kann Österreich zudem mit niedrigeren Unternehmenssteuern punkten. „Bei den Steuern stehen wir im unmittelbaren Wettbewerb zur Schweiz.“ Die Russen investieren nicht nur in Tourismusprojekte, sondern gründen auch Handelsfirmen, wobei Rohstoffe im Vordergrund stünden. „Das bringt nicht so viele Jobs, aber umso mehr Steuerleistung.“
Zukunftsmarkt BRIC-Staaten
Die sogenannten BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) sind generell Zukunftsmärkte für die Betriebsansiedler. Diese riesigen Märkte bilden schon seit einigen Jahren keine „Einbahnstraße“ – nicht nur österreichische Unternehmen exportierten dorthin bzw. gründeten eigene Produktionen. In einem „Hochlohnland“ wie Österreich wird Know-how gesucht. Immerhin: Auch im Krisenjahr 2009 kam schon für vier Firmengründungen das Geld aus Brasilien.
West-Ost-Brückenkopf
Abgesehen von niedrigen Unternehmenssteuern, gut ausgebildeten Fachkräften und hoher Lebensqualität könne Österreich auch als Brückenkopf zwischen West und Ost punkten, meint Siegl. Die Ansiedlung von Headquarters sei daher auch einer der drei Schwerpunkte für das laufende Jahr. Die anderen beiden: Österreich soll als Forschungsplatz bekannt gemacht werden – „dafür haben wir 1,8 Mio. Euro zusätzliches Budget bekommen“. Außerdem wolle man Firmen anlocken, die Lücken in Wertschöpfungsketten schließen können. Derzeit werde gerade in Zusammenarbeit mit den Bundesländern eine Bedarfsanalyse erstellt. Alle diese Bemühungen peilen auch die Schaffung hochwertiger Arbeitsplätze an.
Generell ist die Ausgangslage nach dem Krisenjahr 2009 nicht schlecht: „Wir gehen mit einem Höchststand von 706 laufenden Projekten ins neue Jahr“, sagt Siegl. Viele Projekte seien schon 2008 gestartet, aber dann auf Eis gelegt worden. Durchschnittlich dauert es von einer Erstanfrage bis zur Realisierung zwölf bis 18 Monate. Jetzt hofft Siegl, dass sich die bessere Stimmung in einigen Branchen auch auf die Investitionsfreudigkeit positiv niederschlägt. „Die Erstanfragen, die immer ein guter Frühindikator sind, ziehen aus einigen Ländern schon wieder an.“ Wenn sich diese positive Tendenz fortsetzt, dürfte der ABA-Chef mit seiner Erwartung einer „substanziellen Verbesserung des Investitionsvolumens“ nicht falsch liegen.
AUF EINEN BLICK
■Die Wirtschaftskrise hat die Bilanz der heimischen Betriebsansiedlungsagentur ABA deutlich geprägt. Viele Projekte scheiterten an der mangelnden Finanzierung.
■Heuer sieht die Ausgangslage nicht so schlecht aus, 706 Projekte hat die ABA in ihrer Pipeline. Ein Drittel bis ein Viertel der Investitionsvorhaben wird in „normalen“ Zeiten realisiert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2010)