Schriftsteller Kamel Daoud über Rassismus in seiner Heimat, Algerien, elitäre westliche Linke – und warum er sich in Osteuropa besser verstanden fühlt.
Die Presse: Sie brachten heuer auf der Frankfurter Buchmesse offenbar unerwarteten Dissens in ein Autorengespräch, worum ging es? Kamel Daoud: Um die Idee der Solidarität mit den Migranten. Teilnehmende Schriftsteller sagten, es brauche eine universelle und vor allem westliche Solidarität. Man müsse vor allem die Art und Weise verändern, wie die Flüchtlinge aufgenommen werden. Dem stimme ich zu. Ich stimme aber nicht zu, dass wir im Süden nur als Opfer dargestellt werden. Als Algerier interessieren mich die Bedingungen des Aufbruchs. Und darüber zu reden war von den Veranstaltern einfach nicht vorgesehen. Sie glaubten, wir haben alle dieselbe Position.
Gut, wie also ist die Ihre?
Ja, wir müssen über die Aufnahme der Flüchtlinge reden. Aber auch über die Tragödien, die die Menschen dazu gebracht haben, wegzugehen. Dazu kommt, dass ich es leid bin, mir immer dieselben Phrasen von der Schuld des Westens an allem anzuhören. Er hat eine Verantwortung, und wir haben eine Verantwortung. Ständig über westliche Fehler zu reden erlaubt es, die eigenen zu kaschieren. Dass es zum Beispiel in Algerien und im Maghreb überhaupt eine unglaubliche Welle von Rassismus gegenüber den Schwarzen aus dem südlicheren Afrika gibt.