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Helmut Draxler: „In der Wirtschaft gibt es zwei Geschwindigkeiten“

(c) Clemens Fabry
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Ex-ÖBB- und RHI-Chef Helmut Draxler warnt im Gespräch mit der "Presse" vor der Trägheit des staatlichen Sektors. In der Wirtschaft sieht er einen weltweiten Kampf um die besten Talente kommen.

Die Presse: Sie haben die staatliche und die private Wirtschaft kennengelernt. Was ist der große Unterschied?

Helmut Draxler: In der öffentlichen Wirtschaft ist man immer in der Nähe der Politik – ob man will oder nicht. Da ist es nicht immer leicht, im Interesse des Unternehmens zu agieren.


Wie sehr hemmt das?

Draxler: Das hemmt schon, weil man auf viele andere Aspekte Rücksicht nehmen muss, während man bei einem börsenotierten Unternehmen Richtung Wertsteigerung orientiert ist. Wenn es beispielsweise um Postenbesetzungen geht, sind im öffentlichen Bereich parteipolitische Einflüsse da. Beim börsenotierten Unternehmen werden die besten Leute genommen, die man bekommt.


Dem parteipolitischen Einfluss kann man sich nicht entziehen?

Draxler: Sicher nicht. Welche Gruppierung auch immer Shareholderfunktionen ausübt, es gibt politische Einflüsse – was nicht immer zum Vorteil der Unternehmen ist.

Welchen Eindruck haben Sie von den Politikern gewonnen?

Draxler: Da habe ich sehr unterschiedliche Persönlichkeiten kennengelernt. In der Zeit meines Bahn-Engagements hatte ich fünf Verkehrsminister. Da gab es sehr unterschiedliche Fähigkeiten, Interessen und Bildungsgrade. Das ist nicht immer ganz einfach. Da muss man sich halt anpassen. Aber es ist auch gut, wenn man nicht alles schluckt, sondern eine gerade Linie hat. Ich war auch mit einigen Ministern nicht immer einer Meinung – etwa bei den großen Bauprojekten wie dem Koralmtunnel oder bei den Nebenbahnen.

 

Also eher ein negatives Resümee?

Draxler: Man kann nicht alles über einen Leisten schlagen. Ich habe auch tolle Partner gehabt, die von Projekten, von der großen Vision eine Ahnung hatten. Und ich hatte große Rückendeckung von Bundeskanzler Vranitzky, auch in den nicht ganz leichten Arbeitskonflikten. Wir haben ja über 20.000 Leute abbauen müssen.

 

Hätte es Sie gereizt, selbst einmal Verkehrsminister zu werden?

Draxler: Nein, Politik ist nicht meine Sache. Für das wäre ich völlig ungeeignet. Ich bin ein sehr geradliniger, offener Mensch, der nicht sehr konsensfähig ist. Diese ganzen Rücksichtln und Hinsichtln in der Politik, das ist nicht meine Welle.

 

Hätten Sie sich gewünscht, eine privatisierte Bahn führen zu können?

Draxler: Ja, sicher. Alles, was in einem Wettbewerb steht und bei dem der Staat als Shareholder nicht direkt eingreifen muss, ist sicher sinnvoll. Das gilt für die Bahn in Teilbereichen. Ich glaube nicht, dass die Infrastruktur jemals privat zu führen ist. Der Pendlerbereich und die Nebenbahnen werden immer das Sorgenkind sein. Aber ist es unbedingt notwendig, dass der Staat eines der größten Logistikunternehmen führt? Die große Cashcow sind der Personenfernverkehr und vor allem der Cargobereich. Da hat die jetzige ÖBB-Führung die richtige Vision. Aber wenn ich mir die Kritik erlauben darf: Nach meinem Abgang hat es da einen ziemlichen Bruch gegeben, und man hat es in eine andere Richtung getrieben. Der Herr vorm Walde (Anm: Draxlers Nachfolger als ÖBB-Chef) war nicht gerade sehr marktnah.

 

In der privaten Wirtschaft läuft auch nicht alles optimal, wie die gegenwärtige Krise zeigt.

Draxler: Ja, aber im privaten Bereich reagiert man mit einer ganz anderen Geschwindigkeit. Natürlich gibt es auch dort Probleme, keine Frage. Aber die Kostensenkungsprogramme greifen sehr rasch. Im staatlichen Bereich geht alles sehr träge. Da haben die Gewerkschaften eine andere Rolle, die Entscheidungsträger sind anders strukturiert, Entscheidungen dauern viel länger.

 

Die reine marktwirtschaftliche Lehre sagt, dass man Unternehmen in der Krise nicht stützen, sondern sterben lassen soll.

Draxler: Das wäre auch richtig. Es gibt zu viele Banken, es gibt zu viele Automobilfirmen. Wenn die nicht wettbewerbsfähig sind, wird der Markt das bereinigen müssen. Die aktuelle Hilfe des Staates ist eine Art Brückenfunktion, bei der der Staat schaut, ob die Firmen die Chancen im Wettbewerb wahrnehmen können. Aber wenn mittel- und längerfristig das Produkt nicht stimmt und nicht vom Markt akzeptiert wird, dann muss sich das bereinigen. Und das wird auch kommen. Man kann nicht irgendwelche Institutionen jahrzehntelang durchfüttern.

 

Das gilt auch für Banken?

Draxler: Selbstverständlich. Wenn sie keine wettbewerbsfähigen Produkte haben oder in Skalenprobleme hineinkommen, weil sie zu klein sind, haben sie auf dem Markt nichts verloren. Irgendwann kommt der Crash, und dann tut es noch mehr weh, als wenn man zur rechten Zeit die richtigen Schritte setzt.

Wie ist Österreich im Wettbewerb aufgestellt, beispielsweise vom Bildungssystem her?

Draxler: Wir sind von der steuerlichen Seite her nicht so schlecht aufgestellt. Da ist Österreich nicht unattraktiv. Was die Human Resources betrifft, hat sich einiges verbessert, das war früher nicht so leicht – von der Mobilität und der Sprache her. Engpässe gibt es bei hochausgebildeten Technikern. Da müssen die Technischen Universitäten viel mehr machen. Es gibt Länder, die in der Ausbildung sehr viel weiter sind als Österreich. Von der Bildungsseite her wird es langfristig einen weltweiten Kampf um Talente geben.

 

Das Match um Talente bedeutet, dass es auch gezielte Einwanderung wird geben müssen?

Draxler: Das wird sicher nicht nur einen nationalen Fokus haben können. In der langfristigen Perspektive wird Europa in eine gewisse Stagnation kommen. Es wird große Verschiebungen nach Brasilien und Asien geben. Das sieht man jetzt schon. Ich glaube auch, dass wir nie wieder so eine Vollbeschäftigung und hohe Kapazitäten haben werden wie vor der Krise. Die europäischen Konzerne, die überleben, werden Wertschöpfung großteils anderswo machen. Da wird es ein radikales Umdenken geben müssen.

 

Derzeit haben wir eher den Konsens, dass wir Zuwanderung abwehren müssen.

Draxler: Wenn man auf die geistigen Potenziale schaut, die man benötigt, wird man umdenken müssen. Das wird ähnlich sein wie in den USA: Die sind auch sehr restriktiv in ihrer Zuwanderungspolitik. Aber für Topmanager und Topwissenschaftler öffnen sich die Türen. Wo es zum Vorteil der Volkswirtschaft ist, sind sie offen. Das wird es auch für Europa geben. Und man darf nicht unterschätzen: Die größten Potenziale sind im asiatischen Bereich. Die Leute sind nicht weniger intelligent als die Europäer. Wenn ich mir China oder Indien anschaue: Da kommt Topqualität aus den Universitäten heraus.

 

Und Österreich ist auf diesen weltweiten Wettbewerb auch vorbereitet?

Draxler: Ein Problem sehe ich schon: Es gibt zwei Geschwindigkeiten. Wenn man sich die Lohnentwicklung im privaten Sektor in den letzten Jahren anschaut, war die Steigerung eigentlich immer geringer als im geschützten Sektor. Wenn die Metaller ein Prozent mehr bekommen, bedeutet das für die Firmen durch interne Struktureffekte ein Plus von 1,2 oder 1,3 Prozent. Im geschützten Sektor kostet ein Prozent aufgrund der Biennalsprünge 2,5 Prozent. Da geht eine enorme Schere auf. Und das wird gefährlich für die Volkswirtschaft. Im exponierten Sektor stehen die Leute auf der Straße, wenn kein Geld mehr da ist. Im geschützten Sektor hat man kaum noch etwas gemerkt von der Krise. Das wird auf Dauer zu einem Problem. Und tatsächliche Reformen im Verwaltungssektor hat es noch nicht gegeben.

 

Sehen Sie eine Chance, dass es die je geben wird?

Draxler: Die gibt es nur, wenn die Krise wirklich sehr lange dauert. Es bedarf wahrscheinlich eines wirklich großen Crashs, dass dort das Bewusstsein kommt, dass eingespart werden muss. Das Problem ist auch, dass der gewerkschaftliche Einfluss im öffentlichen Sektor so groß ist, weil auch die Gewerkschaften innerhalb der Parteien Druck erzeugen können, dass es da keine großen Reformen geben wird. Das betrifft die SPÖ genauso wie die ÖVP. Da sind alle Parteien unter gleichem Druck ihrer wesentlichen Wählerschichten. Und das kostet viel volkswirtschaftliche Substanz.


So, wie Sie das beschreiben, ist das ja fast schon ein auswegloses Problem.

Draxler: Es wird erst dann zu gravierenden Schritten kommen, wenn es wirklich einen merkbaren Wohlstandsverlust gibt. Aber das wird noch einige Zeit dauern.

 

Bisher erschienen: Eva Dichand (7.12.), Eser Akbaba (21.12.), Erich Leitenberger (24.12.), Brigitte Bierlein (28.12.), Wolf D. Prix (29.12.), Berthold Salomon (31.12.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2010)

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